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Susanne Betancor : Grenzgängerin zwischen Musik und Poesie

Wenn Susanne Betancor, genannt Popette, die kleinen Dramen des Alltags besingt, macht sie dies liebevoll und mit Ironie. Die Sängerin fühlt sich im Chanson und Kammerpop zuhause.
wazzup!Susanne Betancor
Die Sängerin Susanne Bentancor trägt den Künstlernamen Popette

Susanne Betancor, 1964 in Neuwied geboren und seit 1989 in Berlin zuhause, kann man als Vorreiterin eines Musikgenres bezeichnen, das es ohne sie vielleicht gar nicht geben würde. Es ist der Kammerpop. Sie präsentiert diese kleine Form des musikalischen Auftritts mit einer verspielten Lyrik, die dem Alltag entsprungen ist, ihn besingt und  poetisch verzerrt oder karikiert.  

Künstlername  „Popette“  

Als Künstlerin nennt sich Susanne Betancor „Popette“. Man kann das als eine Verklausulierung von Kammerpop und Chansonette sehen, als Berufsbezeichnung für eine Grenzgängerin zwischen Musik und Poesie. Die „Popette“ singt von der Einsamkeit des Alltags, von ihrer hübschen Straße in Berlin, von Trennung, einem Pickel auf ihrem Kinn oder der Sehnsucht nach Heimat. Modisch ist die „Popette“ aus der Zeit gefallen. Susanne Betancor trägt zur Kurzhaarfrisur Kleider im Stil der 1950er-Jahre oder auch mal einen Bademantel aus Satin. Zu gefallen, das ist nicht ihr Stil. Sie eckt lieber an.

In der Tradition des französischen Chansons

Aber sie ist keine klassische Chansonnière. Sie karikiert sich selbst und die Musik-Genres, sie verdreht die Logik und macht sich lustig über Konventionen, sie ist widersprüchlich und ambivalent und hat einen hübsch-verdrehten Hang zum Irrealen. „Ich wäre lieber wieder da, wo ich herkäme“, heißt es etwa im doppelten Konjunktiv in dem Song „kein island“. Da steht eine auf der Bühne, inszeniert sich und schaut sich selbst dabei zu. Dazu spielt die „Popette“ Klavier oder lässt ihre Begleitband rocken, manchmal legt die Musik Jazzperlen über ihre Worte. Manches scheint von Kurt Weill übernommen, anderes klingt nach Elvis Costello, sie steht in der Tradition von Hanns Eisler und dem französischen Chanson und hat doch ihren eigenen Kosmos geschaffen.

Die kleinen Dramen des Alltags

Mit  Ironie singt sie von den kleinen Dramen des Alltags, verstörten Tauben oder der „Welt, die aussieht wie frischgewaschen“, sie singt über die „Umräumer und Neu-Verkabler“ der neuen digitalen Welt, sie betrachtet sich selbst im Spiegel der Gesellschaft, und manches scheint auch nur um des lieben Reimes Willen entstanden. Etwa die Zeilen „Der Mond steht heut’ als Sichel/am Himmel hängt er rum/ich sitz am Tisch und pichel...“ wie sie auf ihrer CD „kein island“ mit deutschen Balladen singt.

Susanne Betancor im BKA-Theater

Susanne Betancor hat dem Kunstlied wieder zu Geltung verholfen. Sie hat ihm mit ihren humorvoll-hintergründigen, verspielt-absurden Texten einen eigene Stempel aufgedrückt. Dafür wurde sie ausgezeichnet. 1997 erhielt sie den „Prix Pantheon“, 1998 den Deutschen Kleinkunstpreis in der Kategorie „Chanson“. Wer sie gerne erleben möchte, kann dies im BKA-Theater am Mehringdamm tun. Dort tritt die Popette regelmäßig auf.

 

Autor:
Michael Link