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Berliner Perlen

Der edle Charme der Kuckucksuhr

In seinem Geschäft "Best of Germany" hat Thomas Eißler Dinge zusammengetragen, die ihm als Deutschlands Meisterwerke erscheinen. Durchdachte Souvenirs für Touristen mit Geschmack
 
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Best of Germany - Klar-Seifen
Best of Germany

Die Geißel der Großstadt sitzt vor einem Hostel. Fünfköpfig, breitbeinig, vernehmlich englisch und mit frischem Sixpack zum Frühstück. Am anderen Ende der Rosa-Luxemburg-Straße studiert die Geißel in Gestalt einer Großgruppe junger Männer, die die Polohemd-Kragen nach italienischer Art hochgeschlagenen haben, Stadtpläne, Smartphones und die eigene Reflexion im Schaufenster ihres Motels. Kein Durchkommen für den bald hingebungsvoll fluchenden Postboten. Grund zur Beschwerde gibt es in Berlin bekanntlich immer. Besonders schlimm aber bekommen es derzeit die Touristen ab. Thomas Eißler findet die Aufregung übertrieben. Er handelt mit Souvenirs.

 

Sein "Best of Germany" mit Blick auf den mächtigen Bau der Volksbühne gleicht einer Galerie. Schnörkellos, weiß, funktional und mit einem markanten, ganz eigenen Element versehen. Bei Eißler ist dies ein grober Eichentisch, der das halbe Geschäft einnimmt. Darauf hat der 42-Jährige Lodenhüte und Bücher drapiert, die von Meisterwerken deutscher Kulturproduktion künden, von deutscher Poesie, von deutschem Industriedesign und von der richtigen Zubereitung von "Harten Eier mit grüner Speckstippe".

 

Für trendige Kunden

 

"Passt. Sieht aber bescheuert aus", sagt eine dunkelhaarige, junge Schweizerin zu ihrer Berliner Begleiterin. Die Freundin widerspricht, Eißler widerspricht, sodass die experimentierfreudige Touristin bald mit neuem Kopfschmuck in Grün beschwingt das Geschäft verlässt. "Die Hüte kaufen nicht etwa die spießig gekleideten Kunden", sagt Eißler. "Das ist eher etwas für trendige Leute."

 

Die Preise variieren zwischen günstig und außerirdisch. Den Hut etwa gibt es für 29 Euro, einen Bierhumpen für fünf Euro, die echt Schwarzwälder Kuckucksuhr kostet 2169 Euro. Sie macht zur vollen Stunde fidele Musik, die ganz neues Leben in Eißlers eigentliche Ladenbeschallung bringt, Simon Rattle, die Philharmoniker und Beethoven. Seit mehreren Generationen schon konstruiert ein Familienbetrieb den skurrilen Wandbehang.

 

Thomas Eißler war einmal Theater-Manager, war als gelernter Kaufmann in Tokio, flirtete andernorts mit der Festanstellung auf Lebenszeit. Irgendwann aber habe er von Meetings und ungelüfteten Konferenzräumen genug gehabt, sagt er. Nach der Eröffnung seines Geschäfts 2010 brachten ihm seine Kuckucksuhren erste internationale Kundschaft. Allwöchentlich folgen seitdem Touristen ihren Berlinbüchern zu Eißlers Uhren. Am häufigsten orderten Südamerikaner, wohl mit deutschen Wurzeln, sagt er. Zur vollen Stunde glockt dort dann wieder die Heimat.

 

Eißler präsentiert ein anderes Deutschland. Seine Interpretation. Die Souvenirgeschäfte der üblichen Touristenpisten beurteilt er als "trashig". Er dagegen, der mit süddeutschem Dialekt spricht, stellt anhand kaum drei Duzend Produkten aus, was für ihn Deutschland bedeutet. Romantisch kann es sein wie die Schwarzweiß-Fotografien geheimnisvoller Burgenlandschaften im großformatigen Band. Umwerfend wie der ganze "Faust", in ameisengroßen Buchstaben auf ein Poster gedruckt. Präzise wie die Design-Vasen der Firma Auerberg. Verrucht wie Ellen von Unwerths Wilde-Zwanziger-Bilder. Derb wie die Schnäpse und zuverlässig wie die dunkelblauen Seemannspullover, für Tage, an denen das Klima im Land wieder allzu kalt ist.

 

Montagfrüh beispielsweise hatte die Stimmung unter den Ladenbesitzern in der Rosa-Luxemburg-Straße mal wieder den Gefrierpunkt erreicht. Das mit einer mächtigen Tanne bepflanzte Weinfass vor "Best of Germany" lag umgekippt auf dem Bürgersteig, Pflanze fort, Erde überall. "In anderen Nächten sind die Töpfe vor den Geschäften zerschlagen", sagt Eißler. "Oder Touristengruppen ziehen im Vollrausch heim in ihre Hotels." An Spitze und Ende der Straße befinden sich diese günstigen Unterkünfte. Eißler wohnt und betreibt sein Geschäft genau dazwischen. Leben in der Zwickmühle.

 

Die Beschwerden sind dieser Tage allgegenwärtig. Über die Bierbikes in Mitte, jene rollenden Stammtische mit vielen Pedalen und noch mehr zu trinken. Oder über den Easyjet-Set, das aus aller Welt für zwei durchgemachte Club-Nächte einfliegende Partyvolk. In den Bars von Kreuzkölln sind schon Hinweis-Zettel ausgehängt die klingen wie "Hunde müssen draußen bleiben", aber Touristen meinen. Sogar die sonst stets gelassen wirkende Zeitschrift "Tip" machte das Phänomen zum Titelthema. Als Fotomotiv staunender Fremdlinge würden die Berliner zu "Ausstellungsstücken und Zoobewohnern". Man frage sich: "Wem gehört die Stadt eigentlich?"

 

Landung im Berghain

 

Thomas Eißler nimmt es gelassen. "Die Bierbike-Betreiber, die Anbieter von Kneipentouren zum Billigtarif: Das sind ja nicht Touristen." Auch Flugtrips mit Landung im Berghain sind ihm nicht unsympathisch. Es gehörten in einer europäischen Metropole die Touristen eben dazu. Und so wird Eißler nach Wochenenden sein Fass immer wieder aufrichten, werden seine Nachbarn neue Ziertöpfe auf die Bürgersteige stellen, wird man nachts Ohropax tragen und tagsüber lernen, mit der Anziehungskraft der Stadt zu leben.

 

Best of Germany Rosa-Luxemburg-Straße 26, Mitte, Tel. 81 40 09 54, www.shop.bestofgermany.net, geöffnet Montag bis Sonnabend von 10 bis 19 Uhr. Am 7. Juni ist zwischen 19 und 24 Uhr zu einer Präsentation von Designhaus Auerberg geladen, Eintritt frei

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