Events, Tickets, Kritiken
Eventkalender, Tagestipps, Nightlife und Kritiken
Für alle, die nichts verpassen wollen...
Doch andere Zeilen des Gedichts wie „Seife ist eckig. Seife wird rund“ sind für Kinder und Jugendliche kaum noch nachvollziehbar. „Wir leben in einem Land der Flüssigseifen“, seufzt Erik Kormann. Denn Shampoos, Duschgels und Handwaschmittel im Plastik-Pumpspender dominieren die Regale kühler Drogeriemärkte. Die meisten duften synthetisch und stecken voller rätselhafter Zusätze mit Namen wie Polyquaternium-7 oder Cl19140.
Betritt man dagegen das Geschäft von Erik Kormann und Lebensgefährtin Xenia Trost, landet man in einem Reich aus vergangener Zeit. In Schränken und Holzregalen lagern bunte feste Seifenstücke mit schlichten Papierbanderolen. Es riecht nach Kardamom, Lavendel, Sandelholz, Vanille und Kakao – je nachdem, in welcher Ecke man gerade schnuppert.
„1000 & 1 Seife“ heißt der Laden in den Hackeschen Höfen. Tatsächlich haben Xenia Trost und Erik Kormann etwa 100 Seifen im Angebot. Es gibt „Schokobade“, einen sprudelnden Badezusatz mit viel Kakaobutter, Seifenstücke mit Seesand, Meersalz oder Stutenmilch. Mit „Shampooseifen“ lassen sich lange Haare waschen, mit den „Universalseifen“ auch schmutzige Wäsche.
Das Gros der Produkte stellt das Paar im Hinterzimmer-Labor her. Importiert werden syrische und englische Seifen, geblümte französische Kulturtaschen und Klassiker wie die „Vinolia“. „Als die Titanic startete, legte man den Reisenden der Luxuskabinen eine Dreierpackung Vinolia ins Bad“, sagt Erik Kormann und zeigt eine der gelben Packungen.
Kormann ist studierter Kulturwissenschaftler. Zu jeder Seife weiß er eine Geschichte. Zum Beispiel die vom amerikanischen Vorarbeiter bei „Procter & Gamble“, der 1875 eines schönen Nachmittags seinen Seifensiede-Topf vernachlässigte. Unter die Masse mischte sich Luft. Die durch diesen Fehler entstandenen Seifenstücke waren leichter, als bis dahin üblich. Sie schwammen auf Wasser. Die „Ivory“ geboren, ein Seifenklassiker der Jahrhundertwende.
Viele andere Varianten, die früher einmal Kulturgut waren, sind dagegen längst aus dem Handel verschwunden. Dass es einst üblich war, sich mit „indischer Blumenseife“ oder „Savon La Girafe“ aus Frankreich zu waschen, davon zeugen die Exponate der Seifensammlung des Unternehmerpaars. In hohen Glasvitrinen können die Besucher australische Eukalyptus-Seifen oder DDR-Fabrikate wie „Russisch Leder“ bewundern.
Einige der ausgestellten Stücke sind 100 und mehr Jahre alt. „Seife wird nicht schlecht“, erklärt Erik Kormann und beginnt die zahlreichen Vorteile seines Lieblingsproduktes aufzuzählen. Die Waschstücke sind sparsam im Verbrauch, kommen ohne Konservierungsstoffe aus und werden gut von Allergikern vertragen. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Vorurteile den Menschen zum Thema Seife im Kopf herumspuken“, berichtet Erik Kormann. „Hier kommen immer wieder Leute rein, die vermuten, dass Seife aus Knochen hergestellt wird.“ Dieser Irrglaube hält sich hartnäckig, weil früher tatsächlich Knochen ausgekocht wurden, um Fett zu gewinnen, das in der Seifenproduktion zum Einsatz kommt. „Wir verwenden allerdings grundsätzlich nur pflanzliche Fette wie Olivenöl, Sheabutter oder Palm- und Kokosfett“, versichert Erik Kormann.
Er ist gelernter Tischler und Kameraassistent. Nach seinem Studium wollte Kormann Berufsberater werden, Xenia Trost hat eine Ausbildung als Buchbinderin absolviert. „Ein Beruf, in dem man schnell an einen Punkt kommt, an dem man sich nur noch wiederholen kann“, sagt sie inzwischen. Als sie ein englisches Buch mit Rezepten zur Seifenherstellung entdeckte, begann Trost, in der heimischen Küche zu experimentieren. Zunächst verkaufte Xenia Trost ein schmales Sortiment auf Wochenmärkten, die Nachfrage stieg von Woche zu Woche. Vor zehn Jahren entschloss sie sich, ihren ersten Laden in der Sophienstraße aufzumachen.
Da in Deutschland nicht nur die Lebensmittelproduktion, sondern auch die Herstellung von Kosmetik strengen Regeln unterliegt, begann für Xenia Trost eine Odyssee durch die Ämter. Niemand fühlte sich zuständig. Die Industrie- und Handelskammer hatte „Seifensieder“ schon lange von der Liste der Handwerksberufe gestrichen. Inzwischen wird Trosts Produktion durch Veterinär- und Lebensmittelämter kontrolliert.
Schnell entwickelte sich eine Fangemeinde, die die naturbelassenen Artikel zu schätzen wusste. Die Kunden kaufen nun regelmäßig „Zimtziege“ aus Ziegenmilch, eine Peelingseife namens „Tabula Rasa“ und „Kaffeeklatsch“ gegen Küchengerüche an den Händen. Touristen lieben die „Berliner Lindenblütenseife“. Anders als noch vor zehn Jahren, sagt Kormann, legten heute viel mehr Kunden Wert darauf, sich mit Dingen zu umgeben, deren Produktion und Inhaltsstoffe für sie nachvollziehbar sind. „Feste Seife kommt zurück“, sagt er. Und so werden auch Robert Gernhardts Zeilen wieder aktuell: „Seife braucht Wasser. Seife ist glatt. Schlecht dran, wer darauftritt. Gut, wer sie hat.“
1000 & 1 Seife Rosenthaler Straße 40/41, Hackesche Höfe, Hof IV, Mitte, Tel:28095354, Mo.-Sbd. 11–19 Uhr
Events, Tickets, Kritiken
Für alle, die nichts verpassen wollen...
Restaurantempfehlungen
Für alle, die besser Essen wollen...
Hotels, Pensionen, Hostels
So finden Sie die passenden Hotels in Berlin