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In Berlins Absinth Depot in der Weinmeisterstraße kann man den Clandestin kaufen. Er ist klar und riecht nach Anis. Depot-Inhaber Hermann Plöckl sagt, das sei einer der besten Absinthe, die momentan auf dem Markt sind. Plöckls Laden hat aber weit mehr zu bieten. Sechs Regale erheben sich an der Wand hinter dem Tresen. Auf den Brettern vor der goldglänzenden Tapete stehen kleine, schlanke, dicke, große und langhalsige Flaschen. Alles Absinthe. Denn seit 1998 darf der Wermut-Schnaps wieder offiziell in Deutschland verkauft werden.
Damals war das Absinth Depot noch ein einfacher Tante-Emma-Laden. Es gab Bier, Wodka Zigaretten und Cola. Seit Anfang der 90er-Jahre konnte man sich hier für Partys eindecken. Kurz nach dem Mauerfall war die Spandauer Vorstadt noch grau, es gab kaum Geschäfte. "Wir gehörten zu den ersten hier", sagt Plöckl.
Weil das nicht lange so blieb, machten Plöckl und Kollegen sich daran, dem Laden ein anderes Profil zu geben. Die Gegend um den Hackeschen Markt wurde mehr und mehr zur hippen Einkaufsmeile. Da kam der gesetzliche Richtungswechsel in Sachen Absinth gerade recht. Die "grüne Fee", wie das sagenumwobene Getränk in Anspielung auf seine Farbe genannt wird, hatte Plöckls Interesse geweckt.
Ein Szene-Renner war das Getränk schon in Kreisen der europäischen Boheme des späten 19. Jahrhunderts gewesen. Schriftsteller wie Oscar Wilde, Dichter wie Paul Verlaine, Maler und andere Künstler liebten den Absinth. Ein Portrait von 1887 zeigt Vincent van Gogh in einem Café mit einem der typischen, kelchförmigen Gläser vor sich. Bei einem berauschten Abend büßte das Genie gar ein Ohr ein. Eine veritable Sucht grassierte, der Absinthismus.
Mehr als hundert Jahre später gehört der Laden in Mitte zu den ersten Adressen für Absinth-Fans. Es gibt nur sehr wenige Geschäfte in Deutschland, die sich darauf spezialisiert haben. Auch die europäische Absinth-Gemeinde ist klein. Man kennt sich. Einmal im Jahr kommen die Kenner beim Absinth-Wettbewerb in Pontarlier, Frankreich, zusammen. Plöckl saß zweimal in der Jury, kostete und sprach sein Urteil. Das Nachschlagewerk zur Historie des Getränks, das Plöckl immer griffbereit hat, ist mit einer persönlichen Widmung von Autorin Marie-Claude Delahaye versehen.
Sogar Touristen aus Amerika steuern die Berliner Institution an. In den USA ist der Tropfen nach wie vor verboten. Schuld ist sein zweifelhafter Ruf. Der Konsum verspricht vieles, auch Halluzinationen. Lange nahm man an, Thujon, ein ätherisches Öl der Wermutpflanze, sei für den besonderen Absinth-Rausch verantwortlich. Kritiker wiesen auf die dem THC ähnliche Molekularstruktur hin. THC ist der Wirkstoff in Marihuana. Zweifelsfrei ist das Thujon eines der Geheimnisse des Absinths. Seine halluzinogene Wirkung ist allerdings nicht mehr als ein hartnäckiges Gerücht. Trotzdem ist der Thujongehalt durch EU-Recht auf nicht mehr als bescheidene 35 Milligramm je Liter begrenzt. Sicherheitshalber.
Ein Bier nach Feierabend, sagt Plöckl, und man schlafe vor dem Fernseher ein. Absinth sei da völlig anders. Das Getränk mache wach und berausche. Genommen wird der Hochprozentige mit etwa vier Teilen Eiswasser. Die meisten Absinthe haben zwischen 55 und 70 Prozent Alkohol. Je besser die Sorte ist, desto mehr Wasser verträgt er. Im Absinth Depot steht immer eiskaltes Wasser bereit, stilecht in einer Glasfontäne mit vier Hähnen. An zwei Stehtischen kann man für 3,50 Euro pro Glas die Hausmarke probieren. Eine Flasche kostet bis zu 70 Euro.
Dass es neben Absinth noch immer Bier, Prosecco und Wodka gibt, ist eine ökonomische Entscheidung. Es ist aber auch ein Statement. Das Absinth-Depot soll, wie in den 90er-Jahren, ein Geschäft für die Nachbarschaft sein. "Ich nehme keine Fantasiepreise, um Touristen abzuzocken", sagt Plöckl. Die Auswahl an Spirituosen kann sich sehen lassen. Daneben gibt es Fritz-Kola, Orangina und andere In-Getränke. Wem Absinth zu hart ist, kauft Absinth-Bonbons oder Schoko-Täfelchen mit Wermutöl.
Etwa 85 Prozent aller Absinthe ist Anis zugesetzt. Früher war das ein billiger Zuckerersatz. Auch wenn sich heute jede Brauerei Zucker in rauen Mengen leisten kann, wird Anis weiterhin verwendet, da er es mit den Bitterstoffen des Wermuts aufnehmen kann. Ein Absinth ohne Anis schmeckt bitter wie Campari, sagt Plöckl.
Der beste Wermut wächst im rauen Klima der Westschweiz. Dort wurde und wird das Getränk besonders geliebt. Kein Zufall, dass der Absinth in dieser Region überlebt hat. Trotz widriger Umstände. Ein bisschen so, wie der kleine Tante-Emma-Laden in der Spandauer Vorstadt. Nur an die vielen Touristen, die nach Glühwein oder Bierkrügen fragen musste sich Plöckl gewöhnen. Die meisten kaufen nur billigen Likör. Selbst im Depot ist Absinth also noch immer ein Geheimtipp.
Absinth Depot Weinmeisterstr. 4, Mitte, Tel. 281 67 89, Mo.-Fr. 14-24 Uhr, Sbd. ab 13 Uhr
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