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08:15 An Premierentagen steht die Theaterwelt bekanntlich Kopf. Nervosität, Anspannung und Unruhe erfassen alle Beteiligten. Kommt eine Fremdproduktion zum ersten Mal auf dem Spielplan, verschärfen sich die Bedingungen. Sämtliche Abläufe müssen an die Bedingungen vor Ort angepasst werden. Braucht ein Schauspieler in einem Theater 14 Schritte, um die Bühne zu überqueren, können es im nächsten 20 oder mehr sein. Proben kosten Zeit. Und Nerven. "Komiker aus Versehen" heißt das Stück, das an diesem Abend im Schlossparktheater uraufgeführt wird, eine Produktion aus Stuttgart. Eine musikalische Komödie, in der das Leben Theo Lingens erzählt wird. Ilja Richter spielt die Hauptrolle. "Wir müssen mindestens sechs Stunden vor der Generalprobe loslegen", sagt der Technische Leiter Tom Weinhold. Die Probe ist für 14 Uhr geplant.
09:50 "Das wird heute ein langer Tag", sagt Ronny Auer. Er öffnet die Theaterkasse pünktlich um zehn Uhr und setzt sich zum Telefonieren ein Headset auf. "Wir haben hier weniger telefonische Reservierungen und Online-Buchungen als andere Häuser", sagt er. "Zu uns kommen die Leute auch gerne vorbei, um ihre Karten persönlich zu kaufen." Auf die ersten Gäste muss der Kassenleiter nicht lange warten. Zwei ältere Damen erstehen Karten für "Ein seltsames Paar" mit Rainer Hunold.
10:30 Viola Matthies sortiert die Anzüge und Kleider, die die vier Schauspieler im Laufe der Vorstellung wechseln werden. Die Kostümleiterin wird gemeinsam mit Kolleginnen und Assistentinnen Umzugshilfe leisten. "Ich begleite das Stück heute zum ersten Mal und bin noch dabei, mich einzuarbeiten", sagt sie. "Im Moment kann ich hier aber wenig tun." Sie zieht sich in ihre Werkstatt zurück und näht am Kleid für das Stück "Arsen und Spitzenhäubchen".
11:05 Katherina Lange und Gideon Rapp nehmen auf einem Bühnen-Sofa Platz. Die Schauspieler inspizieren ihre Umgebung. "Nicht gerade riesig, die Bühne", findet Katherina Lange. "Wir haben das Stück schon auf unterschiedlich großen Bühnen gespielt", erzählt Gideon Rapp später. "Auf jeden Fall toll, in solch einem traditionsreichen Haus zu spielen." Die Geschichte des Theaters reicht bis 1804 zurück. Einst leitete Boleslaw Barlog das Haus, Hildegard Knef, Klaus Kinski und Martin Held zählten zum Ensemble. Es gehörte damals zum Schillertheater. Nach der Wende wurde es zur Privatbühne. Von 2006 bis 2009 stand es leer, dann übernahm Dieter Hallervorden. Seitdem brummt wieder das Theaterleben in dem kleinen, schmucken Gebäude in Steglitz.
11:55 Martin Rader prüft die Requisiten auf der Bühne. "Auf dem Flügel liegen: eine Zeitung, eine Packung Zigaretten, ein Päckchen Streichhölzer mit den Köpfen nach vorne", liest der Requisiteur ab. "Unter dem Flügel: ein Pantoffel." Nach einem kurzen Zögern fragt er: "Was bedeutet 'Streichhölzer mit den Köpfen nach vorne'? Dass die Spritzen zum Publikum weisen?"
12:45 Im Zuschauerraum dröhnt eine Stimme aus dem Lautsprecher. "Denise, mal bitte zum Schreibtisch", "Denise, mal bitte zum Flügel". Denise Taureg, Umschülerin zur Veranstaltungstechnikerin ist an diesem Tag das Lichtdouble. Sie nimmt die Positionen der Schauspieler ein, und gibt den Technikern im Stellwerk die Möglichkeit, ihr Gesicht und ihren Körper optimal auszuleuchten.
13:50 "DerDehmel", so der Künstlername von Fotograf Dirk Dehmel, der seit drei Jahren die Produktionen des Theaters begleitet und Plakate, Spielpläne und Programmhefte gestaltet. "Was wir hier machen ist ganz anders als die klassische Theaterfotografie", sagt der Fotograf. Eines seiner Lieblingsfotos zeigt Dieter Hallervorden mit langen, wehenden Haaren auf einem kleinen Boot auf stürmischer See. "Das haben wir in einer Strandbar fotografiert und dabei ordentlich die Windmaschine laufen lassen." Mindestens einmal pro Woche kommt der Fotograf ins Theater, um zu fotografieren oder seine Entwürfe Mitarbeitern wie Sprecher Harald Lachnit zu zeigen.
15:05 Die Drehbühne klemmt und auch sonst läuft die Generalprobe nicht rund: Die Musikeinsätze kommen mitunter zu früh oder zu spät, die Beleuchtung stimmt nicht immer. Und dann fehlt auch noch eine präparierte Requisite. "So geht das nicht", sagt Ilja Richter ganz ruhig. Die Luft im Stellwerk aber ist dennoch zum Schneiden.
16:20 Im Laufe des Stücks ist Katherina Lange in verschiedenen Rollen zu sehen. Sie spielt einen grüblerischen Bertolt Brecht oder wirbelt als "Molly" in einem weißen Kleid über die Bühne. Dann verwandelt sie Maskenbildnerin Anja Wojtas innerhalb von Minuten in eine Reporterin.
17:15 Geprobt wird eine Slapstick-Szene im Stil der 20er-Jahre: Eine Stoff-Pizza landet auf dem Kopf von Katherina Lange, die daraufhin Ilja Richter eine Bratpfanne auf den Kopf haut. "Ich habe immer Angst, dir weh zu tun", stöhnt die Schauspielerin.
17:45 Regisseur Ulf Dietrich und Assistent Philippe Roth verfolgen die Generalprobe im Zuschauerraum. "Die Architektur des Hauses ist eine Herausforderung", sagt Dietrich. "Das Schöne an so einer kleinen Bühne: Sie lässt auch leise Töne zu. Allerdings ist der Saal sehr tief. Die Schauspieler müssen so spielen, dass sie auch die Leute in der letzten Reihe erreichen."
18:00 Die Generalprobe, die sich in die Länge gezogen hat, ist beendet. Ilja Richter geht in seine Garderobe. Ihm bleibt wenig Zeit, bis er wieder in der Maske sitzen wird und sein Theo-Lingen-Make-up bekommt. Sechs Filme hat er als Jugendlicher gemeinsam mit dem Entertainer gedreht. "Er war ein sehr aufrechter und anständiger Charakter. Ein Weltbürger aus kleinbürgerlichen Verhältnissen", sagt Richter. Das Stück erzählt nun vor allem, mit welchen Schwierigkeiten Lingen während des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen hatte. Er war beliebt beim Volk, doch bei den Nazis nicht wohl gelitten, da er mit einer als "Halbjüdin" diffamierten Frau verheiratet war.
18:40 Anna Haftenberg kontrolliert, ob in den Kühlschränken genügend Wein, Sekt und Bier für die Abendgäste bereit stehen. Die Abiturientin jobbt in dem Theater als Barkraft. Ihre Vorbereitungen werden unterbrochen als der Requisiteur Martin Rader 'vier' Würschtel" ordert.
19:25 Das Foyer füllt sich mit Gästen. Anna Haftenberg schenkt die ersten Gläser Sekt aus.
19:55 Ein Gongton. Letzte Zuschauer nehmen eilig Platz. Fünf Minuten später hebt sich der Vorhang.
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