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Zwölf Stunden

Schule der Schwerelosigkeit

In den Weddinger Uferhallen wurden einst Pferdeeisenbahnen repariert und Busse gewartet. Inzwischen sorgen die Talente der Tanzfabrik auf dem Areal für Bewegung
Uferstudios

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09:00: Team-Meeting in der Tanzfabrik. Ende August steht die Berliner Tanznacht an, ein Highlight der Szene, und dafür gibt es viel vorzubereiten und praktische Fragen zu klären. Wird Rhabarberschorle ausgeschenkt? Wo bekommt man Fahnenstangen her? Die Kuratorin Inge Koks, der künstlerische Leiter Ludger Orlok sowie die Mitarbeiterinnen Leonie Rodrian und Barbara Greiner sitzen um einen Laptop, auf dem Produktionsleiterin Marion Glöggler per Skype zugeschaltet ist. Eines wird schnell klar: "Das Budget ist bereits ausgereizt."

 

10:10: TRX-Kabel, Dimmer, Bühnenplatten: Gleich hinter dem Studio 14, dem größten des Geländes, geht es ins Magazin. Hier findet sich alles, womit Techniker Performer in Szene setzen. Maik Richter ist der technische Leiter der Studios und sortiert ein paar runde Scheinwerfer. Anschließend sucht er die Niederfrequenzkabel heraus, die für die Licht- und Tonsteuerung des Showings heute Abend gebraucht werden.

 

10:50: Jana Lüthje ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig und hängt aktuelle Poster an die Außentüren. Anschließend stattet sie der auf den Hof gezimmerten Infobox einen Besuche ab, um Flyer und Programme nachzulegen. Wer sich für Tanz und verwandte Kunstformen interessiert, nimmt sich dort Monatsprogramme und Infobroschüren. Auch den Kontakt zur Nachbarschaft will man pflegen. "In Wedding wohnt ja nicht die Klientel, die sich für zeitgenössischen Tanz interessiert, aber wir werden durchaus neugierig beäugt", sagt Lüthje.

 

12:10: In Studio 4 probt Sifiso Seleme. Wie bei einer Marionette hängen Hände, Kopf und Arme des jungen Südafrikaners an Schnüren, die an einem überdimensionalen Puppenspielerkreuz befestigt sind. Er stampft, springt und windet sich, sein Gesicht ist weiß angemalt, er trägt ein Kleid und klobige Schuhe. "In meinem Stück geht es um Apartheidstrukturen in Südafrika, um die vielen farbigen Frauen, die als Haushaltshilfen eingeschlossen in den Häusern ihrer weißen Bosse leben und oft nur zweimal im Monat zu sich nach Hause dürfen", sagt Seleme. Mit diesem Konzept schaffte er es, als Artist in Residence in die Tanzfabrik eingeladen zu werden, eine Art gesponserter Arbeitsaufenthalt in Berlin. "Im Sommer gebe ich hier noch einen Workshop."

 

12:45: Schon auf dem Gang hört man es rascheln. In einem der Büroräume im ersten Stock nimmt Jacopo Lanteri das Anschreiben aus einem Pappkarton, den Flyer aus einem anderen und das Programm für die Tanznacht Berlin aus einem nächsten. Hinein damit in den Briefumschlag und wieder von vorn beginnen. Um beim Versand des Werbematerials mitzuhelfen, hat sich der Italiener einen Tag freigehalten, auch wenn er dafür nicht angestellt ist. "Ich arbeite für ein italienisches Tanzfestival" erzählt der Ligurier. Aber das findet eben nur einmal im Jahr statt und die meiste Zeit lebt er dann doch in Berlin. Fünf Mitarbeiter sind mit dem Versand beschäftigt. "Bis 18 Uhr dauert das bestimmt noch", sagt der Italiener.

 

13:35: Auf dem Weg von einem Meeting zum nächsten stoppt Ludgar Orlok wie so oft für einen Smalltalk auf dem weitläufigen Innenhof. Der künstlerische Leiter der Tanzfabrik schätzt diese informellen Gespräche, "gerade in den Zeiten der allumfassenden digitalen Vernetzung". Manchmal brauche er daher eine halbe Stunde, um den Hof zu überqueren, sagt Orlok.

 

14:20: Duettprobe für das Stück "White Noise". Julia Asuka Riedl und Lisa Müller tanzen die Choreografie unter den wachsamen Augen Nicole Wieses durch. Die Choreografin dirigiert eine neunköpfige Company, doch ihren restlichen Schützlingen hat sie heute freigegeben. "Weil wir alle ein wenig aufgeregt sind. Heute entscheidet sich, ob wir beantragte Fördermittel bekommen." Wenn das Geld kommt, kann die Premiere am 4. August wie geplant steigen.

 

15:15: Quer über die Straße, beim Geländezugang in der Uferstraße hat das Café Pförtner eröffnet. Wem die Studio- oder Büroluft zu dick wird, verbringt hier die Pausenzeit. Über kurz oder lang trifft man jeden, der gegenüber arbeitet. Man speist an hellen Holztischen, trinkt einen Kaffee auf den Hof vor dem ehemaligen BVG-Depot oder setzt sich in den bunt bemalten alten Bus, der als zusätzlicher Gastraum fungiert. Sara Bartz nimmt eine Gemüsesuppe vom Tresen. Sie tanzt in ihrer Freizeit selbst, tagsüber bringt sie den Produktionsteams und Tänzern im Café Pförtner ihre wohl verdienten Mahlzeiten an den Tisch.

 

15:55: Eine acht Meter lange Holztafel, darauf Hunderte von Würfelzuckerstückchen, ein übervoller Geschirrspüler, Teller und Kaffeetassen überall: Das ist die Gemeinschaftsküche der Uferhallen. Besonders häufig wird sie von den Studenten des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz frequentiert. Gerade allerdings haben sie anderes zu tun und Alain Franco kann sich in aller Ruhe einen Tee kochen und den Laptop hochfahren. Der aus Belgien stammende Musiker ist in gewisser Weise eine typische Figur auf dem Areal: Er unterrichtet die Studenten, wirkt bei Produktionen mit und steht mitunter selbst auf dem Tanzboden. Gerade erarbeitet er den Soundtrack für ein neues Stück, das im Juli Premiere feiern soll. "Dazu kombinieren wir verfügbare Aufnahmen mit neu komponierten elektronischen Klängen."

 

16:30: Barbara Friedrich telefoniert mal wieder. Der Mietvertrag läuft zwar noch 22 Jahre, aber die Geschäftsführerin der Uferstudios GmbH denkt bereits an die Zeit danach und arbeitet mit Hochdruck an den Zukunftsplänen. "Wir möchten eine Erbpachtregelung für die Immobilien erwirken, uns fehlt aber noch die richtige Bank", sagt sie.

 

17:45: Am Check-In für die abendlichen Tanzkurse herrscht Sprachengewirr. So wie in der Kreuzberger Dependance der Tanzfabrik finden auch in Wedding täglich Trainingskurse statt. Wer eine Probestunde absolvieren will, zahlt fünf Euro, die meisten der durchgängig jungen Menschen aber haben schon eine Zehnerkarte in der Tasche. Ein Termin reicht ihnen nicht. Pünktlich um 18 Uhr beginnt das Training.

 

20:10: Blätterlose Birken wurden über den Tanzboden in Studio 14 gehievt. Bei schummrigem Licht bereitet sich ein Sängerensemble auf den Auftritt vor. Mit leichter Verspätung beginnt die Uraufführung des Stückes "Das stille Band". Auf zwei doppelten Stuhlreihen links und rechts des Tanzbodens sitzen an die rund 200 Gäste. Kurz zuvor ist nebenan das Showing von Tänzer Sifiso Seleme mit Applaus zu Ende gegangen. Es sind Abende wie diese, an denen die Künstler endlich zeigen können, was tagelang hart erarbeitet wurde.

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