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Kulturmacher

Bereit für die Berlinale

János Can Togay leitet das Collegium Hungaricum in Mitte. Er ist leidenschaftlicher Filmfan. Zum Internationalen Filmfestival wird die Fassade wieder zum multimedialen Kunstprojekt.
János Can Togay

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János Can Togay

"Am sichersten fühle ich mich, wenn ich arbeite." János Can Togay muss sich sehr sicher fühlen. Zumindest arbeitet er viel. "Arbeitsbesessen" hat sich der Direktor des Collegium Hungaricum Berlin (.CHB) in Mitte einmal genannt. Togays Kollegen bestätigen das mit einem Kopfnicken und fahren fort mit ihrer Arbeit. Doch was genau machen die Leute vom .CHB? Derzeit bereiten sie sich auch auf die Berlinale vor.

 

Dabei spielt der Sitz der ungarischen Kulturinstitution in Mitte eine große Rolle. An der Dorotheenstraße 12 im Herzschen Palais war sie 1924 vom Literaturwissenschaftler Robert Gragger begründet worden. An der Stelle steht seit 2007 ein schnörkelloser Neubau des Architekten-Büros Schweger Assoziierte. Togay hat den geometrisch klar gegliederten, weißen Fünfgeschosser mit dem .CHB und Dienstantritt im Jahre 2008 bezogen.

 

Hinter provokanter Fassade

 

"Das Haus ist ein Werkzeug", sagt er. Die Fassade neben dem imposanten Maxim-Gorki-Theater und dem Pergamonmuseum nennt er wegen ihrer Schlichtheit "höflich provokant". Für sein Kulturprogramm bietet sie eine geeignete Projektionsfläche. In die drei großen Fenster gen Süden wurden halbdurchlässige Leinwände eingebaut. Beamer bringen Diskussionen oder Vernissagen vom Gebäudeinnern nach draußen - und Kunst.

 

Ein Beispiel ist die Verwandlung durch Peter Greenaway während der Berlinale 2009: Der Experimentalkünstler und Regisseur schickte Loops von eigenen und ungarischen Filmsequenzen auf die Leinwände, während der ungarische Star-DJ und Komponist Yonderboy auflegte. Das Haus war voll, Zuschauer standen davor auf der Straße.

 

Berliner sind Togays Zielpublikum. Geschlecht und Alter spielen keine Rolle, genauso wenig die Herkunft. "Wir haben je nach Veranstaltung ganz unterschiedliche Besucher", so Togay. Zur Berlinale kommen die Filmfans. Am erfolgreichsten ist das Pitching: Junge Filmemacher stellen ihre Ideen vor und nehmen Kritik und Ratschläge des Fachpublikums auf. Das Programm heißt "Cinema Total" und läuft im Februar 2013 unter dem Titel "Europa endlos" zum sechsten Mal. Es soll die Wahrnehmung der mittel- und osteuropäischen Filmbranche sichern. "Die Beziehungen zur Berlinale sind gut", sagt Togay, "wir bemühen uns um Synergien".

 

Darüber hinaus vernetzt Togay Roma-Filmschaffende aus ganz Europa unter dem Namen "Cineromani". Im Juni 2013 ist zusammen mit dem Zeughaus eine Film-Retrospektive zu sehen. Im .CHB finden Vorträge statt, zeitgenössische Filme und Installationen werden gezeigt.

 

Togay kommt vom Film, er hat geschauspielert, Drehbücher geschrieben und Filme gedreht. Sein Spielfilm "Der Sommergast" war 1992 in Cannes vertreten. Erste Schritte auf der Bühne unternahm er in Leipzig. 1952 waren seine nach Paris emigrierten türkischen Eltern nach Ungarn ausgewandert, wo Togay zur Welt kam. 1963 ging es weiter nach Leipzig. Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr wohnte Togay dort und spielte im Kindertheater. Sein Deutsch ist makellos. Er studierte in Budapest Germanistik und Anglistik sowie Theater- und Filmwissenschaften.

 

Selbst wenn er sich inzwischen wieder Zeit nimmt, Gedichte und Drehbücher zu schreiben, lebt Togay nicht vom Kuss der Muse, sondern touchiert täglich die harte Welt der Zahlen. Denn das Geld für größere Projekte muss er selbst besorgen. Der vom ungarischen Staat finanzierte Grundetat des .CHB mit seinen monatlich 1000 bis 1500 Besuchern reiche nur für kleinere Veranstaltungen, sagt Togay, die Ungarisch-Kurse und die Unterhaltung der Bibliothek eingerechnet.

 

Stiftungen sind wichtige Kooperationspartner. Maßgebliche Unterstützung bot die Hauptstadtkulturstiftung für das zweijährige Projekt "Deutsche Einheit am Balaton"; der Balaton, zu Deutsch Plattensee, ist das wichtigste Tourismuszentrum Ungarns. Zwölf feste und bis zu 30 freie Mitarbeiter sammelten private Filmaufnahmen, durchforsteten Stasi-Unterlagen, Papiere des ungarischen Geheimdienstes, sprachen mit Urlaubern und Anwohnern und filterten deutsch-deutsche Erinnerungen an "Liebe", "Flucht" und "Freundschaft" zu einer kinematographischen Installation heraus. Themen, die 2011 auch Robert Thalheims Film "Westwind" in die Kinos brachte.

 

Das Projekt hat Togays Anspruch erfüllt, das .CHB als Berliner Institution einzubringen und "so relevant wie möglich zu sein und Ungarn durch Teilhabe zu vertreten". "Balaton" zeigte einen Teil der deutschen Geschichte, die sich außerhalb deutscher Grenzen abgespielt hatte.

 

Togay, dessen Vertrag noch zwei Jahre läuft, will keinesfalls nur in Ungarn entstandene Kunst im Ausland "zerstreuen, sondern den Boden vor Ort befruchten". "Don't represent. Take a stand!", sagt er, "Repräsentiere nicht, beziehe Stellung!".

 

Platz für Polemik

 

Das betrifft auch die Lage in Ungarn. Togay, ganz Diplomat, möchte eine Plattform für kontroverse Diskussionen schaffen. "So hatten wir zu dem umstrittenen ungarischen Mediengesetz einen ungarischen Fürsprecher und einen kritischen deutschen Journalisten eingeladen. Da konnten sich die Gäste selbst eine Meinung bilden. Diese Möglichkeit zeichnet eine freiheitliche Gesellschaft aus", sagt der ungarische Kulturbotschafter.

 

Wenn Togay nicht durch Deutschland oder Europa reist, um Hunderttausende Euro Fördermittel zu generieren, arbeitet er im Büro im vierten Stock. "Das ist mein Lieblingsraum. Hier finden alle Gespräche und Begegnungen statt, hier beginnen die Projekte." Arbeitsbesessen heißt nicht verkrampft: Für den Fotografen springt Togay so lange in die Luft, bis das Bild stimmt. Qua Profession hat er für visuelle Bedürfnisse großes Verständnis.

 

Drei Söhne hat der 57-Jährige, alle sind schon erwachsen. Togay und seine Frau wohnen nun nach Jahren an der Kastanienallee in Charlottenburg. So hat er nach der Szene in Prenzlauer Berg und dem historischen Protokoll in Mitte zuhause "bürgerlichen Alltag, das braucht man manchmal". Berlin fehle es an nichts, so das Urteil Togays, der bereits in Paris, Istanbul und Helsinki gelebt hat. "Städte sind komplett. Das, was ihnen vermeintlich fehlt, macht ihren Charakter aus." Ihm selbst, fügt er scherzend hinzu, fehle höchstens ein Haus am Wannsee. Am Balaton hat er eines.

 

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