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Berliner Perlen

Der Mann mit den 300 Masken

Peter Bellers Geschäft Africa Art Gallery ist eine Zeitmaschine, die die Besucher in vergangene Jahrhunderte des fernen Kontinents befördert. Da liegen Kunst- und Kult stets dicht beieinander
 



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Es sind Masken, die überwältigen – schon an der Schwelle zum Geschäft. Furchterregende, entsetzte, klagende, lachende Masken. Sie dominieren die Kunstwerke, säumen die Wände, locken bis in die verwinkelten Tiefen des weiträumigen Geschäfts. Ein Geruch wie von Lagerfeuern legt sich auf die Sinne, beschwört unsere Vorstellung des fernen Kontinents. Ein Besuch in der Africa Art Gallery ist der Trip in eine fremde Kultur, die seit jeher die Europäer fasziniert.

 

Picasso etwa entdeckte die Masken 1906 im Pariser Trocadero-Museum, war begeistert. Ihrer Magie erlegen, schuf er „Les Demoiselles d'Avignon“ – nicht nur ein viel diskutiertes Gemälde sondern ein entscheidender Schritt zu einer neuen Kunstrichtung, dem Kubismus.

 

„Abstraktion, klare, reduzierte Formen, Symbolik“: Galerie-Inhaber Peter Beller weiß, was die Künstler der klassischen Moderne in Paris und Berlin an afrikanischer Kunst so faszinierte, Matisse, Derain, Braque nennt der 68-Jährige, außerdem Kirchner, Nolde, Klee – und natürlich Picasso, den er zitiert: „Diese Werke einer religiösen, leidenschaftlichen und rigoros logischen Kunst stellen die überwältigendsten und schönsten Dinge dar, die die menschliche Phantasie je hervorbrachte.“

 

Beller bietet ein Kaleidoskop afrikanischer Kunst. Für das Paar hölzerner, zwei Meter großer Calao-Vögel, 60 Jahre alte Stammeskunst von der Elfenbeinküste, zahlen Kenner 30000 Euro. In der Auswahl der 300 Masken rangieren Preise zwischen 50 und 2000 Euro. Weniger Betuchte freuen sich an Armreifen zu drei Euro, an ghanaischen Fruchtbarkeitspuppen ab 30 Euro oder bunten Chevronperlen, zu 100 Euro.

 

Schätze in Kisten und Kartons

 

Für Beller ist jeder Rundgang durch seine Galerie und seine noch in Kisten und Kartons verborgenen Schätze wie eine Safari durch den Kontinent seiner Träume. Der Stauraum gleicht dem berühmten Fahrstuhl in die Vergangenheit. Nicht zu glauben, was man hier findet: von modernen Kunstgegenständen bis zu jahrhundertealten Terrakotta-Figuren für je 5000 Euro.

 

Begonnen hat alles mit Bellers Fernweh, dieser Neugier auf Unbekanntes: Mit 15 Jahren geht es per Anhalter nach Paris. Mit 17 Jahren ans Mittelmeer. Erster Afrika-Kontakt. Marokko, Algerien, Tunesien. In den 60er- und 70er-Jahren je ein Jahr nach Südamerika und Asien. Da steht Beller längst im Berufsleben. Der Junge aus Weilderstadt bei Stuttgart mit der künstlerischen Ader und dem Faible für geometrische Formen, der Bildhauer werden wollte, ist freischaffender Architekt in Berlin geworden.

 

Die Rückkehr aus Asien – eine Odyssee, die ihn verändert. Von Bombay verschlägt es ihn per Schiff nach Kenia – „total unvorbereitet“. Er bezwingt den Kilimandscharo, schlägt sich trampend durch Tansania, Kenia, Äthiopien, den Sudan, Ägypten. Und kommt von Afrika nie mehr los. Er reist nach Mali, quer durch Westafrika, bis er in Kamerun Halt macht. Hier entdeckt er die Schönheit westafrikanischer Kunst, hier wird er wird zum Sammler.

 

Der entscheidende Schritt zum Händler, die Galerieeröffnung in der Knesebeckstraße, folgt 1998. Nach gut 30 Reisen ist Beller heute Insider. Was ihm am meisten fasziniert, sind seine Begegnungen, die Kontakte zu den Menschen Afrikas. Mitgenommen haben sie ihn zu verborgenen, nur Einheimischen bekannten Marktplätzen, ihm Raritäten gezeigt. Ihn dorthin eingeladen, wo Fremden sonst der Zutritt verwehrt ist: zu den sakralen, rituellen Zeremonien, dorthin, wo die Träger der Masken tanzen, sich vergessen, ekstatisch dem Trommelschlag folgen.

 

In Afrika hat Beller echte Freunde gefunden. Wie König Ngum III , Oberhaupt des traditionellen, aus 30 Ortschaften bestehenden Königreichs Oku im Kameruner Grasland. Auf Initiative Bellers hin besuchte der König, ein studierter Theologe, ihn 1999 Berlin, wo er eine leidenschaftliche Eröffnungsrede zur Afrika-Ausstellung im Dahlemer Ethnologischen Museum hielt.

 

Oder der ebenso in Oku lebende, 85jährige Schnitzer Fay Mankoh, einer der großen afrikanischen Künstler, der Beller nicht nur selbst erschaffene Masken verkauft, sondern ihn einweist in die Tiefen seiner Schnitzkunst. Dank seiner Söhne, die beim Vater in die Lehre gingen, bezieht der Berliner Galerist inzwischen moderne Kunst von dort. Sie wurde zugleich zum wirtschaftlichen Faktor für den ganzen Clan.

 

Ausverkauf nationaler Identität

 

Es schmerzt Beller, dass die materielle Not die Afrikaner zum Ausverkauf ihrer wertvollen alten Kunst zwingt, anstatt als Zeichen nationaler Identität in der Welt wahrgenommen oder wenigstens in Museen betrachtet zu werden. So empfindet sich Beller in Berlin auch als Mittler. Er ist aktiv in der Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur e.V. sowie im Verein „Freunde des Ethnologischen Museums“. Als Bewunderer der afrikanischen Fähigkeit, mit Armut, Hunger und Krankheit zu leben, zitiert er gerne eine alte Weisheit aus jenen Ländern: „Wenn ich schon weiß, dass es mir morgen nicht besser geht als heute, kann ich doch schon heute glücklich sein.“

 

Auf dem Weg hinaus wirbeln unweigerlich noch tausend Bilder und Eindrücke durch die Köpfe der Besucher. Zurück bleiben die Masken einer fernen Welt. Vielsagend aber stumm. Bis Peter Beller sie wieder mit Leben füllt.

 

Africa Art Gallery Knesebeckstraße 29, Charlottenburg, Tel:8836723, Mo.-Fr. 11–19 Uhr, Sbd. 11–17 Uhr

 

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