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06:20: Noch bevor die Sonne am Himmel steht, beginnt für Eno Bagci, den Olivenmann, der Kampf um die Kabel. Sein Kontrahent: Der Blumenmann vom Stand nebenan. Der, so sieht es zumindest Bagci, verlegt die Kabel auf "seinem Territorium". Der Blumenmann sieht das auch so, bloß umgekehrt. Ein Konflikt, der immer schwelt, und sich pünktlich zum Aufbau des Marktes entzündet. Derbe Sprüche, laute Rufe schallen dann über den Winterfeldtmarkt - die aber einen Moment später schon sehr freundschaftlich klingen "Ist nur Spaß", sagt Eno Bagci und schlägt seinem Standnachbarn kräftig auf die Schulter. Die zwei Markthändler trinken zusammen den ersten Kaffee des Tages.
07:15: Robert Orlando verkauft an seinem Stand das, was den Markt und seine Verkäufer jeden Morgen in Schwung bringt. Weißer Dampf sprüht aus seiner Espressomaschine in die Dunkelheit, die über dem Marktplatz liegt. "Robert, machst du mir bitte noch einen Kaffee", sagt Alf Müller, der Spielzeughändler, als er sich zu Eno Bagci gesellt. Um ihn herum schuften Verkäufer, die Waren auf Schubkarren zu insgesamt rund 150 Ständen bugsieren, und Marktarbeiter, die Gestelle aufbauen. Auf dem Platz an der katholischen St.-Matthias-Kirche bieten mittwochs und sonnabends die Verkäufer eines der größten Märkte der Stadt ihre Waren an. Ein Tag auf dem Winterfeldtmarkt: Dazu gehören Anwohner, die an den Obst- und Gemüseständen feilschen, Verkäufer, die beim Preis hart bleiben, Rivalitäten zwischen den Händlern, die mal ernst gemeint sind und mal ironisch übersteigert daherkommen. Und manchmal begegnet man einem Prominenten, der Bio-Eier für seine Familie einkauft. Zwölf Stunden unübersichtlicher Betrieb, dessen Grundmelodie die lauten Rufe der Marktschreier liefern.
08:00: Gleich ist Startschuss. Neben frischen Lebensmitteln, Fisch und Fleisch, Käse-Spezialitäten und Kunsthandwerk bieten die Verkäufer auch Kleidung. Wie Boris Moini, der kurz bevor die ersten Kunden an seinen Stand kommen ein paar Schaals, T-Shirts und Taschen über Metallstangen hängt. Er arbeitet seit 14 Jahren hier. Viele Jahre älter ist der Markt. Der Platz existiert seit 1890 und trägt den Namen des preußischen Generals Hans Karl von Winterfeldt (gestorben 1757). Er war ein enger Freund Friedrich des Großen. In den 1970er Jahren - dann gar nicht mehr preußisch - etablierten sich der Platz und die umliegenden Gebäude in Schöneberg als Hochburg der Hausbesetzerszene. Und heute? "Heute gibt es viel mehr Märkte in Berlin als noch in den 90er-Jahren. Die Konkurrenz ist größer", sagt Händler Moini. Dafür kommen mehr Touristen als früher, und die, das hat Moini schnell gemerkt, kaufen gern.
08:15: Mit einem Keramikmesser zerteilt Lothar Gierke-Löhr einen filettierten Lachs. Husumer Fischsuppe kocht hinter ihm im großen Topf. Die Fenster seines Anhängers, aus dem heraus er gleich verkauft, sind noch verschlossen. "Jetzt wird es aber Zeit", sagt Gierke-Löhr laut und öffnet die großen Fensterläden seines Fischgeschäfts. Der Verkäufer steht um drei Uhr morgens auf, steigt in Teltow in seinen Ford Ranger und fährt das mobile Fischgeschäft zum Markt. Er blickt auf die Uhr. "Nun aber mal Butter bei die Fische", sagt er.
09:25: Zwei Frauen blicken Ralph Herforth aus ein paar Metern Entfernung an. Sie tuscheln. Kommt ihnen bekannt vor, das Gesicht. Der Schauspieler aus "Knockin' on Heaven's Door" und "Kurz und schmerzlos" hält einen Zettel in der Hand und spricht mit dem Gemüseverkäufer: "Einen Salatkopf, ein Kilo Tomaten, einen Bund Salbei, bitte." Er blickt auf das Stück Papier. "Das ist der Laufzettel, den ich von meiner Frau bekomme", sagt er. Herforth steuert den nächsten Stand an, probiert dort etwas vom Brot, redet. Sein Sohn Levin, der erst ein paar Monate alt ist, ruht in einem "Baby Björn" vor seinem Bauch. Herforth blickt auf die Gebäude, die den Marktplatz umgeben: typische 70er-Jahre-Architektur. Ein wenig trostlos sei das. Eigentlich müsse die Stadt hier investieren, um das ganze mal ein bisschen aufzuhübschen. Herforth schaltet gedanklich um zu den Eiern, die er gerade kauft: "Die Hühner sind nicht eingesperrt? Das ist gut." Und jetzt Beeilung. Das Frühstück wartet.
11:45: Gudrun Schaubs kassiert mit preußischer Genauigkeit bei den Händlern die Marktgebühr. "Wenn der Stand eine Länge von ein bis drei Metern hat, beträgt der Preis 12,23 Euro. Ab vier Metern dagegen sind es 24,46 Euro", doziert die Marktleiterin. Gudrun Schaubs, die durch eine gelbe Leuchtweste und rotgefärbte Haare Passanten sofort auffällt, braucht rund zweieinhalb Stunden für ihren Kontrollgang. Sie spricht mit den Händlern, scherzt, lässt sich Zeit. Danach geht sie zurück in ihr kleines Büro, um Quittungen zu schreiben.
14:35: Aus einiger Entfernung und in angenehmer Wärme blickt Rita Friedberg auf den Markt. Sie sitzt in einem der angrenzenden Restaurants des Platzes, im "Eckstein", und trinkt Kaffee. Rita Friedberg ist Stammkundin. "Das Café hatte schon viele Namen. Es hat oft den Besitzer gewechselt", sagt die Investmentmaklerin. Restaurants wechseln den Besitzer, Händler ihr Angebot, das von der Nachfrage der Kunden bestimmt wird - die Dinge am Winterfeldtmarkt sind ständig in Bewegung.
15:20: "Tuuuuulllpen, Füüüüünnnfzig Tuuullpen für'n Zehner", schreit Rudi Kalupa als ginge es um Leben und Tod. Der 56-Jährige ist unüberhörbar und unmissverständlich der lauteste Mensch auf dem Markt. "Zusammen mit der Frau vom Eierstand gegenüber bin ich wohl eines der Urgesteine hier", sagt er und spielt mit der Kapsel von einer der rund 300 Hyazinthen, die er verkauft. Seit 40 Jahren arbeite er hier, erzählt Rudi Kalupa. Sein Vater, ebenfalls Blumenverkäufer, habe ihn damals schon mit auf den Markt genommen. "Auch meine Mutter, die nur Blumen-Brigitte genannt wurde, war im Geschäft", sagt Kalupa.
15:50: Noch zehn Minuten bis Marktende. Waltraud Meiser, die gegenüber von Rudi Kalupa Gemüse verkauft, steht in scherzhafter Konkurrenz mit dem Blumenverkäufer. "Waaaaallli, du bist so billig!", schallt es ihr vom Blumenstand entgegen. Sie antwortet lakonisch: "Rudi, du bist so teuer". Und fügt ironisch hinzu: "Ich höre dich kaum, du sprichst so leise." Waltraud Meiser schmunzelt. Dann holt sie einen Bund Petersilie aus ihrem Laster, den sie an der Straße geparkt hat. Es wird der letzte Bund sein, den sie heute verkauft.
18:50: Die Sonne steht schon nicht mehr am Himmel und Alf Müller, der Spielzeugverkäufer, der den Tag mit einem Kaffee begann, macht Feierabend. Müller befestigt seinen Verkaufswagen an der Kupplung seines Autos, fegt mit seinem Besen dort, wo eben noch sein Stand aufgebaut war. Jetzt ist es still, die Rufe der Marktschreier sind verstummt und der Markt schläft - bis er am nächsten Mittwoch wieder erwacht.
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