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So richtig kann man sich Alicja Kwade heute nicht mehr vorstellen, wie sich die kleine, zierliche Frau gegen die Meute der Fotografen gelehnt haben muss, um George Clooney zu beschützen. Alle wollten sie damals auf der Berlinale das beste Foto von ihm schießen. Kwades Job bei der Sicherheitsfirma war es, die Paparazzi davon abzuhalten, dem Hollywoodstar zu nahe auf die Promi-Pelle zu rücken. Schwer verdientes Geld, sagt die Künstlerin heute. Die Zeiten, in denen die gebürtige Polin das Geld für ihre Kunst durch Nebenjobs verdienen musste, sind vorbei. Seit vier Jahren lebt sie von den Verkäufen ihrer Werke, bis weit ins nächste Jahr hinein ist sie für Galerien, Messen und Gruppenausstellungen gebucht.
Wer Alicja Kwade in ihrem Atelier besuchen will, muss in den Teil von Kreuzberg fahren, wo sich auffällig viele junge Menschen mit Sonnenbrillen, roten Röhrenjeans und Jutebeuteln über der Schulter tummeln. Auf ihren Rennrädern rollen sie über den Kottbusser Damm, alle sind ein bisschen Künstler und immer ein bisschen Ghetto. Alicja Kwades Labor liegt ziemlich mittendrin in diesem prekär-bohemischen Viertel in einem Hof auf der Sonnenseite des Paul-Linke-Ufers. Sie macht einen recht zufriedenen Eindruck. Bei ihrer Schau in der Galerie Johann König im Frühjahr bekam sie viel Aufmerksamkeit und verkaufte eine raumfüllende Installation. Das brachte ihr so viel Geld ein, dass es für das nächste Jahr reichen wird, für Wohnungsmiete, Material für ihre Kunst, das 265 Quadratmeter große Atelier.
Mit dem Schritt durch die Türschwelle ihres Labors betritt der Besucher eine andere Welt. Und während die Hipster ein paar Meter entfernt an ihren Haartollen und ihrem Image basteln, baut die Künstlerin in ihrer Werkhalle ihre physikalischen Installationen zusammen. Der Raum ist lichtdurchflutet, Sonnenstrahlen brechen sich in einem riesigen Suchscheinwerfer aus dem zweiten Weltkrieg, ein roter Gabelstapler steht vor den Schränken mit Würfeln, Uhren und Puppen, es riecht nach Farbe und Terpentin.
Alicja Kwade hat ihre rot-blonden Haare zu einem lockeren Dutt geknotet. Die grüne Seidenbluse hängt lose, die Chucks setzen sich giftgrün vom grauen Atelierboden ab. Die 33 Jahre alte Künstlerin sammelt regalweise Gegenstände an. An manchen Tagen mit wenig Arbeit geht sie durch die Reihen und spielt mit ihren Kuckucks-, Bahnhofs- und Standuhren oder sitzt auf dem Boden, würfelt und denkt über Wahrscheinlichkeitsrechnung nach. Diese Stunden der Freiheit genieße sie am meisten, denn wenn es gut laufe, falle ihr dabei ein neues Projekt ein. Artikel über die Künstlerin sind zumeist mit "Alicja im Wunderland" betitelt. Das sei natürlich sehr plakativ, aber irgendwie gefalle es ihr auch. Es gäbe schon Gemeinsamkeiten, wie das Spiel mit der Logik, die Grenzüberschreitung von Realität und Übersinnlichem, Alltäglichem und Anormalem.
Für ihre Installation bei Johann König hat sie Objekte auf Kreisbahnen angeordnet. Tür, Fahrrad, Spiegel, Fensterrahmen und Münze stehen sich auf den Rundungen gegenüber. Mehr ist dann auch nicht zu sehen. 30.000 bis 50.000 Euro kostet die Produktion einer ihrer Ideen schon mal. Die Gegenstände sollten Bezug zueinander aufnehmen, es sei eine Metapher für das Um-sich-selbst-Kreisen, ihr großes Thema. "Mich interessiert immer, woher unsere Realität kommt und warum wir glauben, dass sie die Wahrheit ist", sagt sie. Es handele sich dabei doch nur um das, worauf sich die Menschen geeinigt hätten, weil es auf so viele Fragen keine Antworten gebe.
Mit Alicja Kwades Kunst ist es ein bisschen wie mit Physikunterricht in der Oberstufe, manche verstehen sofort wie sie funktioniert, andere sind Lichtjahre von der richtigen Lösung entfernt. Doch nach der Wahrheit sucht Alicja Kwade sowieso nicht. Sie finde es schade, dass einem viele Dinge verschlossen bleiben, weil sie die menschliche Vorstellungskraft überschreiten. Und dann passt "Alicja im Wunderland" doch wieder ganz gut, um der Vorstellungen von Realität und Doppelrealität auf die Spur zu kommen, spiele sie gerne mit Glas und Spiegelungen und mit den Erwartungen des Betrachters.
Wenn die Künstlerin ihre Arbeiten erklärt, raucht sie schnell und spricht noch viel schneller. Sie behält ihr Gegenüber fest im Blick. Selbst wenn sie nachdenkt, schweifen ihre blauen Augen nicht durch den Raum. Sie hat etwas unaufdringlich Selbstbewusstes. Unter ihrem Labor befinden sich mehrere Band-Proberäume, je nachdem wo gerade gespielt wird, wummern die Bässe durch den Boden, wie auf einer Party in einer Großraumdiskothek. Sie störe das nicht. Nur wenn eine Band zum zehnten Mal "Ring of Fire" übe, dann nerve es doch ein wenig.
Vor ein paar Jahren noch nahm sie jeden Job an, um sich über Wasser zu halten: Sie war Kellnerin, Schuhverkäuferin, Garderobistin, parkte Autos der Besucher auf der Pferderennbahn ein oder wies eben Paparazzi zurecht, bis zu vier Tage in der Woche, die anderen drei Tage verbrachte sie im Atelier. Sie nutzt einen Raum im Atelier ihres Freundes Gregor Hildebrandt, der bereits als Künstler Erfolg hat. Ehrgeiz und Leidenschaft strukturieren ihr Leben. Vergeblich bewarb sie sich in der Zeit für verschiedene Stipendien.
Aber irgendwann ist sie genervt von der Ablenkung, sie will sich ganz auf ihre Kunst konzentrieren, also kündigt sie ihre Jobs. "Aus meinem Aberglauben heraus war ich sicher, wenn ich aufhöre, muss etwas Neues kommen, wenn ich nicht aufhöre, bleibt es ewig so."
Ihre eigenwillige Gleichung geht auf. Irgendwie hat sich das Schicksal dann nämlich doch von der Kwade erpressen lassen. 2008 gewinnt sie den Piepenbrock Preis für Skulptur und eine eigene Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Seitdem läuft das Geschäft mit der Kunst. Heute arbeiten bis zu sechs ihrer früheren Kommilitonen in ihrem Labor mit. Sie ist eine der wenigen ihres Jahrgangs, die den Sprung von der Studentenaushilfe zur Arbeitgeberin geschafft hat. Seitdem wird sie mit Fördergeldern überhäuft. "Es ist schon verrückt, je bekannter man in der Branche ist, umso leichter kommt man an Stipendien, weil die Institutionen und Geldgeber ihre Außenwirkung mit den Namen ihrer Künstler aufbauen und ein gewisses Renommee für sich verbuche", sagt sie über die Kunstszene. Alicija Kwade hat ihren Platz darin gefunden.
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