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Einige Wochen vor der Bundestagswahl 2009 gab der in PR-Dingen stets gewandte Bundesminister plötzlich den Rock'n'Roller. Karl Theodor zu Guttenberg zeigte sich mit dem Schriftzug der australischen Brachial-Band AC/DC auf der Brust. Die Rechnung ging auf. Kaum ein Medium ließ es sich im Herbst 2009 nehmen, den sonst so aalglatten Dirigentensohn einmal von seiner ganz wilden Seite zu zeigen.
Ein T-Shirt sagt eben oft mehr als 1000 Pressemitteilungen. Ob man sich sexy "like a virgin" fühlt oder wieder der ganzen Welt die rote Rolling-Stones-Zunge herausstrecken möchte: Mit einem Fanartikel lassen sich Gefühle und Identität vermitteln. Die spannendste Auswahl gibt es in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms.
Das junge Paar aus Norddeutschland denkt ähnlich. In der Nacht zuvor sind Laura und Korbi kurzzeitig vor den Auslagen des "Music Fashion Stores" an der Meineckestraße erstarrt. Der 23-Jährige und seine ein Jahr jüngere Freundin waren für ein Konzert der Pathos-Rocker Blink 182 von Ostholstein nach Berlin gekommen.
Einen Tag später sausen sie nun durch den Laden, probieren Armbänder und Hemden an, verschwinden hinter den Vorhängen der Umkleidekabinen, schießen wieder heraus. Eine Szene zwischen Marx-Brothers und einem Kindertag am Pudding-Buffet.
Die Unterarme auf den Tresen gelehnt, verfolgt Sven Gniesewitz mit mildem Lächeln die verrückte Choreografie. Der kräftige 48-jährige Inhaber trägt ein Heavy Metal T-Shirt und hat das Haar zum Zopf gebunden. Seine schwarzen Schuhe sind von jener robusten Sorte, wie sie Bühnenarbeiter bevorzugen. Sven Gniesewitz könnte dem Alter nach der Vater von Korbi und Laura sein. Er weiß genau, wie sie sich jetzt fühlen. Echte Fans sind alle da gleich.
Wer seit den 80er-Jahren in Berlin Platten kauft, ist zu irgendeinem Zeitpunkt von Sven Gniesewitz' Geschmack geprägt worden. Er baute WOM am Kudamm auf, zog als Ladenchef die Filiale im Forum Steglitz groß und arbeitete zur Boomzeit des Japan-Pops im Zehlendorfer Vertriebsbüro von Asien-Importeur "99 Records". Während der goldenen Ära von Fnac, jenes Weltunternehmens, das, wie er sagt, in der City-West die "Fans und Freaks" anlockte, legte Gniesewitz unbekannte Indie-Alben als Dauerschleife in die Vorspiel-Automaten. Zuletzt beriet er Dussmanns Kunden in Mitte.
Auf der Fläche der ehemaligen Fnac-Räume, dort wo Gniesewitz einst durch den Personaleingang zum Dienst kam, ist seit Frühjahr nun sein "Music Fashion Store". Ein Geschäft mit Expansionsmöglichkeit, sagt er. Sogar bis in die abgelegensten Winkel des Landes. Je provinzieller, desto besser. "Wegen der Hotels im Umkreis kaufen viele Touristen bei uns. Von denen höre ich ständig, dass sie sich so einen Laden auch in ihren Heimatorten wünschen", sagt der Hemd-Händler. Kunde Korbi bezahlt ein Metallica-T-Shirt und nickt zustimmend. "In Ostholstein sieht man solche Sachen höchstens mal auf Märkten."
Dabei ist der Handel mit Fanartikeln ein internationales Millionen-Business. Nach Konzerten gibt sich das Publikum heutzutage die echte Zugabe erst am Mechandise-Stand. 40 Euro für das Hemd, 25 Euro für den bedruckten Becher sind gängige Preise. "Da zu arbeiten, ist die Hölle", erinnert sich Gnieswitz-Angestellte Jeanie, die im Laden für Webseite und Marketing sorgt. Bei einem Auftritt von Kaliforniens Soft-Popper Jack Johnson etwa habe sie als Verkäuferin binnen weniger Stunden "locker 15 Mille eingenommen", sagt die 49-Jährige. In der Eile deponierten sie und die Kollegen die Scheine einfach irgendwie hinter dem Tresen. "Schlimmstenfalls warf man das Geld einfach auf dem Boden."
Jenes Fan-Feuer spürt sie wieder, wenn die Überstars in Berlin sind. "Wer zu Springsteen geht, reist dafür gern an, zahlt viel, wohnt gut, oft in unserer Umgebung", erklärt Sven Gniesewitz. Viele Zuschauer deckten sich so auch am Tag nach dem jüngsten Boss-Konzert im Olympiastadion bei ihm ein. Denn Gniesewitz hat ausschließlich Stücke, die von Band oder Plattenfirma lizenziert sind. Madonna in Technicolor. Beatles-Stifte in Submarine-Gelb. Robbie Williams aus Pappe als Nachtisch-Dekoration. Tiefe Verachtung aber spricht aus Gniesewitz, wenn er von Hemden, Basecaps und Taschen spricht, auf die nachlässig obskure Starfotos gebügelt werden, die sich bald in Fetzen lösen: "Der Markt ist voll davon. Ganz schlimm."
Zu den Freuden seines Job zählt etwas, das man Nachwuchsförderung nennen könnte: Wenn er, wie jüngst, den Rahmen bietet für einen Vater, der seine kleine Tochter auf die Auswahl von Stones-Hemden loslässt. "Sie fiel ihm erst mal begeistert um den Hals. Ein wunderbarer Anblick", sagt Gniewitz.
Fast täglich muss er Eltern auf einen Liefertermin Ende Juli vertrösten. Dann kommen lang ersehnte AC/DC- und Metallica-Hemden für Babies und Kleinkinder. Ein schamloser Versuch natürlich, ein wenig vom eigenen Lifestyle zu vererben. "Musikalische Früherziehung", sagt der Chef. Wer sich in der Vergangenheit auch schon mit dem AC/DC-Schriftzug schmückte, ist den Kunden dabei völlig egal. Solcherlei Erinnerungen waschen sich bei T-Shirts ganz von selbst aus.
Music Fashion Store Meineckestraße 23, Charlottenburg, Tel. 91 54 60 43, Mo.-Sbd. 10-20 Uhr
Lauter Rock'n'Roll: Musik, Mode und Merchandise in Berlin. Eine Auswahl
Tiki Heart Café & Shop Wiener Straße 20, Kreuzberg, Tel. 61 07 47 01, Café täglich ab 10 Uhr, der Shop von 11 Uhr bis 18 Uhr
Crazy Box Gabriel-Max-Str. 10, Friedrichshain, Tel. 29 77 60 66, Mo-Fr 12-20 Uhr, Sbd. 12-17 Uhr
Media Markt stadtweit Filialen, beispielsweise An den Freiheitswiesen 5, Spandau, Tel. 36 20 73, Mo.-Sbd. 10-21 Uhr
KaDeWe Tauentzienstr. 21-24, Schöneberg, Tel. 21 21 0, Mo.-Do. 10-20 Uhr, Fr. 10-21 Uhr, Sbd. 9.30-21 Uhr
Charming Styles Erich Weinert Straße 3, Prenzlauer Berg, Tel. 91 20 88 28, Mo.-Fr. 13-18 Uhr, Sbd. 11-16 Uhr
Dussmann Friedrichstraße 90, Mitte, Tel. 20 25 11 11, Mo.-Fr. 10-24, Sbd. 10-23.30 Uhr
Galeries Lafayette Fiedrichstr. 76-78, Mitte, Tel. 20 94 80, Mo.-Sbd. 10-20 Uhr
Sterling Gold Oranienburger Str. 32, Mitte, Tel. 28 09 65 00, Mo.-Fr. 12-20 Uhr, Sbd. 12-18 Uhr
Hula-Hoop Mommsenstr. 42, Charlottenburg, Tel. 0172 31 16 22 1, Di.-Sbd. 10-20 Uhr, So. 12-18 Uhr
Setrino Petticoatshop Manteuffelstraße 16, Lichterfelde, Tel. 84 40 96 48, Mo.-Fr. 10-18 Uhr, Sbd. 10-16.30 Uhr
Firlefanz Eisenacher Str. 75, Schöneberg, Tel. 78 17 47 5, Mo.-Fr. 14.30-18.30 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr
Mimi Goltzstraße 5, Schöneberg, Tel. 23 63 84 38, Mo.-Fr. 12-19 Uhr, Sbd. 11-16 Uhr
Saturn Am Treptower Park 14, Treptow, Tel. 53 63 40, Mo.-Sbd. 9.30-20 Uhr
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