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Für alle, die nichts verpassen wollen...
08:00 Die Künstler liegen auf dem Proberaumboden im vierten Stock der Deutschen Oper und ziehen das linke Bein derart weit über das rechte, dass schon das Zusehen schmerzt. Die Aufwärmübungen der 40 Tänzerinnen und Tänzer, Sängerinnen und Sänger, die für das Musical "West Side Story" fast zwei Monate an der Deutschen Oper trainieren, sind derart ambitioniert, dass man gespannt ist, wie artistisch die tatsächliche Aufführung aussehen wird. Die Künstler dämmern noch ein bisschen vor sich hin, es gibt ein paar kurze Ansagen. Ein leichter Hall im großen Saal, das Quietschen der gummierten Schuhsohlen, dazu die synchron fließenden Bewegungen der Körper.
08:30 "Erst mal etwas Wasser trinken", sagt der Chef-Choreograf Joey McKneely und klatscht dreimal in die Hände. Der Rest klatscht zurück, feuert sich an. Jetzt müssen alle wach werden. Es geht an die Tanzszenen.
09:30 Im Februar wurden die jungen Darsteller in New York gecastet. Im Ensemble muss jeder singen und tanzen können. Seit drei Wochen arbeiten sie an der Choreografie. Schritte, Sprünge, Wege, schauspielerische Elemente, richtige Dosierung der Emotionalität, der Lautstärke, Ausbalancieren der Interaktion. Die New Yorker im Saal haben von Berlin noch nicht viel gesehen. Ihre intensivste Berlin-Zeit erleben sie in diesem schwarzen Saal. Vom Nachtleben rät Hauptdarstellerin Diana Becker sowieso ab: "Wir sind am Abend zu müde. Da geht man nach Hause, ist ganz zufrieden damit, sich hinlegen zu dürfen. Es ist ein bisschen schade, dass wir nicht viel sehen von draußen. Aber wir sind alle froh über die Chance, hier dabei sein zu können." Der nötige Fleiß, um hier zu bestehen, ist enorm. Die Geschwindigkeit, mit der Abläufe eingeübt werden müssen, ebenso. Immer wieder geht Joey McKneely dazwischen. Er spielt dann abwechselnd einen Part, einen Gegenpart oder eine unbedingt zu vermeidende, falsche Figur. Dirigent Donald Chan steht dahinter, bestimmt Schlagzeug und Piano, das Einsetzen der Begleitmusik.
10:00 Es wird wieder Wasser getrunken. Wer nichts gefrühstückt hat, nimmt schnell einen Schokoriegel oder eine Banane vom Verpflegungstisch. Darstellerin Addie Tomlinson macht noch einen Spagat. Unter den verhangenen Fenstern stehen Requisiten. Ein Bett, eine Bar, eine Polizei-Ausrüstung, Pfeifen, Lederjacken. Objekte vergangener Zeiten. Im Musical geht es um einen Bandenkrieg der 50er-Jahre. Die amerikanischen "Jets" gegen die puertoricanischen "Sharks". Rivalität. Krieg. Ein Paar, dessen erste Liebe daran zerbricht. "West Side Story" ist ein moderner Shakespeare, ein "Romeo und Julia" des Pop. In Berlin ist das Stück noch bis Sonntag zu sehen.
11:00 Darstellerin Addie Tomlinson macht einen lockeren Querspagat. "Es ging uns darum, das Ensemble von Null aufzubauen", sagt die Art-Direktorin des Ensembles, Mascha Poerzgen, "eine junge Crew, die unfertig beginnt, sich die Rollen der Jugendbanden möglichst lebenswirklich zueignet. Außerdem wollen wir die Choreografie so vital wie möglich spielen. Mit älteren Darstellern wäre diese Präzision der Abläufe nicht möglich." Poerzgen ist Amerikanerin, hat aber viele Jahre in Berlin gewohnt. Sie war schon bei der jüngsten "West Side Story"-Aufführung an der Deutschen Oper dabei. Aber "so homogen wie jetzt", sagt sie, "war die Gruppe davor nicht."
12:00 Im Schminkraum haben die Maskenbildnerinnen Hannelore Uhrmacher und Julia Teuchert für jeden nur zehn Minuten Zeit. "West Side Story" hat allerdings keine aufwendigen Kostümierungen wie "Cats" oder "Rocky Horror Picture Show". Die Darsteller schminken sich selbst. Uhrmacher und Teuchert müssen dann noch die Haare präparieren und die Mikrofone möglichst unsichtbar anstecken. Wer für Make-up zuständig ist, gehört fest zum Team. Das heißt, wenigstens eine der Frauen wird mitreisen, wenn die Tournee beginnt. "Es ist ein Nomadenleben. Aber schön", sagt Hannelore Uhrmacher und wischt sich eine rote Strähne aus dem Gesicht.
12:30 Wiederholung ist Trumpf. Noch mal die erste Tanzszene. Vieles ist nicht planbar, definiert sich erst. Selbst der Chef-Choreograf weiß mitunter nicht, wohin es geht. "Dafür ist jede Crew einfach zu unterschiedlich", sagt McKneely, der wohl ein ziemlich harter Hund sein kann. Das ist aber heute gar nicht nötig. Die Darsteller sind konzentriert.
13:30 Pause. In der Kantine der Deutschen Oper gibt es Mittagessen. "Heute sind sie sehr still, sehr fokussiert vielleicht", sagt Rainer Tominski, der für Organisation und Ablauf zuständig ist. "Normalerweise ist hier richtig Stimmung." Gegessen wird, was auf dem Plan steht. Das Angebot der Kantinenküche ist groß. Die meisten essen Salat und Nudeln. Sportlernahrung.
14:00 Der Nachmittag geht ruhiger los. Einige der Darsteller liegen bei den Proben verstreut in den Ecken und entlang der Wände des großen Saals, schauen zu, massieren einander die strapazierten Zonen oder schlummern ein zum Klang der immer wieder neu angespielten Szenen. Andere bereiten sich als Reservisten vor. "Gibt mehr Geld", sagt Tominski. Es doubeln also einige den Part des gerade probenden Kollegen, als lebende Kopie im Hintergrund.
15:00 Das Ensemble verteilt sich. Darstellerin Courtney Otiz hat Kostümprobe bei Nicole Martin.
15:05 Die restlichen Ensemblemitglieder üben im Ballettraum die kleineren Tanzszenen. Angeleitet werden sie von Choreografin Jacquelyn Scafidi. Sie ist schwanger. Aber unvermindert beweglich.
16:00 Besuch bei Rainer Tominski und Assistentin Anna Grünwald in den Büros über dem Probensaal im 5. Stock. Sie stellen den weiteren Tourplan für das Musical zusammen. Ein Darsteller telefoniert vor der Tür mit seiner Agentur, die ihm für die Zeit seiner Auftritte mit "West Side Story" in Hamburg und Paris Engagements als Tanzlehrer verschafft hat.
17:30 Im großen Probensaal versucht Joey McKneely mit Worten und Unterbrechungen im Spiel der Darsteller, die eigentlich keine Unterbrechungen sind, sondern Zeitlupenhinweise, Emotionen herauszukitzeln: Die Schlüsselszene, in der Maria vom Tod ihres Bruders erfährt, erfordert mehr Schauspiel und ist rührender als jeder andere Teil. Es sind am Ende die einzigen Tränen des Tages.
19:05 Abendessen für alle. Einige sinken etwas tiefer in die Stühle als noch am Mittag. Andere reden schon von morgen früh. Da geht es weiter.
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