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Berliner Perlen

Die Puppenhaus-Meisterin

Renate Herrmann fügt zusammen, was zusammengehört. In ihrem Geschäft näht sie lieb gewonnenen Kuschelwesen abgerissene Arme an und korrigiert mit Feingefühl lädierte Gesichter
 



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Eine idyllische Straße in Lichtenrade. Vögel rufen, Laub raschelt auf dem Weg, ein Kater streunt durchs Gras. Eine Hecke, eine Gartentür und ein Hinweisschild „Puppenklinik“. Dahinter liegt ein scheinbar verwunschener Garten mit einem kleinen Badebecken voll trüben Wassers. Gibt es hier Molche? Kröten? Hexen?

 

Wer über ein paar verstreute Steinplatten zum Haus balanciert und durch das Fenster schaut, sieht zwei Räume voll kleiner und großer Puppen. In diesem Lichtenrader Häuschen befindet sich die Puppenklinik von Renate Herrmann. Oder, wie sie Internet wirbt: „Dr. pupp. R. Herrmann, Fachärztin für schlackernde Glieder, lose Wimpern, gesprungene Köpfe, klemmende Augen, fehlende Gliedmaßen und zerbröselte Perücken“.

 

Ihre Puppenklinik, die erst kürzlich von Mariendorf umgezogen ist, führt sie seit über 20 Jahren. Puppenreparateurin ist die 70-Jährige, die aussieht als sei sie 60 Jahre alt, aber schon viel länger. „Ich bin gelernte Schneiderin und hatte eine eigene Sammlung. Meine Puppen wurden aber nicht so restauriert, wie ich es wollte“, sagt sie. Kurzerhand begann sie, alles selbst zu reparieren. Erst für sich, dann für andere Puppensammler und -liebhaber, heute auch für Filmemacher, Museen und auch mal für Sotheby´s.

 

Haute Couture auf der Kleiderstange

 

Das erfordert Geschicklichkeit und eine gute Ausrüstung: Ihr Mann war Zahnarzt. Zehn Jahre hat Renate Herrmann in seiner Praxis gearbeitet und dann viel Werkzeug übernommen: „Wurzelheber, Adernklemmen, Turbinen. Ich könnte eine Füllung legen damit.“ Menschen- und Puppenmedizin haben scheinbar mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt.

 

In Regalen befinden sich an kleiner Kleiderstange die Puppen und deren Garderobe. „Das ist die Haute Couture“, sagt Frau Herrmann und deutet auf Kleidchen aus Samt und Seide. Wunderschön. Aber bei diesem Anblick denkt man eher an brave Mädchen, die lieber mit Puppen spielen, statt auf Bäume zu klettern.

 

Renate Herrmann kann kaum sagen, welche Puppen sie am liebsten mag. Appelschnut? Die hat sie selbst gemacht: Ein Modell geformt, davon ein Negativ aus Gips abgenommen und dann die Puppe aus Porzellan gegossen. Dreimal die Farben eingebrannt, erst Rouge, dann die Lippen, schließlich die Augenbrauen. Die Hände waren schwierig, aber auch sie sind schön geworden. Schließlich hat sie ihr noch ein rotes Kleid geschneidert.

 

Inzwischen haben sich sehr viele Puppen angesammelt. Dutzende, nein, Hunderte dürften es sein. Dazu kommen und gehen noch die Patienten. Mittwochs hat Renate Hermann Sprechstunde. Heute ist es voll, eine Puppe nach der anderen wird angeliefert. Die erste hat ihre Stimme verloren. „Sehen Sie, das ist kein Plastik, sondern Stoff“, erklärt Renate Herrmann. Den Besitzern. „Ich kann nicht mal eben den Bauch aufschneiden, sondern muss sie auftrennen.“ Wenn repariert wird, kann es halt mal ein paar Tage dauern. Das sei nicht immer ganz einfach für die Kunden, die mitunter etwas eigen sind. Ein Beispiel: „Kinderpuppen werden bei mir ins Bettchen gelegt. Da rufen die Besitzer auch mal an, ob ich geheizt habe.“

 

Als nächstes wird ihr ein Teddy gebracht. Sein Kopf hängt nur noch an einem Faden. Die Besitzer haben ihn mit einem Kopftuch festgebunden. Das wird wohl ein schweres Stück Arbeit.

 

Längst nicht alle Puppen sind zum Spielen geeignet. Manche werden aus Kunststoffen mit ungesunden oder gar giftigen Zusätzen gefertigt. Andere sind einfach zu kostbar. Vor allem „Automaten“, sagt Frau Herrmann und holt eine Puppe in einem Spitzenkleidchen. Sie zieht sie auf, ein Glockenspiel erklingt und die Puppe bewegt die Arme und den Kopf. „Dies ist eine Kopie. Die Originale haben früher so viel gekostet wie ein Haus, es gab ja noch keine Elektronik, das machten alles erfahrene Uhrmacher.“

 

In einem zweiten Raum befindet sich die Werkstatt. Dort arbeitet die Tochter von Frau Herrmann. Sie heißt Carolin Appelt. „Meine Mutter war ein paar Mal verheiratet“, erklärt sie ihren Namen und grinst. Renate Herrmann verschlägt so viel Dreistigkeit kurz die Sprache. Dann lacht sie und sagt: „Ich bin anständig geblieben. Andere sammeln ihre Lover, ich habe immer geheiratet.“

 

Wimpern und künstliche Augen

 

Carolin Appelt ist eigentlich Kosmetikerin, sie übernimmt die besonders feinen und künstlerischen Arbeiten, etwa Käthe Kruse-Puppen. Darin ähnelt sie wohl ihrem Vater. Er war Dachdeckermeister. Nach der Pensionierung bastelte er filigranes Spielzeug. Nun hält sie einer Puppe unterschiedliche Wimpern an die Augen: „Die sind zu hell“, murmelt sie, „die sieht man nicht.“ Schließlich findet Carolin Appelt doch die passenden. Oben dicke Wimpern, unten dünne.

 

Im hinteren Bereich des Ladens steht ein Apothekerschrank voller Arme, Beine, Köpfe und Augenpaare. Eine fantastische Szenerie, die schließlich einen Filmemacher inspirierte. Im Krimi, den er im Geschäft drehte, ließ er den Schrank ausgiebig mit Blut besudeln. Kunstblut. Für die Todessequenz, in der ein Puppenmacher gemeuchelt wird. „Dreimal haben sie ihn erschossen“, sagt Frau Herrmann am Ende ihrer Erzählung. Dann wendet sie sich wieder ihren demolierten Puppen zu. Sie will die womöglich sehnsüchtigen Besitzer nicht unnötig warten lassen.

 

Puppenklinik Renate Herrmann Soldiner Str. 30, Lichtenrade. Tel:7458503,

 

Mi. 10-18 Uhr und nach Vereinbarung, puppenklinik-renate.de

 

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