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"Wir haben viele Artikel, die sich saisonal verkaufen", sagt Martin Rüther, Geschäftsführer und Sohn des Firmengründers. Halloween-Girlanden müssen nun weihnachtlichen Plätzchen-Ausstechern weichen.
Etwa 70 000 verschiedene Artikel verkauft das kleine Bastel-Universum in Familienbesitz. In der Frankenstraße ist der Keramikladen untergebracht, in der Goltzstraße befinden sich der Perlencenter und ein Laden für Künstlerbedarf. Das Hauptgeschäft für Bastelbedarf ist das Herz des Geschehens und liegt an der Ecke der beiden Straßen.
Der Laden ist sehr verwinkelt und voll gepackt. Auf Anhieb findet man nichts. Dafür entdeckt man Bizarres wie "Zahnschwarz" und "Nasenkitt" in der Faschingsschminke-Abteilung, rundes Faltpapier und Fotokarton mit Tautropfen oder Wolkenmotiven in der Papier-Abteilung. Dazwischen Linkshänder-Lernscheren, Heißleimpistolen, Holzschachteln, Styroporkugeln, Glöckchen, Bänder, Webrahmen, Häkelhaken, Mosaiksteine, Hunderte verschiedener Stifte und Stempel sowie eine schier unüberschaubares Vielfalt an Modelliermasse.
Kaum mehr als Silberdraht
1969 fing alles an. Wilhelm Rüther, Sohn eines westfälischen Dorfkrämers, wollte sein Angestelltendasein hinter sich lassen und in die Selbstständigkeit starten. Er übernahm einen winzigen Schreibwarenladen, gerade mal 18 Quadratmeter groß, in der Gleditschstraße. "Hobbybedarf zu verkaufen - das war die Idee meiner Ehefrau", erzählt der 77jährige Firmengründer. Seine Gattin war Erzieherin in einem Kindergarten und hatte die leidvolle Erfahrung gemacht, dass vernünftiges Bastelmaterial nur schwer aufzutreiben war. "Damals gab es noch nicht viel. Emaille-Zubehör, Peddigrohr, Bastelpapiere und Silberdraht - mehr hatten wir nicht", erinnert sich Wilhelm Rüther.
Sein Angebot sprach sich schnell in der Stadt herum. Zu Beginn der 70er-Jahre gab es am Kudamm jede Menge fliegender Händler, die vor den Augen der Passanten aus Silberdraht filigrane Schmuckstücke fertigten. Einer der Händler kam eines Tages zu Rüther in den Laden und erwarb Draht und Bastelzangen. Am nächsten Tag schon standen mehrere seiner Kollegen vor der Tür.
Drei Jahre nach der Eröffnung zog das Unternehmen dann eine Straße weiter in die Goltzstraße, wo es bis heute ist und einen bodenständigen Kontrast zu den angrenzenden Szene-Bars und -Geschäften bildet. In den mehr als 40 Jahren seit der Gründung ist das Rüthersche Hobby-Imperium angewachsen. Der Eckladen wurde stetig vergrößert, andere kleine Läden wurden angemietet. Von 2003 bis 2006 eröffneten weitere Filialen in Prenzlauer Berg, Tegel und Spandau. Allein in Schöneberg sind heute 28 Mitarbeiter beschäftigt: Verkaufspersonal, Lagerarbeiter, Bürokräfte sowie ein Fahrer, der in erster Linie Kitas und Schulen beliefert. Seit jeher bekommen diese Einrichtungen zehn Prozent Rabatt auf alle Waren.
Das Geschäft mit Bastelmaterial ist in Deutschland längst ein lukrativer Millionenmarkt geworden. Doch auch diese Branche ist schwankungsanfällig. Trends und Moden können schnell wechseln. In den 90er-Jahren war Seidenmalerei das Lieblingshobby von Zehntausenden. Ein paar Jahre später fummelte man Papierservietten auseinander und klebte sie auf Blumentöpfe. "Serviettentechnik" nannte sich der Freizeitspaß. Kinder knüpften bunte Scoubidou-Freundschaftsbänder zusammen, bis das neonbunte Material sich als schadstoffbelastet entpuppte. Vor kurzem kamen Plastikbänder ohne Weichstoffmacher auf den Markt. Jetzt darf wieder fröhlich geknotet werden.
Aktuell angesagt ist "Glas Tattoo", eine Art Schablonentechnik, mit der man zarte Muster auf Glasscheiben zaubert. Die Ergebnisse sehen weitaus dezenter aus als die quietschbunten "Window-Colors"-Kunstwerke, die um die Jahrtausendwende herum in Kindergärten und Grundschulen en masse produziert wurden. Ölfarben, Pinsel, Kreiden und Töpfereibedarf dagegen laufen immer. Gern genutzt wird der riesige Brennofen, der in einem Nebenraum steht. Dort kann man Schalen oder Vasen bei 1000 Grad brennen und glasieren lassen.
Hobbykünstler mit Ehrgeiz
Besonders geliebt wird der Laden von jener Bastler-Spezies, die ihr Hobby mit heiligem Ernst betreibt. "Ich bin immer wieder überrascht, auf welche seltsamen Ideen die Menschen kommen", sagt Claudia Berlin, die seit 23 Jahren in dem Laden arbeitet. Einer ihrer Stammkunden knetet und modelliert Prominente nach. Vor kurzem zeigte er ihr stolz ein kleines Papst-Benedikt-Figürchen. "Sogar die Gesichtszüge konnte man erkennen", sagt Claudia Berlin. Eine andere Kundin bastelt riesige Lampen aus bemaltem Papier, das sie mit einem Stoffimprägnierungs-Mittel verhärtet. "Wenn ich von solchen Plänen höre, bitte ich die Leute immer, dass sie mir später wenigstens mal ein Foto zeigen", sagt die Verkäuferin. Auch die Werke von Hobbykünstlern haben schließlich ein wenig Ruhm und Publikum verdient.
Hobbyshop Wilhelm Rüther Goltzstraße 37, Schöneberg, Tel. 23 63 683, www.hobbyshop.de , Mo.-Fr. 10-19 Uhr, Sa. 10-16 Uhr
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