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Wenn wir uns der Küche zuwenden, ist auch hier Tradition ganz gewiss ehrenvoll, leider aber völlig aromafrei und überhaupt nicht geschmacksverstärkend. Das ist das Problem im Bristol Hotel Kempinski und seines schon historischen "Grills".
"An diesem Tisch", sagte der Kellner, "haben schon Albert Einstein und Alfred Hitchcock gegessen." Auch schon in die gleiche Speisekarte geschaut? Leider hat sich seit jenen Tagen dieser bedeutenden Besucher bis heute in der Art der Küche und den offerierten Speisen recht wenig geändert.
Es wird immer noch kräftig am Tisch flambiert, ein längst überholtes, weil geschmacksneutrales Theater. Natürlich geht man dabei mit der Zeit. Heute wird beispielsweise ein Zitronengras-Spieß mit Kalbsfilet "abgefackelt". Die Gäste scheinen es zu mögen. Am Nebentisch wird nachgefragt, ob die Berliner Kalbsleber auch mit Calvados flambiert werden könne. Derartige Berliner Klassiker sind allgegenwärtig, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Die angesprochene gegrillte Kalbsleber "Berliner Art" mit Apfelspalten oder die geschmorten Ferkelbäckchen sind immer noch die Renner.
Deftig wie in alten Zeiten
Ich habe das Kalbskotelett mit sautierten Waldpilzen genossen. Die Fleischqualität, beim Kalb oft ein Problem, war gut, die Aromen stimmten und es war auf den Punkt gegart. Jeden Freitag und Sonnabend geht es nach Sonnenuntergang wie in alten Zeiten deftig zu. Da wird die geschmorte Müritzlammkeule vom Wagen offeriert.
Nach dem im Hotel Bristol das Restaurant Kempinski Eck und der Frühstücksservice ausgelagert wurden und von der Restaurantkette Reinhardts sehr ordentlich geführt werden, bleibt der neu gestaltete Grill das einzige hauseigene Aushängeschild im F&B-Bereich (Essen und Trinken). Der eine oder andere Gast wird sich noch erinnern, dass der Grill, jahrelang mit Michelin-Stern ausgezeichnet, eines der wenigen gastronomischen Aushängeschilder der Stadt war, zu Großereignissen wie dem Presseball Objekt der Begierde und monatelang im Voraus ausgebucht. Das ist heute nicht mehr zu schaffen, aber mitschwimmen im Kreis der Empfehlenswerten möchte man schon.
Das Fazit vorweg: Ich habe im Grill stets ordentlich gegessen. Die Gänseleber, wenn sie auf der Tageskarte steht, erinnert an das Produkt des Drei-Sterne-Kochs Marc Haeberlin. Lediglich ein wenig Säure sollte zugeordnet werden. Das nimmt die Wucht, macht die fette Köstlichkeit leichter. Exzellent zubereitet waren die Ananascannelloni mit Hummer auf Gin-Gurkensalat. Das war originell. Dagegen finde ich eine verfremdete Bratwurst hier mit einer Farce von Garnele und Lachs gefüllt, weniger passend.
Doch wie so oft, nicht nur in Berlins Gastronomie, zeigte sich die Küchenqualität nicht stabil. Bei einem anderen Besuch waren einige Gerichte als völlig geschmacksneutral zu bezeichnen. Das Törtchen vom Aal mit Meerrettich wurde von den zu starken Räucheraromen total dominiert. Gut aber das Seeteufelkotelette, mit Wurzelgemüse im Pergamentpapier behutsam zubereitet.
Interessant ist die Menü-Interpretation. Aus dem Speiseangebot darf der Gast vier Gänge zusammenstellen und zahlt dann unabhängig vom Einzelpreis Das ist preisgünstig. Lediglich der Imperial Kaviar ist ausgenommen. Da kosten 20 Gramm so viel wie zwei Menüs.
Neben dem Lobenswerten vermisse ich eine klar erkennbare Linie der Küche, die sie unverwechselbar macht. Das ist alles geschmacklich aus der Zeit bevor sich Berlin aufmachte, zur Hochburg der sternengekrönten Hotelrestaurants zu werden.
Der junge Service arbeitete engagiert und freundlich. Nicht unbedingt routiniert. Doch bei Herzlichkeit und einem Lächeln sieht man über Pannen und Wartezeiten hinweg. Berliner, die alte Tage aufleben lassen wollen, sind hier in angenehmer Atmosphäre gut aufgehoben. Wer eine moderne, ja kreative Genussreise mit Sternen-Glanz sucht, findet bessere Möglichkeiten in der Metropole.
Heinz Horrmann schreibt jeden Sonnabend für die Berliner Morgenpost
Kempinski Grill Hotel Bristol, Kudamm 27, Charlottenburg, Tel. 884 347 67, 12 bis 0 Uhr, alle gängigen Karten
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