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Mit fein beobachteten, satirischen Alltagsgeschichten avancierte Kabarettist Horst Evers zum bekannten Autor. Auch sonntags kann er sich seiner Berufung nicht entziehen. Doch bevor er aus dem Haus eilt, damit er als einer der Hauptakteure pünktlich beim Frühschoppen im Schlot zum Vorlesen aufschlägt, gibt es ein Ritual, dass ihm heilig ist: Mit Müslischalen bewaffnet sitzen er und seine elfjährige Tochter vor dem Fernseher und schauen sich eine Kindersendung an. Nach dem Geschichtenerzählen im Schlot fängt der Sonntag für Evers erst richtig an. Vor allem an Flohmarkttagen legt Horst Evers nur zu gern einen Zwischenstopp am Moritzplatz in Kreuzberg ein, um im wahrsten Sinne des Wortes herumzutrödeln. Dann reiht sich nämlich im Prinzessinnengarten ein Stand an den nächsten.
„Der Flohmarkt ist recht traditionell. Meist verkaufen ganz normale Leute ihr Zeug, was ankommt, denn der Markt ist schon lange kein Geheimtipp mehr und immer knallvoll“, sagt Evers, der kein typischer Schnäppchenjäger ist, sondern nach Dingen guckt, die er gerade tatsächlich braucht. „Und ich brauche halt viel“, gibt er unumwunden zu. Er probiert vor allem alles Technische gern mal aus und würde wohl öfters in einen Kaufrausch verfallen, wenn da nicht seine Lebensgefährtin wäre. „Sie stürzt mich mit irre relevanten Fragen wie ,Wozu brauchst du das?’ immer wieder in ein tiefes schwarzes Loch“, sagt er.
Momentan sucht er wirklich Nützliches für seine Arbeitswohnung wie ein schönes Milchkännchen und einen schöner Zuckerstreuer. „Die Wohnung habe ich vor kurzem bezogen. Da sitze ich dann rum und denke nach. Gerade in intensiven Schreibphasen arbeite ich gern nachts nach meinen Auftritten. Das ist zuhause schwierig“, sagt er. An Möglichkeiten, zur satirischen Hochform aufzulaufen, mangelt es Horst Evers zurzeit nicht. Der 44-Jährige steht gerade abends mit seinem aktuellen Programm „Großer Bahnhof“ im Mehringhof-Theater auf der Bühne und kann danach bequem in seiner wenige Gehminuten entfernten Zweit-Bleibe an neuen Texten feilen.
Zwischendurch sucht er immer wieder die Stille in der Stadt, um seine Gedanken zu sortieren und um zu entspannen. Sein favorisierter Ort dafür sind die Friedhöfe an der Bergmannstraße in Kreuzberg. Vor allem der leicht verwilderte Dreifaltigkeitskirchhof II mit den vielen pittoresken Grabstätten. „Für mich hat der Friedhof eine ganz eigene Kraft. Nicht nur die Atmosphäre, auch die eigene Stimmung verändert sich, wenn man ihn betritt“, sagt Horst Evers. Für ihn ist es ein kleines Stück Ewigkeit mitten in Berlin. Eine andere Welt.
Evers wuchs in Niedersachsen in einem evangelisch geprägten Elternhaus auf. Er ist zwar kein praktizierender Christ, beschäftigt sich aber ausgiebig mit Religionen und glaubt an höhere Mächte. „Mit anderen Worten: Ich bin abergläubisch“, witzelt er. Und weiter: Friedhöfe seien auch attraktiv, weil diese an schönen Tagen „nicht so überlaufen“ seien wie mancher Park und weil kaum jemand dort mit dem Handy telefoniere. „Außerdem wird man im Herbst, wenn gut 50 Grundschulen Kastanien zum Basteln suchen und alles längst abgegrast ist, dort immer noch fündig“, sagt Evers, der schließlich selbst Vater ist.
Dass er auch im urbanen Trubel Bodenhaftung liebt, beweist der Besuch im schickimickifreien italienischen Restaurant Molinari & Ko. mitten im Bergmannkiez, an der Riemann-, Ecke Solmsstraße. An einer verkehrsberuhigten Sackgasse gelegen, kann man es sich im Sommer dort idyllisch unter Bäumen mit italienischen Klassikern und leckeren Salaten gut gehen lassen. „Ich staune immer wieder, wie viele Restaurants und Cafés mit fairem Preis-Leistungsverhältnis es in Kreuzberg gibt. Das Molinari steht exemplarisch dafür. Dabei sind gerade hier die Immobilienpreise explodiert“, sagt Horst Evers. Er sieht die Entwicklung kritisch. Er möchte nicht, dass es in der Berliner Innenstadt eines Tages so aussieht wie etwa in der City von Barcelona. „Die wird Touristen mit Ferien- und Zweitwohnungen quasi ganz überlassen“, erzählt Evers. Aber er kennt die Leute gut, die den Bergmannstraßenkiez mit den Instrumenten des „Milieuschutzes“ vor solchen Entwicklungen bewahren wollen. Evers wirbt gern dafür mit seinem Namen.
As krönenden Abschluss seines Sonntags gönnt sich Evers nach einem Spaziergang noch etwas ganz Besonderes: Schokotorte bei Mr. Minsch. Obwohl an der lauten Yorckstraße gelegen, gehört der Konditor, der seine tollen süßen Kreationen an einer Kiosk-Klappe im Schaufenster verkauft, zu einer der ersten Adressen für Kuchen- und Tortensüchtige. An den ringsum originell und schön begrünten Tischen vergisst man dabei schnell den Verkehrslärm. „Das hier ist der wahrscheinlich beste Tortenbäcker Berlins“, sagt Horst Evers und freut sich über das unverhoffte Glück, ein ganzes Stück Torte für sich allein zu haben. Denn wenn er mit seiner Tochter herkommt, wird nur eines der riesigen Stücke bestellt. Wie es sich für einen guten Vater gehört, wartet Horst Evers dann nämlich erst einmal geduldig ab, was für ihn übrig bleibt.
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