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Berlin genießen

Seitenweise Köstlichkeiten

Irgendwann und irgendwo ist es verschwunden: das mit Patina, sprich Butter- und Mehlspuren übersäte Dr. Oetker Backbuch. Und damit auch die Rezeptur vom versunkenen Apfelkuchen. Johannes Mohr und Swen Kernemann-Mohr kennen solche Fälle.
Marion Hunger



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"Einen Augenblick", sagt Johannes Mohr, taucht mit einem leichten Grinsen hinter zahlreichen Regalen ab und erscheint nach einer Minute wieder. "Bitte schön, Dr. Oetkers 'Backen macht Freude' von 1963. Auf Seite 32 steht das Rezept vom sehr feinen Apfelkuchen", freut sich der 54-Jährige.

 

Ein "Tut mir leid, das haben wir nicht" oder "Das kenne ich nicht" gibt es bei den beiden Betreibern der Bibliotheca Culinaria eigentlich nicht. Denn ihr Refugium, ein rund 75 Quadratmeter großer Souterrain-Laden in Prenzlauer Berg, ist das größte deutschsprachige Kochbuchantiquariat, wahrscheinlich nicht nur deutschland-, sondern weltweit. Insgesamt etwa 25 000 Kochbücher von 15 000 verschiedenen Titeln finden sich hier, die ältesten aus dem 18. Jahrhundert. "Wir sammeln schon seit etwa 25 Jahren Kochbücher, sind jedes Wochenende auf Flohmärkten unterwegs", erzählt der Antiquar.

Zehn Tonnen Literatur

Noch im vergangenen Jahr gingen die beiden einer anderen Profession nach. In Köln betrieben sie einen Blumen- und Pflanzengroßhandel. Der wurde verkauft. Dann verstauten sie zehn Tonnen Kochbücher in Umzugskartons. Anfang Oktober eröffneten sie aus ihrer Privatsammlung die Bibliotheca Culinaria - ein Dorado für Profi- und Hobbyköche.

 

Vom Boden bis zur Decke reichen die Regale. Hinten sind die Kochbücher nach Ländern sortiert. "Italien und Frankreich dominieren", erklärt der 47-jährige Swen Kernemann-Mohr. Nebenan bestimmen Zubereitungsverfahren und einzelne Produkte die Ordnungen: Ob Backen, Mixen, Fondue, Grillen, Kalte Platten, Kochen in der Mikrowelle, Flambieren, Camping-Kochen, Tiefkühlkost, Pilze, Eier oder Käse - es existiert für alles jede Menge Küchenliteratur. "Es gibt sogar Bücher über Kochen in Folie, die verkaufen sich zwar nicht, sind aber herrliche Fundstücke", sagt Johannes Mohr.

 

Eine Abteilung mit Reprints ist der berühmtesten deutschen Kochbuchautorin Henriette Davidis gewidmet. Ihr "Praktisches Kochbuch" war von Ende des 19. Jahrhunderts an ein Muss in deutschen Haushalten.

 

Die DDR-Küche nimmt einen eigenen Raum ein. In Glasschränken lagern Schätze wie "Nationale Küche - Kochkunst der sowjetischen Völker" oder über die Ost-Berliner Küche. "Dort findet man tolle Anleitungen für Schmorgurken wie für Schlachtplatten sowie ein Kapitel über den Wein vom Prenzlauer Berg", sagt Swen Kernemann-Mohr. "Ein Muss sind natürlich auch die Bücher des DDR-Fernsehkochs Kurt Drummer", ergänzt er. Apropos TV-Köche vergangener Zeiten. "Seit dem Fernsehfilm über den ersten deutschen Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der ab 1953 im Fernsehen auftrat und als Erfinder des "Toast Hawaii" gilt, sind die Preise für seine Kochbücher explodiert", sagt Kernemann-Mohr. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Schätze in der Bibliotheca Culinaria unbezahlbar sind. Sie beginnen bei vier Euro, können aber auch bis 1000 Euro gehen.

 

Auch von moderneren Helden der Küche wie Paul Bocuse und Alfons Schuhbeck gibt es Kochbücher - Autogramme inklusive. "Kochbücher sind mehr als Rezeptsammlungen. Sie sind ein Stück Zeitgeschichte", schwärmt Johannes Mohr. "So gab es beispielsweise in den 60er-Jahren an der Rankestraße mit dem "Ritz" ein Restaurant, das eine ungewöhnlich exotische Küche bot", erzählt er. "Dort wurden Igel in Kohl und Klapperschlange mit einer Pfefferminzblatt-Marinade serviert."

 

Manches Kochbuch birgt noch andere Schätze. "Bis auf einen Rubel und eine Reichsmark haben wir zwar nie Geld darin gefunden, aber alte Zeitungsausschnitte, etwa, wie man mit 50 Gramm Fett und einem Ei bäckt. Auf der Rückseite erkennt man noch einen Artikel über heranrückende Panzer.

 

Privat sind die kulinarischen Interessen seit langem geklärt. "Swen kocht, ich esse", verrät Johannes Mohr, der vor dem Einschlafen am liebsten in Kochbüchern schmökert und auch im Antiquariat gerne auf dem Sofa gegenüber der Kasse ein Kochbuch in den Händen hält. Bei der Lektüre von Herbert Heckmanns kulturgeschichtlichem Werk "Der Freund des Essens" laufe ihm das Wasser im Munde zusammen; Johannes Mario Simmels "Es muss nicht immer Kaviar sein" habe er bereits vier Mal gelesen. "Wunderbar sind auch die kulinarischen Magazine aus den 1920er-Jahren", sagt Mohr und holt ein Heft zum Thema "Saures & Pikantes" hervor mit Köstlichkeiten wie einem Sauerkrautsalat für nur 90 Pfennige. Eine praktische Haushaltshilfe nach dem Zweiten Weltkrieg war der Hausfrauenkalender, der neben Rezepten auch Kalendersprüche und Haushaltstipps veröffentlichte.

 

Je mehr man sich in das kulinarische Bücherreich vertieft, desto mehr Kurioses entdeckt man zwischen Regalen und passenden Dekostücken. Etwa eine LP mit Küchenliedern aus den 70er-Jahren. Oder Kochspiele wie "Thomy-Ketchup-Roulette" und das "Verrückte Pizzaspiel".

 

Doch die kulinarischen Werke sind den "Kochbuch-Jägern" längst nicht genug. "Es gibt auch immer Titel, die derzeit nicht aufzutreiben sind. Etwa Katja Epsteins 'Kochbuch in den Provinzen der DDR'", so Johannes Mohr, der sich zu Weihnachten natürlich stets Kochbücher wünscht: "Und wenn ich auf Raritäten wie etwa die Zubereitung von Schweinsfüßen stoße, quieke ich vor Vergnügen", sagt er und lächelt.

 

Bibliotheca Culinaria Zehdenicker Str. 116, Prenzlauer Berg, Tel. 47 37 75 70, Di.-Fr., 11-13.30, 14.30-19; Sbd.,11-16 Uhr, www.bibliotheca-culinaria.de

 

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