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Er steht da wie eine Säule. 2,01 Meter groß, 126 Kilogramm schwer, Schuhgröße 50, unerwartet zarter Händedruck. Robert Harting hat sich unter einer grünen Kapuze versteckt. Wir sind zwei Minuten zu spät, er sagt nicht Hallo, sondern nur: "Habt ihr keinen Bock mehr?" Bumm. Da ist er, der Bad Boy, von dem sie alle schreiben. Der Fotograf nimmt die Schuld auf seine Kappe, ich sage kleinlaut "sorry". Neben Harting fühle ich mich wie ein Schuljunge. Wir stehen vor dem Berliner Dom, es nieselt, alles ist grau, Asphalt, Himmel, Wolken.
Eigentlich wollte sich der beste deutsche Diskuswerfer abends Unter den Linden treffen, weil er es mag, wie die Lichter die großen Sehenswürdigkeiten anstrahlen. Aber im Moment ist ja eh überall Baustelle. Also doch tagsüber. Die ersten paar Hundert Meter gehen wir fast still nebeneinanderher, Floskel hier, Floskel da, ein bisschen Small Talk. Die Fotos sollen an der Alten Nationalgalerie gemacht werden. Da gibt es viele Säulen, passt ja, Säule neben Säulen. Er hat keine schlechte Laune und keine gute, eigentlich hat er gar keine Laune. Robert Harting murrt nicht, wenn er sich anders hinstellen soll, er lacht aber auch nicht. Das Posen liegt ihm. Er kennt das ja. Auf seiner Homepage geriert er sich als Titan, der sich aus schweren Eisenketten befreit. Und viele kennen die Bilder, die nach seinem WM-Triumph 2009 im Berliner Olympiastadion, seinem Wohnzimmer, wie er es nennt, um die Welt gingen. Wie er das Maskottchen Berlino auf den Schultern trägt. Wie er sich animalisch das Trikot zerreißt. Wie er immer wieder den Zeigefinger auf den Mund presst, als wolle er sagen: Jetzt seid alle mal schön ruhig, der Harting hat es euch gezeigt. Heute ist er erst mal ganz ruhig.
Damals wurde Robert Harting zum Symbol. Für eine wieder aufstrebende deutsche Leichtathletik einerseits. Und zum anderen, weil er sich despektierlich über eine Gruppe demonstrierender DDR-Dopingopfer geäußert hatte, und zwar so plump und anmaßend, dass ein Rauswurf aus dem Elitekader gefordert wurde. Die Demonstranten trugen sichtdichte Brillen, um auf den unsauberen Sport aufmerksam zu machen. Sie forderten eine Opferrente für ihr Leid, das für sie aus dem staatlich verordneten Doping resultiert. Parallel wurde Hartings Trainer Werner Goldmann angegriffen, der zu DDR-Zeiten bereits Spitzensportler betreute und von dem systematischen Betrug am Sport gewusst haben soll. Harting, der Doping genauso hasst wie Ungerechtigkeit, wie er sagt, stellte sich vor seinen Trainer. Und ließ sich zu dem Satz hinreißen: "Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen." Das war ein Tag vor dem WM-Finale, in dem er im letzten Versuch den Diskus 69,43 Meter weit schleuderte und dem Polen Piotr Malachowski noch die Goldmedaille entriss. Sein Verhalten warf die Frage auf, ob herausragende Leistungen jede Unvernunft rechtfertigen. Ob ein Sportler nur stark oder auch Vorbild sein muss. Die Antwort: Bei der Wahl zum Sportler des Jahres landete er später auf Platz drei. Gold ist eben schwerer als Moral.
Wenn man ihn jetzt fragt, wie er die Situation einschätzt, mehr als ein Jahr danach, dann sagt er: "Es tut mir leid, was ich da gesagt habe, da habe ich mich zu ungenau ausgedrückt." Es ist schwierig, in Robert Hartings Gesicht etwas zu lesen. Die Augen sind klein wie Mandeln, wenn er spricht, macht er kaum eine Geste. Es ist erstaunlich, wie unbewegt sein Gesicht ist. Er spricht leise, nuschelt etwas, und trotzdem wirkt er aufrichtig. Der in Zickzackmustern getrimmte Bart, der bei seinen Wettkämpfen stets tadellos ist, ist von einem leichten Flaum überwuchert. Er verdeckt die paar Regungen, die man sonst vielleicht wahrnehmen könnte.
Wir gehen, besser: Wir schleichen weiter. So explosiv Harting im Diskusring ist, so zögerlich bewegt er sich im wahren Leben. Am höchsten Punkt der Friedrichbrücke sitzt ein Mann mit Schifferklavier. Er sieht traurig aus, seine Musik ist es auch. Als er aufschaut, trifft sein Blick Hartings Körpermitte, langsam wandern die Augen hoch, immer höher, als stehe er vor einem Wolkenkratzer. Harting nickt ihm zu, geht weiter. Die Jeans schlackern, sie sind über und über mit Flicken besetzt, Buchstaben, Zahlen, sogar die Flicken haben noch Flicken. "In" war das noch nie. Aber er ist auch keiner, der sich um Kleidung schert. "Ich bin nicht Mainstream, warum sollte ich mich so kleiden?", sagt er. Es ist keine Frage, auf die er eine Antwort erwartet.
Wir biegen in die Burgstraße ein, Richtung Hackescher Markt, reden über die Marke Robert Harting. Es gibt nicht viele deutsche Leichtathleten in der Weltspitze und es gibt keinen, der so bekannt ist. Keinen, der so polarisiert. Weil er den Mund aufmacht. Weil er sich traut, die Offiziellen zu kritisieren. Weil er Erfolg hat, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht. Weil er mal über das Ziel hinausschießt. Weil er einstecken kann. Die Öffentlichkeit liebt ihn, weil er die Öffentlichkeit liebt. Er ließ sich sogar bei seiner Knie-OP filmen. "Ich bin auch ein Produkt der Medien", sagt er, und er sagt das nicht so, als würde er sich dafür schämen. Er ist Teil eines Systems, das Stars gebiert und sie wieder einstampft. "Ich bin ein Held auf Zeit", und so lange diese Zeit andauert, inszeniert er sich, so gut es geht. Als harter Typ. Es komme immer darauf an, wie echt man so eine Figur transportiert, sagt Harting. Er habe das Glück, nicht spielen zu müssen. "Ich habe den passenden Körper dafür. Ein dünner Hochspringer mit 75 Kilo muss ja nicht den Harten machen."
Robert Harting ist ein Lautmaler, aber kein Dummkopf. Er ist Sportsoldat, im Rahmen der zulässigen Belastung der Bundeswehr absolviert er ein Fern- und Teilzeitstudium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste. "Ich weiß, wann ich etwas sagen muss, damit es ein Echo auslöst", sagt er. Wichtig sei nur, dabei geradlinig zu bleiben. Selbsttreue. Was er hasst, sind Typen, die nur so tun als ob. Die mit drei Fremdwörtern jonglieren und meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. "Dieses Andersdeutsch ist doch nur peinlich." Dann versteckt er sich wieder unter der Kapuze, schaut geradeaus. Er will sich jetzt setzen.
Das Kaffeehaus "Brandauer" ist voll mit plüschigen Polstermöbeln, ein ziegenbockgroßer Hund stellt sich in den Weg. Robert Harting hält Abstand, will ihn nicht streicheln, als Kind wurde er mal gebissen. Der Hund legt sich wieder hin, er hat eingesehen, wer der Stärkere ist. "Geilet Teil", sagt Harting, als er sich umschaut und bestellt eine heiße, weiße Schokolade. Ich nehme auch eine, obwohl ich eigentlich nie Heißgetränke bestelle. Als ich meine Mütze abnehme, lacht Robert Harting zum ersten Mal wirklich. "Gleicher Haartyp wie ick, wa?" Wir sind beide noch keine 30, er 26, ich 28, und doch gehen uns schon die Haare aus. Das schweißt zusammen. Irgendwie.
Tatsächlich löst sich etwas in Robert Harting. Das Gespräch wird fluffiger. Ich will noch mal zurück auf die Sache mit der Inszenierung, er sagt: "Es war mir nie vergönnt, einfach normal zu sein." Er lässt den Satz kurz stehen, schaut, was er bei seinem Gegenüber auslöst, und erzählt dann von seiner Kindheit. Er war schon immer der Größte. Der Stärkste. Der, der anders war. "Es hat nie gepasst, dass ich einfach irgendwo mitschwimme." Harting ist in Cottbus aufgewachsen, die Eltern hatten nie Geld, nie viel Platz. Wenn die anderen Kinder über Videospiele sprachen, war der kleine Robert der Außenseiter. Einmal, im Handballverein, wollte der neue Trainer den Mitgliedsbeitrag kassieren. 20 Mark. Die Familie konnte es sich nicht leisten, der Trainer machte ihn vor allen anderen Kindern nieder. Harting ist nie wieder hingegangen. So kam er zur Leichtathletik. Da gab es einen Jungen, der alles konnte. Als sie einmal Fangen spielten, sagte der Junge danach: "Boah, die Mädchen sind echt gut, die haben sogar den Besten gefangen - mich." Robert Harting, zwölf Jahre alt, dachte bloß: "du A..., warte nur ab." Ein Jahr später hatte er ihn eingeholt. "Und heute? Der hat keine Ausbildung, keinen Job, und ich hatte das Glück, zu finden, was ich kann - und bin jetzt Weltmeister."
Es sind diese Episoden, die Robert Harting zu dem machten, was er heute ist. Er wollte besser sein als der Rest. Es allen zeigen. Geld verdienen. "Das klingt vielleicht oberflächlich, wenn ich Geld meine Motivation nenne, aber das fehlende Geld meiner Eltern hat mich früher immer unterdrückt und beschränkt. Ich habe meinen Eltern nie einen Vorwurf gemacht, doch das wollte ich in meinem Leben ändern." Er nennt Geld Fiktionalisierungsmasse. Einen Joker. Mit Diskuswerfen wird man nicht reich, aber wenn man so gut ist wie Harting, kann man etwas vorsorgen für das Leben danach.
Mit 15 kam er auf ein Sportinternat in Hohenschönhausen. Für die Eltern sei das ein Schock gewesen, sagt Harting, aber was sollte er tun? Er wollte ja raus aus diesem Leben. Und in Cottbus gab es niemanden, der ihn professionell hätte trainieren können. Die Freiheit von zu Hause habe erst mal dazu geführt, dass seine Noten schlechter wurden. "Man geht nicht um elf ins Bett, wenn alle anderen noch was trinken gehen." Sportlich ging es dafür schnell bergauf. Dreimal Jugendmeister, U-23-Europameister, Deutscher Meister, WM-Zweiter in Osaka, Weltmeister in Berlin, dieses Jahr Silber bei der Europameisterschaft in Barcelona. Und er kommt gerade erst in das gute Diskuswerferalter. Jürgen Schult, der seit mehr als 20 Jahren den Weltrekord hält, warf die Bestmarke von 74,08 Meter mit 26. Lars Riedel, der andere große deutsche Diskus-Champion, war 29, als er in Atlanta olympisches Gold gewann.
Karriere könne man zwar nicht planen, sagt Robert Harting, aber höchstwahrscheinlich werde er eine olympische Medaille gewinnen, wenn er gesund bleibe. "Ohne die könnte ich mich auch nicht ertragen." Der Druck, den er sich selbst auflädt, ist gewaltig, auch wenn er nicht von Druck sprechen würde. Er nennt es Bestimmung. Eine Goldmedaille, das sei Seelenfrieden. Lohn für jahrelange Qual, sieben bis zehn Mal die Woche Training, Gewichte stemmen, laufen, drehen, werfen, immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe. Das hält er nur aus, wenn er regelmäßig Bestätigung vom Publikum bekommt. Über den Jubel, die Bewunderung "definiere ich zum Teil auch mein Selbstbewusstsein". Bleibt das längere Zeit aus, führt das bei ihm zu Momenten des absoluten Stillstands, sagt er. Im Januar und Februar, da sei nichts, kein Wettkampf, keine Resonanz vom Publikum, "das sind schwere depressive Phasen. Ich komme nicht durch jedes Jahr einfach so durch, ich bin auch anfällig." Manchmal gebe es Momente, in denen er so lange zufrieden ist, bis er sich die Sportschuhe schnürt. "Und dann sperrt sich plötzlich alles in mir." Er sitzt da, mit leicht gebeugtem Rücken, und nimmt das Wort Depression in den Mund, als sei es im Sportmilieu etwas Alltägliches. Wie Leistung oder Kondition. Nicht erst seit dem Tod von Robert Enke weiß man, dass dieses Thema ein Riesentabu ist, aber der Bad Boy, der so recht keiner zu sein scheint, sagt es geradeheraus.
In diesen Phasen rette er sich auch mit kleinen Erfolgen über die Woche. Im Studium. Oder in der Kunst. Er liebt abstrakte Malerei, gilt als talentiert.
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