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Nach 30 Sekunden wird aus dem Grummeln Klang. Und was für einer. Alte "Phonomöbel" von Blaupunkt, Nordmende oder Grundig schöpfen ihren satten Sound aus dem großen Edelholzchassis und einer Technik, deren Wellenfang magisch wirkt. Der Rundfunkmechanikermeister Horst Dieter Schmahl repariert und hütet solche Geräte in seinem Kreuzberger Laden Radio Art.
Hinter den Fenstern des Altbaus an der Zossener Straße schauen Dutzende der edlen Großradios aus hohen Regalen auf den Besucher herab. Sie warten auf Kenner, die ihnen mit einem Druck auf die wie Elfenbein schimmernden Knöpfe wieder Leben einhauchen. Dann heizen in den Holzkörpern Röhren auf, glimmen Lämpchen. Lautsprecher knacken, Stoffbespannungen vibrieren. Diese Technik lebt. Etwa das legendäre Selbstbauradio "Heinzelmann", mit dem Max Grundig 1947 die strenge Alliierten-Kontrolle zum Radiohandel umging.
Quietschbunte Transistor-Heuler
Im Radio Art findet jeder ein exquisites Jahrgangs-Geschenk ab Baujahr 1927. So kann man sich zur goldenen Hochzeit noch einmal Rudi Schurickes "Capri Fischer" aus einem der frühen Kofferradios gönnen, die so romantische Namen wie "Mambo", "Bajazzo", "Amigo", "Caprice" oder "Flirt" tragen. In den Glasvitrinen werden Autofreunde fündig, die einen der quietschbunten Transistor-Heuler suchen, die weiland an Handschaltung oder Rückspiegel von Ente und Käfer baumelten. Und selbst wer die 50 bis 3000 Euro fürs historisch-analoge Hörerlebnis nicht berappen kann, hat vermutlich schon mal einen der Audio-Schätze gesehen. Etwa in den Filmen "Stalingrad", "Stauffenberg", "Marlene Dietrich" und zuletzt "Inglourious Basterds". Deren Musik-Requisiten stammen von Radio Art.
Seine persönliche Liebe zu den Dampfradios, "Volksempfängern" und "Goebbelsschnauzen" aus den 30er-Jahren und den großen Truhen aus den 60er-Jahren hat der Radio-Meister über Dekaden verfeinert. Seit 1958 lernte Schmahl, versuchte auch mal, den Holzkorpus eines 1954er-"Zaunkönigs" mit der Axt zu zerlegen. "Das ging nicht. Das war noch echte Tischlerarbeit", sagt Schmahl (69) im Rückblick auf die Jugendsünde. Heute dagegen hegt er jedes Einzelstück.
Während eines langen Technikerlebens betrieben Schmahl und Frau Karin auch mal einen ganz normalen Radioladen. 1997 aber kaufte er Bestände des Rundfunkmuseums Berlin auf und verlegte sich ganz auf die Restauration alter Radios, Fernseher und Plattenspieler. Ersatzteile für die alte Tontechnik gibt es noch heute. "Ich brauche zehn baugleiche Radios, um zwei Top- und drei passable Geräte daraus zu bauen", sagt der Restaurator. Der Aufwand lohnt. Besonders seine jüngeren Kunden danken es ihm.
Einer von ihnen betritt jetzt den musealen Laden und fördert einen Plattenspieler zu Tage. Der "Dual" ist Baujahr 69. Älter als sein Besitzer. Schmahl wirft rasch ein Tuch über die Marmorplatte, bevor der Patient mit schlackerndem Tonarm auf dem OP-Tisch landet. "Er läuft nicht mehr richtig", klagt der Vinylfan. Sekunden der Stille. "Das ist die Kupplung des Tonarms", lässt Schmahl wissen. "Kriegen Sie das wieder hin?" "Klar, keine Problem!" Der Kunde schaut erleichtert aus.
Nach Schrauben und Löten tönen dort auch Geräte, die neben Musik vor allem politische Ideen verbreiteten. Volksempfänger peitschten Naziparolen in die Wohnzimmer. Bessere Geräte empfingen Thomas Manns mahnende Exil-Stimme auf BBC. Auf Kurzwelle zu hören, war verdächtig. Wer mit dem Internet aufwächst, weiß oft nicht, dass man sich einst mit jenen Holzkästen die Welt ins Zimmer holte. Am 1. Mai hocken inzwischen Strategen vor der Röhre und hören auf UKW den knarzenden Polizeifunk ab.
Schneewittchensarg
Jazz-Freund Schmahl interessiert sich da mehr fürs Klangerlebnis. Die Wertarbeit der 50er- und 60er-Jahre beruhe, erklärt Karin Schmahl, darauf, dass Chefs wie Max Grundig und Karl Mende die Prototypen mit nach Hause nahmen. Am Nierentisch wurde gelauscht, ob die Geräte echtes Konzertflair lieferten. Und der Look der Musikmaschinen war wichtig. Horst Dieter Schmahls Hand fährt zart über die Plexiglashaube einer mattweißen Musiktruhe: "Mit diesem Phonosuper SK4, dem sogenannten 'Schneewittchensarg', schrieb Braun 1955 Industriegeschichte", sagt Schmahl. "Damals verpflichteten Radiobauer noch renommierte Designer wie Hans Gugelot oder Dieter Rams." Wer Radio Art besucht, darf immer auch auf einen kulturhistorischen Vortrag hoffen.
Dazu gehört die Erwähnung, dass Schmahl mit dem Digitalsound wenig anfangen kann. "Eine CD ist wie Essen aus der Chrom-Edelstahlküche", sagt er. Warum die alte Röhrentechnik besser war? "Der Klang der Röhre in ihrem Holzgehäuse hat für das Ohr genau die gleiche Hörfrequenz wie eine menschliche Stimme. Beim Jazz kann ich da noch das Zupfen des Bassisten hören."
Radio Art Zossener Straße 2, Kreuzberg, Tel. 693 94 35, Do. & Fr. 12-18 Uhr, Sbd. 10-13 Uhr, www.radio-art.de
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