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Berliner Perlen

Ein Kraut für alle Fälle

Kristine Mager kennt sie alle: Tees, die Menschen zu beruhigen vermögen und solche, die ihnen einen dringend benötigten Energiestoß verpassen. Sie kann Teesorten empfehlen, die wunderbar ein Gespräch mit der besten Freundin begleiten und andere, die eher geeignet sind, wenn Schachspieler gegeneinander antreten.

Berliner Teesalon




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Berliner Teesalon

Und deshalb weiß die Ladeninhaberin des Berliner Teesalons auch, was zu tun ist, wenn vor dem Eingang ihres Ladens in der Invalidenstraße morgens mal wieder zerbrochene Bierflaschen liegen. Dann greift sie zunächst zu einem Besen und anschließend zu dem Metallbehälter mit Steintee aus dem chinesischen Wuyishan, den sie mit sehr heißem, ungefiltertem Wasser aufgießt. "Die Steintees mit ihrem mineralischen Geschmack sind großartig, wenn man wütend ist", sagt die Ladeninhaberin. "Sie helfen, destruktive Gedanken in konstruktive umzuwandeln."

 

Das Geschäft liegt an einer der ungemütlichsten Ecken von Mitte. Doch kaum hat man den in warmen Brauntönen gehaltenen Laden betreten, ist das Getöse der Straße vergessen. Die Wände sind mit Kacheln aus dem 19. Jahrhundert verziert. An der Decke biegen sich Holzbalken aus der selben Epoche, im Hintergrund läuft leise Klaviermusik. Der Mittelpunkt des Geschäfts sind die 300 verschiedenen Teesorten aus aller Welt, die in großen Metallbehältern präsentiert werden. Außerdem gibt es jede Menge stilechtes Teezubehör wie Raku-Schalen, Matcha-Besen und Tokoname-Kannen, das die Herzen der Eingeweihten höher schlagen lässt. Die Kännchen, von denen viele weniger Flüssigkeit fassen, als ein normaler Büro-Kaffeepot, sind meist aus Ton und von schnörkel- und zeitlosem Design. Man sieht ihnen an, dass sie schon vor Hunderten von Jahren zum Einsatz kamen. Der Schwerpunkt des Sortiments aber liegt eindeutig bei den chinesischen Tees und ihrer Zubereitung.

 

Tees und Flaggen aus China

 

Gegründet wurde der Berliner Teesalon im Jahr 2001 von Thomas Lünser, der Tee-Experte, Chinakenner und Buchautor ist. Seine Idee war es, gemeinsam mit einem Kompagnon im Winter Tee und im Sommer Flaggen aus China zu importieren. Nach fünf Jahren liefen die Geschäfte zwar unter dem Strich gut, nur warf der Teeladen in der Invalidenstraße keinen Gewinn ab. "Solch ein Laden muss inhabergeführt sein", sagt Kristine Mager, die das Geschäft 2006 übernahm. Zuvor hatte die gelernte Kosmetikerin jahrelang in Institutionen wie der "Henne" oder dem "Café Einstein" gekellnert, ein bayerisch-marokkanisches Restaurant betrieben und schließlich ein Teegeschäft mit angrenzendem Café im Wedding eröffnet. "Das war aber eindeutig der falsche Ort für einen Teeladen. In der Gegend gibt es kaum Kaufkraft", sagt die 45-Jährige.

 

Als sie 2006 gefragt wurde, ob sie den Berliner Teesalon übernehmen möchte, zögerte sie deshalb nicht lange und sagte zu. In den ersten Monaten arbeitete sie noch mit Thomas Lünser zusammen, von dem sie, wie sie beteuert, "enorm viel über Tee und den Import gelernt" hat.

 

Etwa die Hälfte des Sortiments wechselt nun bei ihr jährlich. Ähnlich wie beim Wein fällt auch die Ernte beim Tee von Jahr zu Jahr witterungsbedingt unterschiedlich aus. Eine Teeplantage, die in einer Saison erstklassige Qualität liefern kann, bleibt in der nächsten Saison womöglich auf ihrer Ware sitzen. Einen wesentlichen Teil der Arbeit von Kristine Mager macht deshalb auch das Verkosten von Tees aus. "Ein guter Tee hat einen Geschmack, der lange anhält", erklärt sie. Zu den edelsten der Tees in ihrem Angebot gehören frische Pflückungen, die eigens aus den Anbaugebieten eingeflogen werden und Spezialitäten wie der japanische Gyokuru, von dem 50 Gramm 18 Euro kosten.

 

Wenn Kristine Mager über Tees und ihre besondere Wirkung redet, dann spricht sie niemals über Lifestyle-Produkte mit Namen wie "Harmonie" oder "Abendruhe", sondern stets von Grün-, Schwarz-, Oolong- und Pu-Erh-Sorten. Alle stammen sie von der Teepflanze Camellia sinensis ab und kommen ganz ohne künstliche Aromastoffe aus.

 

Der Berliner Teesalon ist zweifellos ein Laden für Puristen und Kenner. Die Kundschaft kommt aus allen Bezirken Berlins und kauft gerne mehrere Sorten als Vorrat. Zielstrebig verlangen sie nach einem Jelsa aus Kenia oder nach einem chinesischen Tian Mu Qing Ding, dessen Name in der deutschen Übersetzung "Das himmlische Blatt" bedeutet.

 

Frei schwimmende Blätter

 

Andere Kunden verlangen, überwältigt von dem Angebot, nach "irgendeinem leckeren Darjeeling" oder nach jenem "Assam tippy irgendwas", den sie letztens bereits gekauft haben. Alle verlassen den Laden mit Tipps zur richtigen Wassertemperatur und Ziehzeit.

 

Auf die Frage nach der passenden Zubereitung empfiehlt die Ladeninhaberin den Neueinsteigern meist einen hochwertigen Dauerfilter - ein Ratschlag, bei dem der eine oder andere Experte vermutlich die Augenbrauen hochziehen wird. "Natürlich schmeckt Tee am Besten, wenn die Teeblätter richtig frei schwimmen dürfen", sagt Kristine Mager. "Aber wer hat in einer kleinen Büroküche schon Platz für mehrere Teekannen? Ich plädiere dafür, dass Tee in erster Linie eine stressfreie Angelegenheit sein sollte." Auch, wenn mit Tee natürlich noch ganz andere Wunder möglich sind.

 

Berliner Teesalon Invalidenstraße 160, Mitte, Tel. 28 04 06 60, montags bis freitags 12-19 Uhr, sonnabends 10-16 Uhr

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