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Er war ein Omakind. Außerdem kommt er vom Land - "also, bitte!" Für Tobias Reitz ist das Erklärung genug. Erklärung dafür, dass er früher Schlager hörte und ein Poster von Stefanie Hertel an der Wand hängen hatte. Als kleiner Junge schon, damals im hessischen Nieder-Ohmen. Rund 3000 Menschen leben dort, die Kinder in der Schule, "die haben alle Schlager gehört. Aber bei den meisten hat sich das eben verwachsen", sagt Tobias Reitz. Bei ihm hat sich die Schlagerbegeisterung auch "verwachsen" - aber in eine andere Richtung. Reitz lebt heute in Berlin, ist Germanist und 32 Jahre alt - und Deutschlands jüngster hauptberuflicher Schlagertexter.
Man könnte vermuten, dass eine gewisse Selbstironie in den Worten mitschwingt, wenn man sich mit ihm über seinen Beruf unterhält. Ein junger Mann, der Schlager schreibt? Das kann der doch nicht ernst meinen? Das ist doch total spießig! Eigentlich würde der doch sicher viel lieber Pop machen! Nein, will er nicht. Tobias Reitz nimmt ernst, was er macht, ohne sich zu wichtig zu nehmen. Vom Spießigsein ist der feinsinnig komische Texter weit entfernt.
Tobias Reitz hat das Glück, vom Texteschreiben leben zu können. Das können hierzulande vielleicht etwa 50 Liedtexter von sich behaupten. Die Gema, von deren Tantiemen die Schreiber leben, führt aber deutschlandweit etwa 3000 Texter. Sie alle sind nicht annähernd so erfolgreich wie Tobias Reitz. Er wurde mit mehreren Gold- und Platin-Awards ausgezeichnet und war für den Deutschen Musikautorenpreis nominiert. Die Einkommensspanne des freischaffenden Künstlers ist weit: "Von drei Cent bis 20.000 Euro pro Lied ist alles drin", sagt er und grinst. Erlebt hat er beides schon. Tobias Reitz ist begehrt in der Branche, über die er selbst sagt: "Es ist schwer reinzukommen. Aber man kommt auch nicht so schnell wieder raus." Die Schlagerwelt sei konservativer, aber auch treuer als etwa die Pop-Branche.
Zurzeit schreibt Tobias Reitz an zehn Liedern. "Für Helene Fischer zum Beispiel, die Kastelruther Spatzen, Monika Martin und Andy Borg." Für Angelika Milster hat er gerade ein ganzes Album geschrieben. "Ich bin da" erscheint im Februar 2013. Schlagerfans würde das ein Juchzen entlocken - Tobias Reitz ist herrlich unaufgeregt. Er hatte sie alle, die großen Namen. Mit einigen ist er enger, mit anderen ist der Kontakt marginal. "Eigentlich ist es leichter, wenn man nicht so eng ist", gibt er zu. "Schließlich muss man mit den Texten die Fremdwahrnehmung des Künstlers vom Publikum treffen." Das ist ihm bei den Flippers gelungen, bei Andrea Jürgens, bei Mireille Mathieu.
Zehn Nummer-eins-Hits hat er mit seinen Texten erreicht. 300 wurden bisher veröffentlicht, rund 1000 hat er geschrieben. Die erfolgreichste seiner bisherigen Nummern war "Du fängst mich auf und lässt mich fliegen", die er 2007 für Helene Fischer geschrieben hat. "Das ist für mich meine Schlüsselnummer. Beruflich und auch privat. Sie war und ist eine Liebeserklärung an meinen Freund, mit dem ich seit zwölf Jahren zusammen bin."
Bei Tobias Reitz war die Berufswahl nicht von Anfang an klar. "Ich wollte immer Musik machen, konnte aber nur Sprache. Ich kann mir halbwegs Melodien ausdenken und auch ein bisschen singen", sagt Tobias Reitz. "Aber ich habe mich immer gefragt: Musik wollen - Sprache können. Welches Berufsbild steckt da wohl hinter?" Er fing an zu texten, dachte aber, vielleicht würde er das irgendwann einmal selbst singen. Dann wurde die Songtexterin Heike Fransecky auf den jungen Mann aufmerksam, der so ernsthaft bei der Sache war und den Kontakt in die Branche suchte. Das war ungewöhnlich, sind die meisten Songtexter doch älter. Vor allem im Schlagersegment. "Sie war meine Entdeckerin", sagt Tobias Reitz. "Ich war 21 Jahre alt, sie hat mich an die Hand genommen."
Tobias Reitz studierte zu dieser Zeit Germanistik und Medienwissenschaften in Düsseldorf - parallel begann er, sich seine Songtexterkarriere aufzubauen. Er machte ein Seminar an der Celler Schule, einer Institution, die sich seit 1996 um den deutschen Textdichternachwuchs bemüht. "Dort lernte ich viel über Reimlehre oder Metrik." Heute leitet Reitz mit der Gründerin Edith Jeske die Schule, lehrt Schlagercoaching, Aufgabenakquise, macht die Pressearbeit. Das macht er übrigens auch bei Sony Music - Schwerpunkt Schlager, klar. Gemeinsam mit Jeske hat Reitz im vergangenen Sommer das "Handbuch für Songtexter" geschrieben.
Wenn man Tobias Reitz fragt, ob er einen Traum hat, wem er gern einen Text auf den Leib schreiben würde, dann antwortet er sehr bescheiden etwas ziemlich Großes: "Als ich 30 wurde, habe ich nachgedacht und musste feststellen: Alle meine Wünsche haben sich bereits erfüllt." Und doch: "Mit Mary Roos zu arbeiten, das wäre toll. Und ein Musical würde ich unglaublich gern schreiben", sagt Reitz.
Spricht er über Schlager, wird alles vergleichsweise unklischeehaft. Es scheint, als sei es ein ganz normaler Beruf, diese Texte über Liebe und Leid zu schreiben. Heißt es in seinem Leben: einmal Schlager, immer Schlager? "Sagen wir es mal so: Manche mögen Wurst, die anderen eben Käse", entgegnet Tobias Reitz schlicht und entwaffnend. "Verwachsen" werde sich das wohl nicht mehr
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