Bookmark and Share
A A A

Zwölf Stunden

Vor Anker gegangen

Wer den Heimathafen an der Karl-Marx-Straße besucht, versteht bald, wie in Berlin junge Gruppen und alte Profis Musiktheater, Revue und Party machen. Ein Blick hinter die Kulissen
 
Von



Weitere Bilder
Hausmeister Michael Roth
Heimathafen-Proben
Manu Schusch
Elia Rothhuber
Heimathafen-Kassenhäuschen
Heimathafen Neukölln
Claron McFadden

07:55: Auf der Karl-Marx-Straße tobt das Leben. Der Berufsverkehr schiebt sich durch die enge Straße, ein türkischer Gemüsehändler preist seine Ware lautstark an. Polizeisirenen jaulen bis in die Rixdorfer Hinterhöfe. Berufstätige Menschen, Schüler und Studenten hasten in den U-Bahnhof hinunter. Auch für Michael Roth beginnt ein neuer Arbeitstag. Hausmeister, besser Hafenmeister Micha, ist früh der erste, der den Heimathafen Neukölln an der Karl-Marx-Straße 141 betritt. Nur ein Tordurchgang trennt Neuköllns schrille Multi-Kulti-Hektik vom ruhigen Innenhof des Volkstheaters. Seit April 2009 ist der Rixdorfer Ballsaal Ankerplatz für Theater-Produktionen, Konzerte und Lesungen. "Ich kenne hier Haus und Hof", sagt Micha. Kaffee, Zigarette, Besen. In dieser Reihenfolge beginnt er seinen Arbeitstag. Reparaturen, fegen, die Bestuhlung im Saal auf- und abbauen. Micha ist überall im Haus und auf dem Hof unterwegs.

 

09:50: "Das Wetter ist doch viel zu schön, um im Büro zu sitzen", sagt Carolin Huder, Mitgründerin und geschäftsführende Gesellschafterin des Heimathafens. "Unser wöchentliches Teammeeting machen wir heute einfach mal im Freien." Trotz Sonnenschein muss sie erst einmal in die dritte Etage. Dort sind die Büros. Auf sie wartet Gastrochef Marcus Stolze. Anhand der bereits verkauften Eintrittskarten und der Kartenreservierung für das Gastspiel am Abend koordinieren sie die Bestuhlung im Saal und welche Tresen am Abend geöffnet werden. Personalbesprechungen, Abrechnungen und der Kartenvorverkauf sind die Themen in den Büroräumen. "Wir haben mehrere Bars, die wir je nach Veranstaltung aufbauen und öffnen", sagt Stolze. "So brauchen wir mal mehr, mal weniger Personal."

 

10:25: Stapelweise braune Pappkartons warten im Büro auf ihren Inhalt. "Ich verschicke regelmäßig die Flyer mit unserem aktuellen Programm an die Bezirksämter und Theaterkassen", sagt Karin Otto. "Das sind immer knapp 100 Päckchen." Auch die Filialen von Hugendubel erhalten Päckchen. Die Vorverkaufsstellen in den Buchhandlungen verkaufen Eintrittskarten für den Neuköllner Heimathafen.

 

10:55: In den Büros klingeln die Telefone. Reservierungen und Anfragen für Veranstaltungen müssen bearbeitet werden. Den Saal kann man auch für private Veranstaltungen mieten, etwa für Hochzeiten. An 200 bis 250 Tagen im Jahr finden aber im großen Saal Kulturveranstaltungen statt. "Eigen-, Co- und Fremdproduktionen", sagt Carolin Huder. Auch für einen Boxkampf wurde der Saal schon umgebaut.

 

13:20: Die musikalische Vorhut in Form der Instrumente trifft im Heimathafen ein. Die Roadies der Band schleppen die Instrumente quer durch das Gartenlokal und das Foyer rein in den Ballsaal auf die Bühne.

 

14:00: Neben dem großen Ballsaal gibt es auch noch das deutlich kleinere Studio im Heimathafen. "Hier werden Stücke gezeigt, die die Nähe zum Publikum brauchen", sagt Regisseurin und Geschäftsführerin Stefanie Aehnelt. "Das Studio ist auch ideal für Proben." Salome Dastmalchi und Javeh Asefdjah studieren Szenen ein für das geplante Stück "Lusthaus Berlin". Thema der Aufführung ist die Prostitution in Berlin im 19. Jahrhundert.

 

14:55: Die Leiter ist wichtigstes Utensil im großen Ballsaal. Für "Ich hab den Groschenblues", das Gastspiel von Claron McFadden und Sven Ratzke nach Motiven von Bert Brecht und Kurt Weill, müssen die Scheinwerfer unter der Decke richtig positioniert werden. Bis zur Probe soll zudem das Licht eingerichtet sein. Arbeiten in schwindelerregender Höhe für die richtige Atmosphäre.

 

15:00: Claron McFadden aus New York und Sven Ratzke aus Amsterdam treffen ein. Ratzke, der häufig in der Bar jeder Vernunft auftritt, hatte den Heimathafen im Rahmen von Fotoaufnahmen entdeckt. "Als ich den Rixdorfer Ballsaal zum ersten Mal gesehen hatte, war mir klar, dass unsere musikalische Revue auf diese Bühne gehört", sagt er. "Brecht, dass passt. Wir kommen bestimmt wieder nach Neukölln." An diesem Abend gibt es die einzige Aufführung von "Ich hab den Groschenblues", die sie auf ihrer Tour in Berlin spielen. "Es waren ursprünglich nur zwei Auftritte geplant. Jetzt standen wir mit der Revue bereits 22 Mal in Europa auf der Bühne", sagt Ratzke. "Es ist schwierig, dafür alle Musiker zusammen zu bekommen. Sie treten überall auf und sind mit Soloprogrammen unterwegs."

 

16:15: Soundcheck. Die Band spielt sich warm. Auf der Bühne erklingen Klavier, Kontrabass, Vibrafon, Gitarre und Schlagzeug. Wieder werden unter der Decke die Scheinwerfer eingerichtet. Tontechniker pegeln Sound und Lautstärke ein.

 

16:45: Unruhe kommt im Saal auf. Knapp 50 Stühle werden zusätzlich aufgebaut. "Die Theaterkassen haben deutlich mehr Reservierungen als zuerst gemeldet", sagt Produktionsleiter Florian Kröckel. "Es gab im Laufe des Tages auch viele telefonische Kartennachfragen bei uns."

 

17:15: Student Elia Rothuber bestückt seine Bar mit Getränken. "Je nach Veranstaltung weiß ich vorher, ob mehr Wein und Sekt getrunken werden oder mehr Bier", sagt er. "Außerdem weiß ich anhand der Kartenvorverkäufe, wie viel Arbeit auf uns zukommt." An diesem Abend werden vier Mitarbeiter an der Bar im großen Saal arbeiten.

 

17:20: McFadden und Ratzke singen sich ein, stimmen sich mit den anderen Musikern ab, testen die Mikrofone. Auch der Sound auf der Bühne muss stimmen. Hören sie selbst gut genug? Immer wieder gibt es auf Holländisch Anweisungen an die Mixer.

 

18:05: Die Crew, Musiker sowie McFadden und Ratzke genießen den lauen Abend. Ihr Dinner findet neben dem Saal im Freien statt. Es wird viel gelacht und gealbert.

 

18:58: Studentin Adina Dymczyk geht an den wohl sichersten Arbeitsplatz im Heimathafen. Sie sitzt an der Abendkasse. Dabei handelt es sich um eine Art Häuschen im Foyer des Hauses, das vollständig aus zentimeterdickem Panzerglas besteht. Während sie das Wechselgeld in Empfang nimmt und ihren Arbeitsplatz einrichtet, stehen die ersten Gäste an der Kasse.

 

19:50: Schminken. Ein letzter Blick in den Spiegel. Nur noch wenige Minuten bis zum Auftritt. Ratzke, der soeben bekannte, "eine Diva mit dem Herzen eines Punks" zu sein, treibt am Ende der gemeinsamen Einstimmungsrunde die Musikerinnen und Claron McFadden zur Eile an. Dennoch geht es mit einer Viertelstunde Verspätung auf die Bühne. "Immer müssen wir Kerle auf die Frauen warten", sagt Ratzke mit großer Geste. Und der Vorhang öffnet sich.

 

 

 

Events, Tickets, Kritiken

Eventkalender, Tagestipps, Nightlife und Kritiken

Für alle, die nichts verpassen wollen...

Restaurantempfehlungen

Von der Currywurst bis zur Gastronomie der Spitzenklasse

Für alle, die besser Essen wollen...

Hotels, Pensionen, Hostels

Von imposanten Design-Hotels bis zu preisgünstigen Hostels in zentraler Lage

So finden Sie die passenden Hotels in Berlin