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Zwölf Stunden

Herbst allerliebst

„Sanssouci“ steht bekanntlich für „ohne Sorge“. Fremdenführer, Handwerker und die allgegenwärtige Musik machen den Besuch in den Sälen und Gärten des Potsdamer Schlosses zu einem romantischen Ausflug in die preußische Vergangenheit
 
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07:20 Die Schrubber umkreisen Rokoko-Sofas und Marmorstelen des Schlosses. „Wir dürfen nur den Fußboden putzen“ sagt Angelika Neubauer. Sie und ihre Kollegin Heidi Carbe putzen jeden Morgen fort, was Hunderte Besucherschuhe auf schützenden Teppichen und wertvollem Parkett im einstigen Privatschloss von Friedrich dem Großen hinterlassen haben. Die Arbeitsumgebung ist einmalig. „Ein sehr schönes Arbeiten“, sagt Angelika Neubauer. „Abgesehen davon, dass obenherum alles staubig ist“. Die dafür zuständige Kunstgutreinigung kommt nicht so regelmäßig wie sie.

 

10:00 Kassenöffnung. Claudia Kagel verkauft ihre ersten Eintrittskarten an zwei Französinnen. Zwei Schalter gibt es, ein Bildschirm zeigt die noch freien Führungen. „Wie verkaufen bis zu 300 Karten in 45 Minuten“, sagt Kagel. Natürlich kommt ein sehr internationales Publikum. „Die wichtigsten Ansagen können wir in mindestens fünf Sprachen machen.“ In welchen Sprachen es Audioguides gibt, wird per Besucherstatistik entschieden. Zuletzt sind polnische und chinesische Versionen hinzugekommen.

 

10:30 40 Teilnehmer, 40 Minuten lang: Eine Schlossführerin muss laut reden, damit am Ende jeder etwas mitnimmt. „Wir haben einen Bildungsauftrag“, sagt Jacqueline Wille. Aber Lautstärke allein bringt nichts. „Keiner kann sich etwas merken, wenn man nur Fakten herunterleiert. Man muss Historie interessant verpacken, damit die Leute ihre Freude haben.“ Mit einprägsamen Anekdoten über Friedrich den Großen etwa.

 

11:15 An der mit gelben Blättern übersäten Auffahrt zum Schloss steht Agris Jakobsons. Als Friedrich der Zweite verkleidet stimmt er das hebräische Volkslied Hava Nagila auf seiner Querflöte an, auch wenn es zu seinem Kostüm nicht recht passt. Prompt bleibt eine Besuchergruppe in der Herbstsonne stehen. Es wird ein wenig Kleingeld spendiert. „Das waren Israelis. Mit den Jahren bekommt man einen Blick dafür, woher die Leute kommen“, sagt der Lette. „Wenn Jugendliche nach Beatles fragen, versuche ich mich eben auch daran.“ Ansonsten spielt er aber das klassische Flötenrepertoire.

 

12:10 Auch im Park zu Füßen des Schlosses erklingt klassische Musik. Hier kommt sie aus dem Radio von Manfred Kuschnik, der auf dem Boden kniet und dazu mit dem Hammer klopft. Er repariert das Mosaik an einer der acht Bänke rund um die Große Fontäne. „Es wurde damals von italienischen Handwerkern gelegt. Es ist abgesackt, das heißt, wir müssen jeden Stein einzeln lösen, herausnehmen und, nachdem wir Kalkmörtel unterfüllt haben, wieder an dieselbe Stelle setzen.“ Zwei Tage brauchen er und sein Kollege allein für zwei Streifen vor dieser Bank.

 

13:30 Einen großen Teil des Besucheraufkommens in Sanssouci macht der Gruppentourismus aus. Er wird vom Besucherzentrum aus koordiniert. Dort gehen Buchungen ein, werden die Reiseleiter von Schlossführern in Empfang genommen und Sonderwünsche vom Kindergeburtstag bis zur Erlebnisführung bearbeitet. „Schloss Sanssouci ist immer zuerst ausgebucht“, sagt die stellvertretende Leiterin des Zentrums, Angelika Breschke. „Dann müssen wir umverteilen“. Das Angebot ist groß genug, ob Schloss Charlottenhof, Neue Kammern, Orangerieschloss oder Bildergalerie. Sanssouci hat viel zu bieten. „Wenn die Gäste fragen, was am schönsten ist“, sagt Breschkes Kollegin Bettina di Primo, „frage ich zurück, welches ihrer Kinder sie am meisten lieben. Das lässt sich natürlich nicht beantwort. Und so geht es mir mit unseren Schlössern.“

 

14:50 Die Sonne lässt den Park in herbstlichen Farben erstrahlen, die berühmten Schlossterrassen bilden eine majestätische Kulisse. Bettina Weiß genießt mit ihrem Freund Thomas freie Minuten im Schlossgarten. „Gleich habe ich noch eine Vorlesung, ich studiere Anglistik in Potsdam“, sagt Bettina Weiß. Ein paar gemeinsame Momente bleiben ihnen noch.

 

15:10 Unterhalb der Puttenmauer am Garten der Bildergalerie legt Andrea Börnicke letzte Hand an die Hainbuchenecke. „Sie ist mindestens 50 Jahre alt“, sagt sie, „Das ist eine der ältesten Hecken im Park“. Börnicke muss die älteren, dicken Äste „zurückkneifen“. Der grobe Beschnitt wird zunächst elektrisch und mit Lasertechnik erledigt. „Unser Ziel ist immer, den historischen Originalzustand zu erhalten oder erst einmal herzustellen, denn er wurde ja über die Jahrhunderte nicht immer beibehalten.“ Für die Blätter steht ein riesiger Laubsauger bereit.

 

15:30 Assistentin Nina Ilsen ist auf einem Rundgang durch Hofdamenflügel, Schlossküche und die königlichen Privatgemächer, um nach dem Rechten zu sehen. Sie kontrolliert das Raumklima und kennt den Platz jeder Vase und jeden Gemäldes. Nebenbei organisiert sie Events wie „Sanssouci im Lichterglanz“, das im Oktober die Schaulustigen anzog.

 

17:15 Dieter Kempka kassiert drei Euro fürs Parken. „Ziemlich anstrengend, denn man ist ja fast pausenlos auf den Beinen“ - heute wieder einmal zwölf Stunden lang“, sagt er.

 

17:50 Schräg gegenüber dem Grab Friedrichs des Großen kümmert sich Christel Genetzke um die WCs. Früher hat sie als Cutterin bei der Defa gearbeitet, später als Zahnarzthelferin, nun verdient sie sich hier etwas zu ihrer Rente hinzu. Neun Stunden am Stück steht sie neben der alten Flügeltür und nimmt die Toilettengebühr ein. „Hierin sieht es immer noch so aus, wie in den 60er-Jahren, als ich mit meinen Kindern da war“, sagt sie. Einmal wunderte sich eine Dänin, dass dort die gleichen geblümten Kacheln an der Wand hängen wie in ihrem Wochenendhaus. „Das war DDR-Exportware“, sagt Christel Genetzke. „So etwas wurde eben nach Dänemark geliefert oder an ein prestigeträchtiges Touristenobjekt wie unser Sanssouci.“

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