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Sonntag, 11 Uhr, Rosenthaler, Ecke Alte Schönhauser: Touristenschwarm trifft auf Mitteschick. Seine Haare passen zum Sonnenschein: blond und lockig. Er trägt eine lässige Ray-Ban-Sonnenbrille im Bob-Dylan-Style. Er tippt auf seinem iPhone. Passanten von hier und anderswo laufen an ihm vorbei. Keiner guckt: Hübsch sind in Berlin Mitte fast alle. Man würde diesen Moment gerne einfrieren, denn er wird in Zukunft für Tim Bendzko nicht mehr selbstverständlich sein. Bendzko steht noch am Anfang seiner Karriere. Es ist nicht utopisch zu vermuten: In ein paar Wochen oder Monaten ist der junge Mann ein Popstar. Da geht man doch lieber schnell mal Hallo sagen.
Denn noch hat er einen ganzen Tag Zeit. Unser Treffen findet vor der Veröffentlichung seines Debütalbums „Wenn Worte meine Sprache wären“ statt. Dass sein Leben künftig anders ticken wird, scheint klar: Die Fans im Netz werden stetig mehr, er erklimmt gerade die Radiocharts, er tritt im Vorprogramm von Elton John und Joe Cocker auf. Vor ein paar Wochen war er in L.A., um sein erstes Musikvideo zu drehen. Es liegt etwas in der Luft. Die richtige Zeit also, um mit dem gebürtigen Berliner einen perfekten Sonntag außer Haus zu verbringen, auch wenn er selbst grinsend sagt: „An 'nem perfekten Sonntag liege ich zu Hause und gucke Formel Eins. Wir simulieren heute also einen Sonntag, an dem meine Freundin in der Stadt ist.“ Später wird er erzählen, dass er verlobt ist und kein Geheimnis daraus machen will, auch wenn wir vermuten, dass im Sommer deshalb einige Mädchen noch ein wenig tiefer seufzen werden.
Bendzko ist kein Stubenhocker, aber er ist gerne für sich, darum wohnt er dort, wo um den 26-jährigen fast nur ältere Menschen wohnen. Am Strausberger Platz in Friedrichshain. Menschenmengen sind ihm suspekt. Und doch ist unser erster Treffpunkt das Caras Gourmet Café – einer der trubeligsten Sehen- und Gesehenwerden-Spots rund um den Hackeschen Markt. Widersprüche? Aber bitteschön! Außerdem sagt Bendzko: „Ich bin sonntags bereits um neun Uhr morgens hier. Da ist hier außer mir fast niemand.“ Bendzko ist Frühaufsteher oder auch Schlechtschlafer, für acht Uhr morgens angesetzte Bandproben sind für ihn kein Problem. Für seine Band schon, sagt er und lacht. Seit Kurzem hat er sich angewöhnt, am Wochenende regelmäßig hierher zu kommen. Man führt seinen Wunsch: „Einen großen laktosefreien Latte mit wenig Milchschaum, bitte“ ohne mit der Wimper zu zucken aus. Bendzko ist einer, der es schafft, Extrawünsche so zu formulieren, dass sie amüsant, statt penibel und zickig klingen. Überhaupt ist er einer, der von sich selbst behauptet schüchtern zu sein, aber einen einnehmenden jungenhaften Charme hat.
Wir machen uns auf den Weg durch die Oranienburger Straße zum Monbijoupark. Bendzkos zweites Sonntagsziel ist die Strandbar Mitte. Ebenfalls eher ein Touristenspot als ein Geheimtipp. Bendzko juckt das nicht: „Echte Berliner kümmern sich wenig darum, was gerade angesagt ist.“ Er braucht keine Szenebezirke und wildes Feiern jedes Wochenende, das ist nicht seine Welt.
Er ist in Köpenick geboren, die Ostvergangenheit war für ihn nie ein Thema. Fußball dagegen schon. Er besuchte ein Sportgymnasium, kickte beim 1.FC Union. Was Bendzko macht, will er gut machen. Aber irgendwann schaltete sich der Kopf ein, er fing an zu grübeln, zu zweifeln. Heute sagt er: „Beim Fußball ist das der Tod.“ In der Kunst ist das dagegen beinah die Voraussetzung. Der wahre Traum hieß immer: Singen. Auf Bühnen stehen. Musik machen und Leute mitreißen. „Ich wollte mich nie unter Wert verkaufen“, sagt er heute. Bei anderen klänge das leicht größenwahnsinnig und überheblich. Bei Bendzko klingt es ehrlich und konsequent. Hier in der Strandbar fläzt er gerne im Liegestuhl. Sinnieren. Aufs Wasser gucken. Gern auch zu zweit.
Zum Mittagessen fahren wir nach Kreuzberg zu seinem Lieblingsinder Shanti in der Oranienstraße. Vielleicht beherrscht Tim Bendzko einfach die Kunst, im Trubel bei sich zu bleiben. Er erzählt zu dampfendem Curry, dass er nach dem Abitur an der FU Berlin Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen studiert hat. Nicht um Gott zu finden, viel mehr um den Kopf zu sortieren. Nach ein paar Semestern war Schluss. Er gewann einen Musikwettbewerb der Söhne Mannheims, sang vor 20000 Menschen in der Waldbühne. Als er die Bühne verließ, wusste er: Die Zeit ist reif. So war es dann auch.
Weiter geht's zum Michelberger Hotel nach Friedrichshain, einem der ungewöhnlichsten, kreativsten Hotels der Stadt. Hier ist Bendzko gerne, man ist befreundet. Er und seine Band sind schon früh hier aufgetreten. „Hier sind eh alles Schauspieler oder Musiker oder was weiß ich was, da fällt man gar nicht auf.“ Es ist einer seiner Lieblingsorte. Wer dort war, versteht, warum.
Letzte Etappe ist der Volkspark Friedrichshain, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Man merkt: Bendzko lebt gerne in Berlin. Es ist eben seine Stadt, hysterische Begeisterung braucht man nicht, wenn man schon immer hier wohnt. Im Park legt er sich ins Gras, selbst im Sommer fände man hier noch ein ruhiges Plätzchen. Zum Abschluss des durch und durch relaxten Sonntags setzen wir uns vor den Kiosk neben dem bekannten Café Schönbrunn. Mit Bionade und Alster. Mit Bendzko kann man vortrefflich über Sinn und Unsinn des Schicksals, der Castingshows und tatsächlich sogar über fluffige Begriffe wie Schwingungen philosophieren. Er meint jedoch: „Künstler sollten öffentlich nicht unbedingt zu jedem Mist ihre Meinung kundtun.“ Bei Tim Bendzko wäre das allerdings fast schade.
Zur Person
Tim Bendzko wurde 1985 in Köpenick geboren. Er wusste schon als Kind, dass er später auf die Bühne gehört. Zuerst gehörte seine Leidenschaft aber dem Fußball. Er spielte beim 1. FC Union. Die Musik gewann. Nach dem Abitur studierte er kurze Zeit Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen, danach arbeitete er als Auto-Auktionator. Er gewann den Musikwettbewerb „Söhne gesucht“ der Söhne Mannheims. 2010 unterschrieb er bei Sony seinen ersten Plattenvertrag. Ende Mai erschien seine erste Single „Nur noch kurz die Welt retten“, an diesem Wochenende wurde sein Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ veröffentlicht.
Tipps
Caras Gourmet Coffee: Neue Schönhauser Str. 9, Mitte, Tel:2809716: Ideal zum draußen sitzen und Leute beobachten. Bendzkos Favorit: laktosefreie Latte mit wenig Milchschaum.
Strandbar Mitte: Monbijoustr 3, Mitte, Tel:2838558-8: Strandbar ohne Sand mit schönem Blick auf die Spree und aufs Bode Museum.
Shanti: Oranienstraße 6, Kreuzberg, Tel:61281733: netter, preisgünstiger Inder mit umfangreicher Karte und gutem Mittagstisch.
Michelberger Hotel: Warschauer Straße 39/40, Friedrichshain, Tel:2977859-0: charmantes, ungewöhnliches Hotel mit 119 Zimmern, toller Lobby und Innenhof, hier finden auch feine Konzerte statt.
Volkspark Friedrichshain: Am Friedrichshain: Eine der ältesten Parkanlagen Berlins. 49 Hektar groß mit Märchenbrunnen, Biergärten und Freiluftbühne.
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