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Zwölf Stunden

Schön zerbrechlich

Vom grauen Klumpen zum Sinnbild klassischen Designs: In der Königlichen Porzellanmanufaktur entstehen von den frühen Morgenstunden an Berliner Meisterwerke. Täglich und in Handarbeit
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05:20: Zwölf Stunden, das ist exakt die Länge einer Schicht von Vera Fuchs. Sie ist morgens die erste in Charlottenburgs Königlicher Porzellan-Manufaktur, schließt das Haupttor in der Englischen Straße auf und setzt sich in ihre Pförtnerloge, einen Baucontainer neben der Einfahrt. Auf zwei Monitoren hat sie zwölf Überwachungskameras gleichzeitig im Blick. An der resoluten Dame kommt niemand unbefugt vorbei.

 

07:10: "Achtung, Filterkuchen kommt!" Frank Rettschlag steht auf der Filterpresse und lässt gräuliche Quader aus den Filterkammern aufs Förderband klatschen. Wir befinden uns in der Massefabrik. Dort wird die im Haus angerührte Schlemme entwässert und so Ausgangsmaterial für die Porzellanherstellung gewonnen. Rund 30 Kilo wiegt ein Filterkuchen. "Früher mussten wir die per Hand stapeln", sagt Rettschlag. Seit der Umrüstung vor elf Jahren funktioniert das automatisch. Die Zutaten aber sind dieselben: die Mineralien Kaolin, Quarz und Feldspat. Die genaue Zusammensetzung bleibt Geheimnis der Manufaktur.

 

08:15: Christin Herzig ist im zweiten Lehrjahr und arbeitet in der Modellwerkstatt, die an eine Töpferei erinnert. Vor ihr hängt eine Zeichnung des Objekts, auf der Drehscheibe steckt die Grundplatte für ein Modell der "Kleiner-Bär-Vase". Hat sie es fertig, kann damit eine "Einrichtung" angefertigt werden. Diese dient zur Herstellung der Formen, in denen das Porzellan gebrannt wird. Die Ausgangsmodelle sind der Schatz der Manufaktur, ein Gesamtkatalog der Jahrhunderte währenden Produktionsgeschichte. Ob moderne Produktlinie, Bauhausschale oder Teeservice: Für alles lagert eine Vorlage im Modellkeller.

 

08:45: Vorbei am Arbeitsformenlager geht es in die Dreherei. Dort wird Garniererin Vanessa Kemal heute "verputzen und angarnieren". Mit anderen Worten: Teetassen bekommen einen Henkel. "Wenn alles vorbereitet ist, schaffe ich 250 Tassen pro Tag", sagt sie. Es ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn die noch weichen Tassen können sich leicht verformen. Vorsichtig nimmt sie eine Schale in die linke Hand, fügt mit der rechten einen Henkel hinzu und klebt ihn mit Garnierschlicker an. Sie reinigt die Anschlussstelle, so dass kein Übergang mehr zu sehen ist. Fertig. Nun noch zum Trocknen auf die Unterlage.

 

10:15: Beim Brennen von Hohlkörpern muss Luft entweichen können, deswegen macht Figurenkeram-Formerin Anja Sonn ein kleines Loch in jeden "Bär stehend klein", von denen sie heute 60 Stück zusammensetzt. Sie öffnet den Feuchthalteschrank, in dem die Gießteile lagern, und holt Rümpfe, Arme und Beine heraus. "Beim Zusammensetzen habe ich nur wenige Sekunden Zeit, um die Einzelteile zurechtzuschieben."

 

11:30: Sieben Könige und Kaiser haben die KPM ihr Eigen genannt. Ihr heutiger Eigentümer, der Bankier Jörg Woltmann, fühlt sich dieser preußischen Tradition verpflichtet. Was das bedeute? "Klare Linien, klare Strukturen. Und vor allem Innovation", sagt er. In diesem Jahr zum Beispiel sei zum ersten Mal ein Auto, ein 1,65 Millionen Euro teurer Bugatti, mit Tankdeckel, Radkappen, und Inneneinrichtung aus Porzellan ausgestattet worden. Alles aus der KPM. Jörg Woltmann sitzt jeden Vormittag in seinem stilvoll eingerichteten Büro. Danach geht es in die Bank.

 

11:55: "Der Scherben" nennen sie bei der KPM ein Porzellanstück vor der Glasur. Das Material ist noch porös und so saugfähig, dass die Oberfläche wenige Sekunden nach dem Bad in der Glasurwanne wieder trocken ist. Da alle Einzelteile per Hand eingetunkt werden, bleiben aber unreine Kontaktstellen. Dann wird Michael Sommerfeld aktiv, der "Fertigmacher". Vor seiner Metallkabine zischt und staubt es. Mit einer Spritzpistole sprüht er Glasur auf unsaubere Stellen. Ein riesiger Abzug saugt Sprüh- und Pulverwolken fort - der feine Porzellanstaub wäre auf Dauer gefährlich.

 

12:15: Eine Biberfigur steht auf dem Tisch, ein Friedrich der Große schaut vom Fenstersims. Pinsel werden vorübergehend in Vasen abgestellt, für die Kunden einmal drei- bis vierstellige Beträge zahlen werden. Mittagspause. Eine Kantine gibt es nicht, deswegen hat jeder sein Lunchpaket dabei. Salate, Snacks, Schnitten - alles wird von feinsten Porzellantellern gegessen, die überall stehen.

 

13:05: Ob Eierbecher, Goethebüste oder der berühmte Schinkelkorb - nach dem ersten Brand wandert jedes in der KPM hergestellte Einzelstück durch die Hände von Heike Rösler-Roßmeisl. Sie ist es, die allen Teilen den dunkelblauen KPM-Stempel aufdrückt. "Jeder Abdruck muss genau in die Mitte", erklärt sie. Und wenn er einmal verrutscht? "Per Schmirgelpapierbehandlung lässt sich nach dem ersten Brennen noch alles korrigieren", sagt sie.

 

14:25: Oben Kaffeekannendeckel, unten Vasen: Teures Porzellan bugsiert Hardy Roßmeisl in einer Brennkassette umher, die er eben aus dem Ofen geholt hat. Rund 18 Stunden dauert ein Brennvorgang. So sind die Öfen auch nachts in Betrieb. 15:30 "Oldenburg", "Sankt Gallen", "Moskau" steht auf den Kartons. "Wir versenden in alle Welt", sagt Olaf Winkler vom Versand. Bei derart wertvoller Fracht braucht es Unmengen an Folie und Verpackungschips. "Aber nur für die kleinen Pakete", erklärt Winkler. "Für alles andere nutzen wir eine Maschine, die Papier von der Rolle zu Schlangen zusammenknautscht. Das Allerbeste für den sicheren Transport".

 

16:40: Ein intensiver, süßlicher Geruch schwebt über der Malerei. Vielleicht liegt es am Nelkenöl, das den Farben beigemischt wird, um sie geschmeidig zu halten. Je nach Auftragslage und Kundenwunsch vertiefen sich die Porzellanmaler tage- und wochenlang in unterschiedliche Motive. Das hält sie nicht davon ab, dabei Hörspielen zu lauschen. Sascha Borowski malt gerade das geschnörkelte Golddekor auf eine Vase, die aus Taiwan geordert wurde. "Für wiederkehrende Motive nutze ich eine Lochpause. Ich wische mit einem Kohlenstaublappen darüber und habe so eine Vorlage auf dem Porzellan." Für das Miniaturgemälde, eine historische Stadtschlossansicht, hat er vier Wochen gebraucht.

 

17:50: Der Laden der KPM ist eine Galerie. In der historischen Ringofen-Halle werden die nebenan gefertigten Preziosen ins allerbeste Licht gerückt. Dilan Budak hat hier schon ihre Ausbildung absolviert, sie kennt das Publikum genau. "In der Woche ist bei uns schon früh viel los, dann kommen hauptsächlich Firmen- und Geschäftskunden. Am Wochenende herrscht vor allem nachmittags Trubel, da haben wir auch viele Familien im Geschäft. Und nicht selten kommen dann Spezialisten vom Flohmarkt nebenan herüber, um Preise abzugleichen." Die Mitarbeiter aus der Produktion sind schon auf dem Heimweg, wenn die Galerie um 18 Uhr schließt. Feierabend für Dilan Budak.

 

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