Bookmark and Share
A A A

Berliner Perlen

Objektiv falsch

Fotoapparate der russischen Firma Lomo zeigen eine verzerrte Welt. Durch ihre Weitwinkeloptik werden aus Alltagsmotiven kleine Kunstwerke. In Mitte führt Melanie Tönnies ein Spezialgeschäft
DDR-Designsammlung in Spandau



Weitere Bilder

„Das ist die Diana“, sagt Melanie Tönnies und hält eine schwarz-blaue Plastik-Kamera in den Händen. Diana sieht aus wie ein überdimensioniertes Spielzeug aus längst vergessenen Zeiten und fühlt sich erstaunlicherweise noch leichter an, als sie aussieht. Die Kamera ist das Einsteigermodel, das Melanie Tönnies Neukunden empfiehlt.

 

Dreht man am Rädchen, das den Film transportiert, ertönt ein lautes, irres Knarren. Auslöser ist ein kleiner Haken nahe dem Objektiv. „Das Tolle an der Diana: sie ist sehr variabel“, erklärt die Leiterin des „Lomography Gallery Store“ und steckt einen Blitz auf die Kamera. Die Kamera wurde von der „Great Wall Plastics Factory“ in den 60er-Jahren in Hongkong gebaut. Es gab Nachfolge-Modelle, die in den USA verschenkt wurden, wenn man eine Zeitung abonnierte oder genügend Cornflakes-Packungen gesammelt hatte.

 

Heute ist die Diana ein Kultobjekt, das in der einfachsten Version 49 Euro kostet. Die Fotos, die sie produziert, sind nicht sonderlich scharf und haben meist einen Farbstich, mal bläulich, mal orangefarben. Sämtliche Bilder sehen alles andere als perfekt aus, haben aber gerade deshalb einen nostalgischen Charme.

 

Immer und überall

 

Fotografiere immer und überall, denke nicht über Motiv und Wirkung deines Fotos nach, kultiviere den Schuss aus der Hüfte: So und ähnlich lauten die Grundsätze der Anhänger der Lomografie. Ihren Beginn nahm sie vor etwa 20 Jahren in Wien. Kunststudenten experimentierten mit einem „Lomo Compact Automat“, einer in Russland hergestellten Kleinbildkamera (siehe Grafik). In ihrer Heimat waren die Lomo-Kameras nicht sonderlich beliebt, weil sie als unzuverlässig galten und schlechte Bildqualität lieferten. Die Kunststudenten aber waren fasziniert von den unberechenbaren Ergebnissen ihrer Foto-Experimente und stellten die Bilder zu Tausenden auf langen Schautafeln aus. Wenig später gründeten die Wiener die „Lomografische Gesellschaft“, die seitdem alte Gebrauchskameras neu auflegt.

 

Die Zahl der Anhänger wächst von Jahr zu Jahr. „Zu uns kommen Schüler, Studenten, Berufsfotografen und Senioren“, sagt Melanie Tönnies. Was alle Kunden und Lomografen eint, sei die Freude an der Überraschung, wenn man die entwickelten Fotos sieht. Bei Digital-Kameras lassen sich Ergebnisse der Fotografie jederzeit überwachen. Praktisch, aber nicht spannend sagen Lomografen.

 

Natürlich ist auch Melanie Tönnies begeisterte Lomografin. Bereits die Fotos, die sie als Kind schoss, hatten das gewisse Etwas, das nicht jeder verstand. „Aufnahmen mit Menschen vor Sehenswürdigkeiten fand ich schon immer schrecklich langweilig. Ich habe lieber Postkästen und Straßenschilder fotografiert“, erzählt die studierte Geisteswissenschaftlerin, die 2003 bei einem Aufenthalt in England die Liebe zur Lomografie entdeckte und Mitglied der „Lomografischen Gesellschaft“ wurde. Als 2009 das Geschäft in der Friedrichstraße öffnete, fragte man sie, ob sie es leiten wolle. Natürlich nahm sie an.

 

Bei der Lomografie geht es mehr um Spaß als um Kunst. Ein bedeutender Lomografie-Künstler will der Store-Managerin spontan nicht einfallen. Alle Lomografen sind Klein-Künstler, die ihre Werke zu riesigen Foto-Wänden, den Lomo-Walls, verdichten. Der Fernsehturm etwa ist im Laden auf Dutzenden von Fotos. Man sieht auch U-Bahn-Eingänge, den Molecule Man vor den Treptowers, Hunde am Grunewaldsee und junge Menschen mit Sonnenbrillen. Die Bilder sind allesamt hübsch bunt und mies ausgeleuchtet, die Bildausschnitte sind oft schief, Tiefenschärfe sucht man vergeblich.

 

Berlin, lomografisch gesehen

 

„Das sind Fotos, die von Berliner Mitgliedern der „Lomographischen Gesellschaft“ eingereicht wurden. In jedem unserer Läden stehen solche Fotowände mit Aufnahmen der Stadt“, erklärt Melanie Tönnies. Weltweit gibt es 23 „Lomography Gallery Stores“. Demnächst eröffnet ein Shop in Amsterdam.

 

Die billigste Kamera im Laden kostet 29 Euro, das „Diana De Luxe“ Set mit sämtlichen Objektiven, speziellen Aufsätzen für verschiedene Filme, Blitz und Selbstauslöser ist für 199 Euro zu haben. Beliebt bei den Kunden ist eine spezielle Kamera mit Fisheye-Linse. Sie produziert Fotos, die aussehen, als hätte man sie durch den Türspion aufgenommen. Die Königsklasse der Lomografie aber ist die „Spinner 360“: Eine Kamera, die Panorama-Aufnahmen liefert. Zieht man an einer Spule, dann rotiert die Kamera auf einem Griff, den man ordentlich festhalten muss, einmal um die eigene Achse.

 

Im Laden kann man auch Filme erwerben, bei denen Grün- und Blautöne getilgt werden. Und es gibt Blitze, über die man transparente Farbkärtchen ziehen kann. Sie tauchen die Aufnahmen in poppig buntes Licht. Melanie Tönnies hat alles ausprobiert. Etwa zwanzig Kameras besitzt sie. Seit einigen Monaten ist eine Digital-Kamera darunter. „Aber die benutze ich nur selten. Sie macht wenig Spaß“, sagt sie erwartungsgemäß. Der geliebte Überraschungseffekt tritt bei ihr mittlerweile seltener ein, weil sie die Kameras und ihre Tücken gut kennt. „Richtig überrascht bin ich nur, wenn ich Fotos mit einer neuen Kamera gemacht habe“, sagt sie ein wenig bedauernd. „Oder wenn ich einen Film entwickeln lasse, der schon ein paar Monate alt ist.“

 

Lomography Gallery Store Friedrichstraße 133, Mitte, Tel. 202 151 62, täglich 10-20 Uhr, für samstags stattfindende Workshops bitte anmelden

 

Fotografie und Technik Fachgeschäfte in Berlin – eine Auswahl:

Conrad Schloßstr. 34-36, Steglitz, Tel.: 01805564445, Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Sbd. 10-18 Uhr

 

Foto Meyer Welserstr. 1, Schöneberg, Tel.: 2350990, Mo.-Fr. 9.30-19 Uhr, Sbd. 9.30-18 Uhr

 

Saturn Am Treptower Park 14, Treptow, Tel.: 536340, Mo.-Sbd. 10-20 Uhr

 

Urbschat Kudamm 170, Charlottenburg., Tel.: 8809740, Mo.-Fr. 10-18 Uhr, Sbd. 10-15 Uhr

 

Hess Kaiser-Friedrich-Str. 87, Reinickendorf, Tel.: 3413453, Mo.-Fr. 9-18 Uhr, Sbd. 10-14 Uhr

 

Medimax Karl-Marx-Str. 231, Neukölln, Tel.: 63227180, Mo.-Sbd. 10-20 Uhr

 

Foto Wichern Bahnhofstr. 51, Lichtenrade, Tel.: 7444025, Mo.-Fr. 9-19 Uhr, Sbd. 9-14 Uhr

 

Euronics Radio Starik Alt-Friedrichsfelde 89, Tel.: 5251841, Mo.-Fr. 10-18.30 Uhr, Sbd. 10-13 Uhr

 

Foto Video Kalk Berliner Str. 132, Wilmersdorf, Tel.: 8617021, Mo.-Fr. 10-18 Uhr, Sbd. 10-14 Uhr

 

Media Markt An den Freiheitswiesen5, Spandau, Tel.: 362073, Mo.-Do. 10-20 Uhr, Fr.-Sbd. 10-21 Uhr

 

Fotoimpex Alte Schönhauser Straße 32B, Mitte, Mo.-Sbd. 12-20 Uhr

 

Wüstefeld Schloßstr. 96, Steglitz, Tel.: 7928099, Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Sbd. 10-18 Uhr

 

Jet-Foto Kranert Memhardstr. 7, Mitte, Tel.: 2424446, Mo.-Fr. 9-21 Uhr, Sbd. 10-21 Uhr

 

Calumet Lützowstr. 37, Tiergarten, Tel.: 2575710, Mo.-Fr. 9-18 Uhr, Sbd. 10-13 Uhr

Events, Tickets, Kritiken

Eventkalender, Tagestipps, Nightlife und Kritiken

Für alle, die nichts verpassen wollen...

Restaurantempfehlungen

Von der Currywurst bis zur Gastronomie der Spitzenklasse

Für alle, die besser Essen wollen...

Hotels, Pensionen, Hostels

Von imposanten Design-Hotels bis zu preisgünstigen Hostels in zentraler Lage

So finden Sie die passenden Hotels in Berlin