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Zurzeit gibt es schicke leichte Sommerware, außerdem Bademode. In Neukölln befindet sich auch die Berliner Miedermanufaktur. Nicht ausgeschlossen, dass sich das Viertel zu einem Produktionsort richtig guter Unterwäsche entwickelt.
Jutta Teschner hat an der Hochschule für Technik und Wirtschaft studiert und gleich nach dem Diplom ihren ersten Laden eröffnet, damals noch in Schöneberg. Dort verkaufte sie ihre eigene Mode. Erst ganz unterschiedliche Kleidungsstücke. Aber ihre Kundinnen und Kunden liebten besonders die feine, erotische und verspielte Wäsche. Darum entwarf sie immer mehr davon – und blieb dabei. Inzwischen macht sie nur noch Wäsche. „Lingerie“ heißt das im Fachjargon.
Die Spezialisierung war richtig, Jutta Teschner hat bereits mehrere Preise für ihre Entwürfe erhalten. Vor eineinhalb Jahren zog sie an die Friedelstraße. Dort kaufen Frauen für sich ein, hierher kommen aber auch Einkäufer, die in ihren Geschäften Fishbelly anbieten möchten.
„In Neukölln gibt es noch günstige Mieten“, sagt Jutta Teschner. Man spricht über den Bezirk. Und über den Laden. Die Einrichtung ist edel. Ein Tisch aus Stahl und Glas, passend dazu die Tür zum Büro. Ein rotes Sofa, und an der Wand ein Poster mit einem attraktiven Model. Dazwischen Ständer mit Bügeln, an denen die Lingerie hängt. Die meisten Stücke sind kaum mehr als ein duftiges Nichts.
Jutta Teschner entwirft zwei Kollektionen im Jahr. Jede besteht aus ungefähr zehn Serien. Serie heißt: BH, Hemdchen, Babydoll, Slip, String, alles passend zueinander. Fishbelly steht für das Spiel zwischen Frivolität und Unschuld. Sexy ist alles, und manches sogar mehr als das. Zum Beispiel die Dessous-Serie „Ouverts“, bei der Büstenhalter und Slip ganz wesentliche Stellen unbedeckt lassen. Oder die Reihe „Heben“, zu der BHs gehören, welche die Brust ein wenig von unten stützen.
Eine Zeitlang gab es kaum Wäschedesigner. Im Augenblick aber besteht wieder mehr Interesse. Zwei Praktikantinnen arbeiten bei Jutta Teschner. Manchmal unterbricht sie das Gespräch, steht auf und schaut hinter die spanische Wand, wo die beiden arbeiten: „Kommt ihr weiter?“, fragt sie. Roxana Naumann, 23, trägt einen großen „Plug“ im Ohr, das sind Riesenohrringe, die nicht am Ohrläppchen hängen, sondern darin stecken und es dehnen. Außerdem hat sie Tattoos. Sie studiert Gestaltung an der Hochschule Schneeberg in Zwickau.
Anja Schmalacker ist 33 Jahre alt, sie war Qualitätssachbearbeiterin in einem Textilveredelungsunternehmen. Jetzt bewirbt sie sich um einen Studienplatz als Bekleidungstechnikerin. Beide Frauen sehen nicht gerade konservativ aus. Die Zeiten, in denen Wäsche und ihre Herstellerinnen brav und betulich wirkten, scheinen vorbei.
Anja Schmalacker und Roxana Naumann sind mit Zuschneiden beschäftigt. Kleidungsstücke werden auf Papier entworfen, als Modezeichnung. Aus diesem zweidimensionalen Bild muss ein dreidimensionales Kleidungsstück entstehen. Das funktioniert, indem man unterschiedlich geformte Stoffstücke aneinander näht.
Anja Schmalacker schneidet BHs zu. Jeder besteht aus neun einzelnen Teilen. Der Stoff hat ein Schlangenmuster mit roten und grauen Schuppen. Sie muss darauf achten, dass sie die Einzelteile so zuschneidet, dass das Muster nachher auch zusammenpasst. Ganz schön kompliziert. Fertig zugeschnittene Teile werden meistens in Kroatien zusammengenäht. Aber wenn nur wenige Wäschestücke hergestellt werden müssen, setzen sich die Frauen auch selbst an die Nähmaschinen. Neun Stück stehen in einem Raum hinter den Zuschneidetischen.
Eine Maschine ist von der Bielefelder Firma Dürkopp, die heute Dürkopp Adler heißt. „Ich komme auch aus Bielefeld, das ist mir sehr sympathisch“, sagt Jutta Teschner. Das ist so ziemlich das einzig Persönliche, was sie erzählt. Die Designerin der offenherzigen Wäsche ist ein sehr zugeknöpfter Mensch. Alter? Mag sie nicht sagen. Familie? Ein misstrauischer Blick. Will sie eigentlich auch nicht sagen. Es geht doch schließlich nicht um sie, sondern um ihre Mode, nicht wahr?
Mit ihren so ausgefallenen wie aufreizenden Dessous hat sich Jutta Teschners „Fishbelly“ inzwischen international etabliert. Die raffinierten Kreationen finden sich im KaDeWe ebenso wie im Angebot von Victoria's Secret oder Frederick's of Hollywood in den USA. Fishbelly ist Dessous-Mode für selbstbewusste Frauen, die es lieben, mit ihrer Sinnlichkeit zu spielen. Dafür geht es im Neuköllner Laden recht bodenständig zu.
In dem Raum mit den Nähmaschinen liegen die Vorräte an Borten, Stoffresten und Garn. An den Wänden stehen hohe Regale, voll kleiner Kistchen, Kästchen und Kartons. An der Decke und auf den Tischen befinden sich auffällig viele Lampen. Gute Beleuchtung ist das A und O beim Schneidern. Denn bei diesem Handwerk geht es um Genauigkeit, sonst sitzen die Wäschestücke nicht richtig oder es hängen gar Fäden heraus. „Ich gucke jedes Teil zehnmal an, bevor es rausgeht“, sagt Jutta Teschner. „Sonst macht der Kunde die Endkontrolle und muss die Fäden selbst abschneiden.“
Fishbelly Friedelstraße 25, Neukölln, Tel:28045180, Mo.–Fr. 12.30–19 Uhr, Sbd. 12–19 Uhr
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