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Zwölf Stunden

Ein Riff unter dem Fernsehturm

Das Groß-Aquarium "Sea Life" bietet wunderbare Einblicke in den Lebensraum exotischer Fische und seltener Wasserpflanzen. 35 Mitarbeiter pflegen, füttern und hüten täglich 5000 Tiere
 



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08:15: Sie finden Fensterputzen nervig? Wenn Sie einmal Paul Perrieux bei dessen Arbeit im Berliner Schau-Aquarium Sea Life gegenüber dem Berliner Fernsehturm zugeschaut haben, kommen Ihnen die wenigen Glasscheiben daheim gewiss nicht mehr so arbeitsaufwendig vor. Kurz nach Dienstbeginn steht der Franzose bis zur Brust in 15 Grad kaltem Salzwasser und säubert mit einem Wischer die riesigen Innenscheiben des 40 000 Liter fassenden Schwarmbeckens. Um ihn herum wimmeln Goldbrassen, am Boden ergreifen Riesenlangusten die Flucht. Die Luft ist voll Salz, das schon nach kurzer Zeit in der Nase brennt. Doch Perrieux ist in seinem Element. Der studierte Jurist hat sein einstiges Hobby Aquaristik zum Beruf gemacht. Was Außenstehenden als mühevolle Qual erscheint, ist für ihn ein Traumjob.

09:00: Bei seiner verantwortungsvollen Aufgabe, die Wassertemperatur und den Salzgehalt aller Becken zu messen, muss sich der 14-jährige Kenny Oelkers vor den großen Stechrochen in Acht nehmen: Kraftvoll schlagen sie mit ihren Flossen gegen die Beckenwand. Ihr Stachel kann äußerst schmerzhaft sein. Doch Kenny, der ein dreiwöchiges Schülerpraktikum im Sea Life absolviert, kann das nicht schrecken: "Ich bin ein Fisch-Freak."

10:15: Im Souvenirladen sortiert Esther Teubner, die neben ihrer Abschlussarbeit in Europäischer Ethnologie hier in Teilzeit arbeitet, ein Regal mit Plüschtieren. Mit Wasser gefüllt wäre der Shop ebenfalls ein Aquarium. Es gibt Fische aus Stoff, aus Plastik, aus Glas, aus Holz, Fische in Schneekugeln, Fische auf Stiften, Fische als Süßigkeit, Fische zum aufblasen und jede Menge anderer Wassertiere. "Jungen stehen mehr auf Schildkröten", sagt Teubners Kollegin Ines Wittler. Am besten verkaufen sich die lustigen Greifer in Form eines Haikopfes und, wie könnte es anders sein, eine "Nemo"-Figur für die Badewanne. Kurz darauf ruft die General-Managerin Sandra Schmalzried ihr Team zur Besprechung zu sich. Der Job scheint Spaß zu machen. Denn beim Meeting wird viel gelacht.

11:00: Tierpfleger Markus Weber schneidet kiloweise Lachs, Tintenfische und Sardellen in kleine Stückchen. Der Speiseplan der mehr als 5000 Sea-Life-Bewohner, die rund 320 Kilo Fisch im Monat vertilgen, ist abwechslungsreich. "Wir Menschen wollen ja auch nicht jeden Tag nur Kartoffeln", sagt Weber. Ohnehin bekommen die Tiere nur frische Ware vom Feinsten. "Verfüttert wird nur, was wir auch für uns auf dem Markt kaufen würden", sagt Weber. Er kennt die Vorlieben der Tiere: "Seewölfe zum Beispiel sind nicht so schnell und fressen alles gern, was nicht wegschwimmen kann." Etwa Miesmuscheln.

12:00: Den Viertklässlerinnen Natalie, Lara und Emilia entfährt ein spitzer Schrei als plötzlich ein Zackenbarsch wenige Zentimeter vor ihren Gesichtern auftaucht. Doch der ist glücklicherweise hinter einer dicken Scheibe. Ganz anders als der Seestern, den sie kurz darauf streicheln dürfen. Ein "Talker", wie die Besucherbetreuer im Sea Life heißen, erklärt den Mädchen, dass Seesterne ihre Augen an den Spitzen der Arme haben. Er erzählt den neun- und zehnjährigen Kindern von der Grundschule Golßen in der Niederlausitz ganz Erstaunliches: dass Kraken genauso intelligent sind wie Hunde, dass eine weibliche Makrele mehr als 500 000 Eier auf einmal legt. Und dass Haie überhaupt nicht so gefährlich sind, wie immer gesagt wird. In den vergangenen zehn Jahren seien weltweit vier Menschen an Haibissen gestorben. "Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass ihr im Urlaub von einer Kokosnuss erschlagen werdet", sagt der Talker, und die Kinder lachen.

13:30: Fütterung im Rochen-Becken. Die größeren und schnelleren Fische holen sich ihr Essen selbst, anderen müssen die Sea-Life-Mitarbeiter ihr Futter mit langen Greifzangen vors Maul halten. "Die Steinbutte sind ein bisschen blöd", sagt Tierpfleger Weber. "Die bleiben die ganze Zeit am Boden." Damit die flinken Katzenhaie ihnen nicht alles wegschnappen, versorgt Weber die Fische mit mundgerechten Stückchen am Spieß.

14:00: Operation Languste. Ein Job für echte Kerle: Fünf riesige Langusten, jede so groß wie ein Kätzchen, müssen aus dem Schwarmbecken in die neue Sonderausstellung über Krebse versetzt werden. Das scheint ihnen nicht sonderlich zu gefallen: Sie schlagen wild mit ihren mächtigen Schwänzen. "Der Panzer ist so scharf, dass er einem richtig tiefe Schnittverletzungen zufügen kann", sagt Aquarist Tom Lau. "Deshalb darf man sie auch keinesfalls von unten anfassen, sonst erwischen sie einen." Geschützt mit dicken Handschuhen trägt der studierte Biologe ein Tier nach dem anderen durch die Gänge und entlässt es schließlich wieder ins Wasser. Dann zieht er sein Handy aus der Tasche. Es steckt in einer wasserdichten Hülle.

15:00: Hinter einer Tür, auf der "Nur Personal" steht, öffnet Aquariumsleiter Martin Hansel einen roten Hahn. Sofort schießt ein Wasserstrahl mit ungeheurer Wucht in ein rundes Becken. Acht Liter pro Sekunde - da wäre die heimische Badewanne schnell voll. Doch im Sea Life muss etwas größer gedacht werden: 450 000 Liter fassen die Aquarien, im zur Einrichtung gehörenden AquaDom sind es sogar eine Million Liter. Mehr als 90 Prozent davon bestehen aus Salzwasser. Woher das ganze Salz kommt, demonstriert Martin Hansel auch: Mit einem Messer öffnet der Aquariumsleiter weiße Säcke, auf denen "Instant Ocean" steht, und schüttet deren Inhalt in das Becken. 250 Kilo Salz kommen auf 6000 Liter Wasser. Damit sich die Fische sozusagen wie Zuhause fühlen.

16:30: "Achtung, lebende Tiere!" steht auf der großen Kiste, die Martin Hansel in der Krebsausstellung öffnet. Dann fördert er mehrere mit Luft gefüllte Plastiksäcke zu Tage, in denen jeweils eine Winkerkrabbe sitzt. Die heißen so, weil sie ihre Zangen schwenken, um Gegnern und Weibchen zu imponieren. Bestellt wurden sie bei einem Internetversand, für vier Euro das Stück. Jetzt setzt Praktikantin Martha Langhammer die kleinen Tierchen vorsichtig, eines nach dem anderen, in ein Aquarium, wo sie binnen kurzer Zeit scheinbar zu neuem Leben erwachen.

17:00: Feierabend für die vier Aquaristen. Doch für Tom Lau gilt das nur bedingt: Jeweils einer von ihnen hat Alarmbereitschaft. In dieser Woche ist er an der Reihe. Sobald eine Pumpe ausfällt oder der Wasserstand in einem Becken unter eine kritische Grenze fällt, bekommt Tom Lau einen automatischen Anruf und muss anrücken. "Deshalb darf ich in dieser Woche Berlin nicht verlassen. Ich muss immer erreichbar sein", sagt er. Zwei Stunden später schließlich verlassen die letzten Besucher dieses Tages das Sea Life. Die Goldbrassen, Zackenbarsche, Rochen und Katzenhaie, Langusten und Seesterne haben nun für rund zwölf Stunden Ruhe. Dann kommen ihre nächsten Bewunderer.

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