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„Wir nötigen jeden Gast zur Mitarbeit“, sagt Jochen Dreißig und lächelt, während seine Frau Akiko drei verschieden große Gefäße auf den Tisch stellt. In einem von ihnen steckt ein Thermometer im Wasser. „Aufgusstemperatur und Ziehdauer sind beim Tee extrem wichtig“, erklärt der 44-Jährige und legt eine kleine Karte mit einer Tabelle auf den Tisch. Dieser entnimmt der Gast, dass das Wasser für den ersten Aufguss eines Tenbu Fuka zwischen 60 und 65 Grad heiß sein muss, und dieser dann 60 Sekunden ziehen sollte. „Zu heißes Wasser lässt die Poren der Blätter viel zu schnell aufbrechen“, sagt Dreißig. „Dann wird der Tee bitter.“ Während Europäer dabei auf Thermometer und Uhr schauen müssen, sagt Dreißig, bereiten Japaner ihren Tee nach Gefühl zu.
Vor acht Jahren, damals arbeitete er als Steuerberater, lernte der Berliner auf einer Urlaubsreise in Neuseeland die zehn Jahre jüngere Akiko kennen. Die beiden verbrachten schöne Tage auf einer einsamen Insel. Wenige Monate später schon zog Akiko Dreißig zu ihm nach Berlin. Doch so unbeschwert, wie die Beziehung begonnen hatte, ging es nicht weiter. „Ich fühlte mich in Deutschland nicht wohl, weil ich keine Aufgabe hatte und nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte“, sagt Akiko Dreißig, die in Japan eigene Cafés geführt hatte.
Nach anderthalb Jahren ging sie zurück in ihre Heimat und lud Jochen Dreißig ein, ihm ihr Land zu zeigen. An ihrer Seite lernte er Menschen und Mentalität kennen. Am Ende der Reise fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle. Doch auch als Ehepaar fanden die beiden keinen Ort, an dem sie glücklich werden konnten. Vier Jahre lebten sie getrennt, jeweils in ihrer eigenen Kultur. „Es reicht eben nicht, sich zu lieben“, sagt Jochen Dreißig. „Man braucht einen gemeinsamen Traum.“
Und so entstand die Idee mit den sogenannten Tansus. Bei einem seiner Besuche in Japan hatte er sich in die schlichte Schönheit dieser alten Aufbewahrungstruhen verliebt. Sie spielten im Leben eines jeden Japaners eine zentrale Rolle, denn in ihnen verstauten Familien, die traditionell kaum Möbel in ihren Häusern hatten, ihre wichtigsten Besitztümer. Brach ein Feuer aus oder wurde die Gegend von einem Beben heimgesucht, konnten so die Habseligkeiten schnell in Sicherheit gebracht werden, weshalb Tansus viel leichter sind, als sie aussehen. „Wir Japaner sind an Naturkatastrophen gewöhnt und leben ständig im Bewusstsein, dass so etwas passieren kann“, sagt Akiko Dreißig. Vom jüngsten Unglück seien Familie und Freunde nicht betroffen.
Jochen Dreißig war sich von vornherein sicher, dass in Deutschland viele Menschen von den Tansus ebenso fasziniert sein würden wie er. „Aber ich wollte keinen normalen Antiquitätenladen aufmachen, in dem ich zusammen mit meinen Möbeln Staub ansetze.“ Stattdessen sollten die Tansus den stimmungsvollen Rahmen für ein Lokal bilden, in dem sich Kulturen mischen und Menschen zueinander und zu sich finden können. Und hier kam Akiko mit ihrer gastronomischen Erfahrung ins Spiel. Anfang 2011 eröffneten die beiden das „Out of Nippon“: Ein Antiquitätengeschäft, das gleichzeitig ein Café ist, in dem außerdem Second-Hand-Schallplatten verkauft werden und gelegentlich Musiker auftreten.
Während sie also nun japanische Shakes mischt und Käsekuchen mit Tofu aufschneidet, zeigt er interessierten Gästen mit beinahe ergriffener Begeisterung seine Schätze. Aus einem hundert Jahre alten Tansu zieht er eine Schublade, die an der Seite mit Schriftzeichen verziert ist. Diese, erzählt Dreißig, zeigten den Namen eines Charakters des traditionellen Kabuki-Theaters. Auch der Vogel auf der Vorderseite deute darauf hin, dass das gute Stück vermutlich einer Schauspieltruppe gehört hat: Der Phönix ist deren Wappenvogel. Dann kniet sich Dreißig auf den Boden und zieht vorsichtig die zwei untersten Schubladen heraus. „Dahinter verbirgt sich ein Geheimfach“, sagt er und fügt lachend hinzu: „Aber das haben in Japan bestimmt alle Diebe gewusst.“
Und so kann Jochen Dreißig zu jeder der mühevoll gezimmerten und kunstvoll mit Metall beschlagenen Kommoden und Truhen eine spannende Geschichte erzählen. Denn wer einen Tansu ersteht, kauft nicht einfach nur ein Möbel. Er nimmt ein Stück japanischer Kultur mit nach Hause. Ganz billig ist das nicht: Der Isko Kasane Dansu („Kleiderschrank aus zwei Stücken“) aus der Meiji-Zeit von 1880 zum Beispiel kostet 3640 Euro. „Aber wenn ich reich werden wollte, würde ich etwas anderes machen“, sagt Jochen Dreißig.
In ihrer schönen Umgebung aus Geschäft und Teesalon haben Akiko und er seit Jahresbeginn nun schon viele Gäste empfangen. Vielleicht konnten die Kunden da erste Antwort auf die Frage bekommen, woher die Japaner ihre große Gelassenheit nehmen.
Out of Nippon Rhinower Str. 3, Prenzlauer Berg, Tel:01736292781, Mi.–Fr. 13-19 Uhr, Sbd./So. 11-19 Uhr
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