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Berliner Perlen

Die wollen nur spielen

Wie viele unterschiedliche Spiele Christian Seipelt in seinem Leben gespielt hat, weiß er nicht. "Es müssen mehrere Hundert gewesen sein", sagt er. Ungezählt sich die Tage, an denen er neue Kartons geöffnet, Spielbretter aufgeklappt, Figuren aufgestellt, Karten gemischt und gezogen, gewürfelt und geknobelt, gewonnen und verloren hat.
 
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Vor allem aber hat er sich immer wieder durch Spielanleitungen gekämpft, die oft 20 Seiten oder länger waren. "Die wirkliche Herausforderung besteht nämlich darin, dass man die Regeln eines Spieles, das man vielleicht nur einmal gespielt hat, auch noch nach Jahren beherrscht und den Kunden erklären kann", sagt Christian Seipelt. Meist klappt das problemlos. Alle Spiele, an denen man stichprobenartig Interesse bekundet, breitet er schnell auf einem niedrigen Tisch aus und charakterisiert ebenso schnell Zielgruppe und Spielverlauf.

 

Reizwäsche im Schrank

Seit 20 Jahren betreibt Christian Seipelt gemeinsam mit seinem Kompagnon Andreas Kaluza die "Spielbrett"-Filialen in Kreuzberg und Wilmersdorf. Die namengebenden Holz-Spielbretter für Schach, Go oder Mühle machen nur einen kleinen Teil des Sortiments aus. In den langen Regalreihen geht es bunt zu, man findet Kartenspiele, einzelne Spielfiguren, Würfel in unterschiedlichen Größen und Farben. Auch sogenannte "Vielflächler" sind darunter: Geometrische Figuren, mit denen man bis zehn oder sogar 20 würfeln kann.

In der Klassiker-Abteilung stehen "Monopoly", "Mensch ärgere Dich nicht!", "Scrabble" und "Malefiz". Direkt gegenüber sind die so genannten Kommunikationsspiele mit Titeln wie "Weiberabend", und "Activity" untergebracht. Beim beliebten "Privacy" müssen die Teilnehmer unter anderem raten, wie viele der anwesenden Mitspieler Reizwäsche in ihren Kleiderschränken haben.

 

Schnell wird klar, dass die große Liebe der Ladeninhaber nicht den Party-Albereien gehört, sondern den Strategiespielen. Zeit, Muße und Köpfchen sind für die Geschäftspartner Zutaten für einen gelungenen Spielabend. "Wir sind Gamer, keine Gambler", sagt Andreas Kaluza. Die englische Sprache macht einen feinen Unterschied zwischen den Strategen und den Glücksrittern am Spielbrett.

Vor gut 20 Jahren lernten sich die Ladeninhaber kennen. Damals schon existierte in Berlin eine eingeschworene Gemeinde von Strategiespielern. "Man lief sich zwangsläufig über den Weg", erinnert sich Christian Seipelt. Beide waren Studenten und vergaßen nächtelang bei einem Spiel namens "Zivilisation" die Zeit. "Das Spiel hatte eine Laufzeit von acht bis zehn Stunden, so etwas hätte heute keine Chance mehr", sagt Christian Seipelt. "Zivilisation" ist längst aus dem Handel verschwunden. Der aktuelle Spieltitel "Civilization" habe ein weitaus schlichteres Regelwerk und auch ansonsten kaum Ähnlichkeit mit seinem ehemaligen Lieblingsspiel, sagt Seipelt.

 

Der studierte Gartenbau-Ingenieur Andreas Kaluza entschloss sich als erster, in den Spielehandel einzusteigen. Er übernahm eine Importfirma für Go-Spiele und eröffnete an der Kreuzberger Körtestraße das erste "Spielbrett". Wenig später kam ein zweites Geschäft in Wilmersdorf dazu. Im Angebot waren damals vor allem seltene Strategiespiele aus Asien und den Vereinigten Staaten. "Die Kunden kamen von weit her", sagt Christian Seipelt, der anderthalb Jahre später einstieg.

"So ein Laden würde heute überhaupt nicht mehr laufen", sagt Seipelt. Im Internet könne man schließlich jedes Spiel problemlos bestellen. "Und außerdem hat sich die Klientel der 14- bis 18-jährigen Jungen jetzt eher dem Computer zugewandt", ergänzt Andreas Kaluza, der in der Geschäftsbeziehung eher der stillere Partner ist.

 

Auf die veränderte Klientel haben die beiden Unternehmer reagiert, indem sie ihr sehr spezialisiertes Sortiment um Spielwaren und Lernspiele erweitert haben. Nicht mehr die Spielbegeisterten von früher machen das Gros der Kundschaft aus, sondern "Mütter, Väter, Omas, Opas und Tanten, die beraten werden wollen", so Christian Seipelt.

Auch wenn sich mit Strategiespielen heute nicht mehr große Umsätze machen lassen: Beim "Spielbrett" belegen sie noch immer das größte und am besten platzierte Regal. Die überaus erfolgreichen "Siedler von Catan" findet man in zahlreichen Varianten, bei dem aktuellen Verkaufsschlager "7 Wonders" gab es kürzlich einen Lieferengpass.

 

Fantasie in Kartons

Es ist das Regal für große und kleine Fluchten. Die Deckel sind bunt, Schriftzüge sind meist altmodisch und verschlungen. In jedem Karton steckt eine eigene Welt. Spiele tragen Namen wie "Ruhm für Rom", "Feudalherren", "Railroad Tycoon" oder "Merchands of Venus". Ihre Rahmengeschichten sind in Fantasiewelten beheimatet, in vergangenen Zeiten oder in den unendlichen Weiten des Weltalls. Immer wieder müssen Länder erobert, Geschäfte abgeschlossen und Rivalen ausgestochen werden.

Etwa 350 Spiele kommen in Deutschland jährlich auf den Markt. Auf einem Tisch in der Wilmersdorfer Filiale steht ein Stapel mit Neuheiten. Derzeit wartet etwa ein halbes Dutzend Spiele darauf, von Christian Seipelt geöffnet und ausprobiert zu werden.

 

Spielbrett Berliner Straße 132, Wilmersdorf, Tel. 873 15 35, Mo.-Fr. 9.30-19 Uhr, Sbd. 9.30-14 Uhr und Körtestraße 27, Kreuzberg, Tel. 692 42 50, Mo.-Fr. 10-18.30 Uhr, Sbd. 10-16 Uhr

 

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