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Die Bühne ist kaum fünf Meter breit, und doch findet später eine ganze Band darauf Platz. Ein Schlagzeug links, ein Keyboard mit einem Mikrofonständer rechts. Durch die großen Fensterscheiben daneben schießen die ersten Sonnenstrahlen in das Kreuzberger Loft von FluxFM. An diesem Vormittag stellt der Radiosender ein neues Senderkonzept vor. Und eine neue Band soll den Soundtrack dazu liefern. "Das momentan spannendste Paar der Berliner Indie-Szene", heißt es in der Ankündigung.
Nüchterne Gesichter bei den geladenen Gästen, wird doch in Berlin fast alles zum nächsten großen Ding erklärt. Zwei Figuren betreten die Bühne. Mann und Frau. Beide blond und blauäugig. Die Frau hinter dem Keyboard drückt auf eine Taste. Ein atmosphärischer Ton erklingt. Dazu sanftes Taktklopfen und ein wohliges Rascheln vom Schlagzeug. Wenige Sekunden später die erste Strophe: "You're a runner, why do you want to kill yourself."
Die Band heißt Me and My Drummer. Me, das ist Sängerin Charlotte Brandi. My Drummer, also Charlottes Drummer, ist Matze Pröllochs. Im Mai ist ihr Debütalbum erschienen. Es trägt den Titel "The Hawk, The Beak, The Prey". Zehn Lieder, klanglich reduziert auf das Notwendigste. Sie handeln von Schmerz und Abgrund, vom Fremdsein und vom Tod. Existenzielle Popmusik im Minimalformat.
Drei Wochen später sitzen Charlotte und Matze in ihrem Stammcafé in Neukölln. Beide wohnen in der Nähe. Hier, in der Nähe vom Hermannplatz, haben sie ihre provisorische Arbeitszentrale errichtet. Beide haben einen Laptop vor sich aufgeschlagen. Bei Club Mate und Cappuccino beantworten sie E-Mails. Es ist derzeit viel zu tun. Anfragen beantworten, Termine organisieren, Interviews geben. Auch im schillernden Popgeschäft herrscht ein bürokratischer Alltag. Die Aufteilung in der Band ist klar. Charlotte kümmert sich um alles Kreative, Matze ist der Organisator. Eine Aufteilung, die bisher gut funktioniert. Dennoch macht allein schon der Bandname deutlich, wer das Sagen hat. Ich und mein Trommler. Für ein Musikmagazin sollten Charlotte und Matze einmal Fragen in Form von kleinen Malereien beantworten. Auf die Frage: "Wie seht ihr beim Kreativ-Sein aus?" malt Matze Charlotte, wie sie ihm die Faust mitten ins Gesicht rammt. Doch eine Diktatur sei das natürlich nicht, sagt Charlotte. "Eigentlich ist unser Bandname genauso schlimm wie die Egowerbung der Postbank mit ihrem ,ich, ich, ich'. Der Name ist nicht ganz ernst gemeint. Das kann man den Leuten aber nur schwer erklären."
Im Dezember 2008 begegnen sich Charlotte und Matze zum ersten Mal am Theater in Tübingen. Für eine Produktion wird eine Band gesucht. Schließlich wird Charlotte als Sängerin gecastet, Matze als Schlagzeuger. Im Kostüm und mit Maske spielen sie in drei Produktionen mit wechselnden Begleitmusikern. "Das war alles andere als glamourös", sagt Matze und dreht sich dabei eine Zigarette. "Ich habe da auf irgendwelchen Koffern herumgetrommelt, Charlotte spielte auf einem verstimmten Keyboard." Trotz der bescheidenen Umstände merken die beiden schnell, dass sie musikalisch harmonieren. Sie treffen sich auch privat, jammen ein wenig miteinander. Sie werden unzertrennlich. Man nennt sie "siamesische Zwillinge". Um es zu etwas zu bringen, wissen sie, dass sie wegmüssen aus der Provinz, hinein in die Großstadt. Von Beginn an stand fest, nach Berlin zu gehen. Zwar gibt es auch in Hamburg eine pulsierende Szene sowie den Popkurs, der viele junge Musiker anzieht. Bands wie Wir sind Helden oder Boy sind Absolventen. Berlin hingegen sei nicht so bodenständig, so kalkulierend. "Wer die Herausforderung sucht, geht nach Berlin", sagt Charlotte.
Schließlich nimmt sie das Berliner Label Sinnbus unter Vertrag. Produzent Tobias Siebert flößt ihnen das noch fehlende Selbstvertrauen ein, arrangiert die Musik um und macht den Sound markttauglich. "Auf der Platte sind viele Elemente dazugekommen zu den Songs", sagt Charlotte. Sie machen den Sound von lediglich zwei Musikern auf der Bühne satter und breiter. "Mit den Keyboards kann man ja mehr machen, als nur einen Ton zu erzeugen", sagt Matze. Dennoch wolle man live so viel selbst spielen wie möglich. "Den Trend, insbesondere bei Solokünstlern, alles vom Band ablaufen zu lassen, finde ich sehr bedenklich", sagt Matze. In ihrer Musik wollen sie authentisch bleiben, echt, handgemacht. Es sollen auch in Zukunft nicht mehr Leute auf der Bühne stehen als sie beide, so Charlotte. "Ich habe sehr Spaß an Reduktion und Minimalismus."
Das große musikalische Vorbild für Charlotte und Matze ist die aus Schweden stammende Mann/Frau-Kombo Wildbirds & Peacedrums. Bis zum Umfallen haben Charlotte und Matze sie gehört, als sie ihr Album eingespielt haben. Die Einflüsse sind deutlich hörbar, ohne dass Me and My Drummer jene Musik kopieren würden. Im zweiten Stock eines Backsteinbaus in Karlshorst, direkt an der Spree, tüfteln sie an ihrem Sound. In dem kleinen Proberaum haben Schlagzeug und Keyboard gerade noch Platz. Sollen die Instrumente auch bedient werden, wird es eng. "Wir haben hier Sonnenlicht, eine Heizung und Handyempfang", sagt Matze und weiß, wie luxuriös das ist. Die meisten Karrieren beginnen und enden schließlich in feuchten Kellern. Als ein Fernsehteam kürzlich eine Reportage über sie machte, waren die Reporter über die bescheidenen Verhältnisse erstaunt. "Die dachten, wir fahren mit einem schwarzen Nightliner von Konzert zu Konzert und spielen in einem edlen Studio", sagt Matze. Ob sie von ihrer Musik leben können? Man komme über die Runden, sagen beide. Für Nebenjobs fehle es an Zeit.
Termine: 5.8.: Zitadelle Spandau (mit Boy). 20.9.: Potsdam, Waschhaus
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