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Berliner Spaziergang

Die Schöne mit dem Lebenszweifel

Wir stehen auf dem Mittelstreifen Unter den Linden. Eigentlich wollte Iris Berben zum Bebelplatz ("Bitte! Ich liebe diese Gegend, die so aufgeladen ist mit Geschichte!"), aber dann fand der Fotograf die Kulisse an der Staatsoper schöner.
Iris Berben

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Iris Berben

 

Neben uns stoppt ein Touristenbus, auf dem offenen Oberdeck singt eine Gruppe Männer. Iris Berben wünscht höflich "einen schönen Berlin-Aufenthalt". Ein Paar bleibt neben uns stehen. "Wir wollen nicht stören", sagt der Mann schüchtern, während die Frau und die Schauspielerin sich anschauen, mit einer Art gegenseitigem, verlegenem Respekt. Sie sind es wohl beide gewöhnt, angestarrt zu werden - die Frau sitzt im Rollstuhl. "Alles Gute" wünschen sie sich dann gegenseitig, und wir flüchten zwischen die Säulen der Oper. Nicht wegen der Leute. Es hat angefangen zu regnen.

 

Iris Berben lehnt sich an den steinernen Fuß einer Statue, wie viele Filmstars ist sie zierlicher, als man erwartet. Der Fuß gehört Sophokles, dem großen Tragödiendichter der Antike.

 

Am liebsten nachts unterwegs

 

Iris Berben ist in 41 Jahren in mehr als 100 Filmen aufgetreten, sie ist auf den roten Teppichen der Republik zu Hause. Sie schüttelt das dunkle Haar, öffnet sinnlich die Lippen, lächelt, lächelt nicht, legt ein Glitzern in die Augen, ihre 58 Jahre sieht man ihr nicht an. Nicht jetzt. Ein junger Mann macht ein Bild von ihr, seine Freundin hat ihn darum gebeten. Er fragt im Weggehen: "Wer ist sie?"

 

Iris Berben ist eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen, eine der bekanntesten, der schönsten, selbst in Situationen wie diesen. Der Regen treibt jetzt Touristen in Scharen zu ihr, uns und Sophokles, wir beeilen uns mit den Bildern. Als wir gehen, versteckt sie sich ein bisschen zwischen dem Fotografen und mir und hinter einer großen Sonnenbrille. "Normalerweise vermeide ich Situationen wie diese", sagt sie offen.

 

Die Stadtmitte war aber ihre Idee. Wir haben uns am Gendarmenmarkt getroffen, wo sie wohnt, mittags um zwölf, die Glocken des Französischen Doms spielten "Üb immer Treu und Redlichkeit". Am Bebelplatz hat sie auf das unterirdische Mahnmal der Bücherverbrennung hingewiesen, sie ist bekannt für ihr Auftreten gegen Antisemitismus, für die Aussöhnung mit den Juden, sie hat ungezählte Schulen besucht, Lesungen gemacht, war in Talkshows. Für ihr politisches Engagement wurde sie fast ebenso oft ausgezeichnet wie für ihr filmisches Werk.

 

Dann stehen wir zwischen Friedrichwerderscher Kirche und Kronprinzenpalais, mit Blick auf jene symbolische Leere, die so viel mehr umfasst als nur den Ort, wo einst das Hohenzollernschloss stand. "Es ist mein Ritual, auf Spaziergängen hierher zu kommen", sagt sie. Und dass sie oft meist nachts unterwegs sei. "Dann habe ich die Anonymität, die ich manchmal brauche." Nachts, sagt sie, habe sie oft lange auf das große Wort "Zweifel" geschaut, das am Palast der Republik stand, jener Ruine, die nur so quälend langsam verschwand. "Berlin ist eine Stadt, die nie fertig wird und die immer viel aushalten musste", sagt sie, und: ",Zweifel' ist ein gutes Wort. Ich würde es über mein Leben schreiben. Zweifel an mir, Zweifel an anderen, sie begleiten mein Leben." Vom Lustgarten klingen Autohupen, Fahrradklingeln und das Getrappel von Pferdekutschen herüber. Der Soundtrack des Alltags klingt auf einmal unglaublich normal.

 

Nach Berlin-Mitte ist Iris Berben vor acht Jahren gezogen. "Ich wollte hier wohnen, gerade, weil alles so unfertig war." Geboren ist sie in Detmold, zog als Kind mit der Mutter nach Hamburg. Sie flog von drei katholischen Schulen, lebte lange alleinerziehend in München, wo sie zum Film fand und ihren damaligen Lebenspartner kennenlernte, einen Israeli. So fand sie Interesse an seinem Land. Iris Berben sagt über sich: "Ich führe ein antizyklisches Leben." Sie meint damit die Tageszeiten, zu denen sie in der Stadt unterwegs ist. Aber es passt auch im übertragenen Sinne.

 

Einerseits wirkt sie fast rührend besorgt, alles richtig zu machen, beim Fotoshooting, beim Interview. Wie viel kann man erzählen? Was zeigt man? Vielleicht mögen manche Menschen sie genau deshalb nicht - für diese Zweifel. Ein Freund hat mir vor dem Spaziergang ins Ohr geraunt: Er möge die Berben nicht mehr, "seit die mit diesem Stuntman geht". Sie ist liiert mit einem deutlich jüngeren Mann. Schlimm? Eine Freundin sagt: "Die ist mir irgendwie zu politisch", sie meint wohl: zu anstrengend. Ein Kollege jammert kindisch: Die Berben sei einmal "zickig" zu ihm gewesen. Und ein weiterer: "Jetzt hat die auch noch so ein Frauenbuch geschrieben."

 

Ist es möglich, sich durch eine Person belästigt zu fühlen, die man nur aus dem Fernsehen kennt? Offenbar ja. Vor zwei Jahren ermittelte eine Fernsehzeitschrift, rund 30 Prozent der Zuschauer wollten Stars wie Iris Berben, Veronica Ferres, Heiner Lauterbach oder Götz George weniger oft auf dem Bildschirm sehen.

 

Iris Berben sagt über sich, sie habe nie Schauspielerin werden wollen. Der Satz könnte affektiert klingen aus dem Mund einer Frau, die so viel erreicht hat. Eine darstellerische Vielfalt wie wenige - als Kommissarin Rosa Roth kann sie autoritär, schön oder auch mal zerknautscht daherkommen, sie wurde vielfach gelobt für ihre großen Frauenrollen, wie Bethsy Buddenbrook oder jüngst Bertha Krupp. Mitte Juni wird Iris Berben auf dem internationalen Filmfest Emden-Norderney der Ehrenpreis für ihr Lebenswerk verliehen. Dazu reist sie eigens aus Vietnam an, wo sie einen Kinderfilm dreht. Darin spielt sie eine "böse Frau", eine Rolle, die ihr offenbar viel Spaß bereitet, wie sie lächelnd erzählt.

 

Eigentlich wollte sie Jura studieren

 

Iris Berben sagt, dass sie ihren Beruf lange nicht ernst genommen habe. "Ich wurde ja sozusagen zur Schauspielerin gemacht." Dass sie eigentlich Jura studieren wollte. "Ich dachte immer, ein Beruf müsse mit viel Anstrengung verbunden sein, also konnte das, was mir da zufiel, ja eigentlich nichts sein." Sie hat nie eine Schauspielschule besucht. 1968 entdeckte sie der Münchner Filmemacher Klaus Lemke für einen Film über einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus, über die RAF. "Ich musste erst lernen, dass mein Beruf auch Verantwortung bedeutet, Ernsthaftigkeit und Seriosität. Dass es nichts Spielerisches ist, auch wenn man spielt." So hat sie erst angefangen, sich selbst ernst zu nehmen, als es andere längst taten.

 

Iris Berben hat für den "Playboy" posiert, für Haarfärbemittel geworben, es gibt ein Parfüm ihres Namens, die letzte "Nackt!"-Schlagzeile liegt erst ein Jahr zurück, auch wenn ihre Erotik in ihrem Spiel lag, nicht in der Blöße. Sie hat andererseits öffentlich aus "Hitlers Tischgesprächen" gelesen und auch aus den "Vagina-Monologen" der Eve Ensler. Um als Feministin zu gelten, fehlt ihr das Penetrante. Stattdessen bekommt sie Liebeserklärungen im Internet von Frauen, die sie lieben, "weil sie so ist, wie sie ist".

 

2001 veröffentlichte Iris Berben ein Buch mit Schönheitstipps und perfekten Hochglanzporträts von sich selbst. Die Bilder wirkten, als wolle sie damit all die vielfältigen Gesichter und Mienen widerrufen, die doch ihre schauspielerische Größe ausmachen. Das Buch machte manche Leserinnen wütend. Andere zweifelten an der Fassade des Perfekten.

 

Das Beauty-Buch trug den launigen Titel "Älter werde ich später". Heute wirkt sie genau so - älter. Oder besser: reifer. Zerbrechlich, einen Augenblick müde, dann wieder leuchtend, schön und stark. Sie verwendet oft das Wort "Dünnhäutigkeit", es passt auch auf sie. Auf diesen zarten Körper, der sich plötzlich anspannt, wenn sie Worte wie "Wut" oder "Hass" ausspricht.

 

Inzwischen hat Iris Berben ein weiteres Buch geschrieben. Ein ganz anderes. "Nicht über mich, das wollte ich nicht." Gemeinsam mit einer Journalistin porträtierte sie Frauen, die gegen Ungerechtigkeit, Armut, Gewalt kämpfen - teilweise bis zur Selbstaufgabe. Sie traf Frauen aus Brandenburg, der Schweiz, Asien und Afrika, alte, junge, gebildete und einfache. "Manche wollten einfach helfen, andere begannen aus Verzweiflung, etwas zu ändern." Die 24 Geschichten sind sachlich aufgeschrieben, nicht kommentierend, schon gar nicht emotional wie die Rollen, für die sie berühmt ist. Die Porträts überlassen das Urteil dem Leser.

 

Vier Wochen hat sie den Frauen ihre Stimme geliehen, gerade kam sie zurück von der Lesetour durch ganz Deutschland. Selten waren Kameras dabei. "Ich wollte ja nicht die große Show", sagt sie, und: "Es waren wunderbare Gespräche, nicht über meinen nächsten Film oder wie oft ich mir die Haare färbe. Die Leute erzählten mir eigene Erlebnisse, oder sie bedankten sich einfach, dass wir diesen Frauen ein Buch gewidmet haben." Die Begegnungen hätten sie sehr berührt. "Es ist ja mein Beruf, Gefühle auszulösen, aber bei den Lesungen merkte ich, dass mich die Anspannung der Leute - wenn sie zu Tränen gerührt sind - ganz anders ergreift."

 

Drogen, Katholizismus, RAF

 

"Frauen bewegen die Welt", so der Titel, hat es in die Bestsellerlisten geschafft. "Ein Triumph!" Ihr Stolz ist echt. Nichts wäre einfacher, als sie dafür zu belächeln, eine Schauspielerin, die die Macht der wahren Gefühle entdeckt.

 

Iris Berben sagt, dass sie nichts bereue, was sie im Leben getan habe. "Jede Phase in meinem Leben ist ein Teil von mir." Iris Berben hat in Interviews viel über sich erzählt. Sie hat von Drogen gesprochen, hat offenbart, dass sie abgetrieben hat, sie sprach von wechselnden Lebenspartnern, warum sie nie heiraten wollte. Sie verfluchte ihre engstirnige katholische Erziehung, beichtete, sie habe lange das Abi nachholen wollen und sei jahrelang ohne Führerschein gefahren. Die Frage, ob sie eine Autobiografie schreiben werde, verneint sie ungeduldig. Es müsse Grenzen des Persönlichen geben, das sie preisgibt.

 

In ihrem nächsten Film wird es noch einmal um die RAF gehen. In "Es kommt der Tag" (ab 27. August im Kino) spielt sie eine Terroristin, die vor 30 Jahren ihr Kind zur Adoption gegeben hat. Der Film erzählt auch etwas von ihrer eigenen Wirklichkeit. "Die Mutter will erklären, was sie damals angetrieben hat - da finde ich mich auch selber wieder." Sie selbst habe lange mit ihrer Sympathie für die RAF gerungen, "mit der Frage, was diese Leute zum Terrorismus gebracht hat". Es mache sie wütend, wenn die Proteste der 68er heute einfach mit Terrorismus gleichgesetzt werden. "Ich möchte nicht wissen, wo Deutschland wäre ohne diese Zeit, durch die wir erst gelernt haben, unsere Geschichte zu hinterfragen." Ähnliches befürchte sie mit dem Thema DDR: "Keine 20 Jahre ist der Mauerfall her, und schon muss alles in Schubladen passen, die Medien und Politik uns vorgeben."

 

Diese letzten Sätze werden später seltsam nachklingen, als die Nachricht des Tages bekannt wird: Der Mörder des Studenten Benno Ohnesorg war ein Stasi-Mann. Das Schicksalsjahr 1968 wird tatsächlich, wieder einmal, neu erzählt.

 

Es ist das Ende des Spaziergangs. Wir sitzen am Gendarmenmarkt im Restaurant "Borchardt" bei Wasser und Kaffee und schauen nach draußen, wo der Sommerregen gerade die Hauptstadtgäste durchweicht. Nachts, sagt Iris Berben, wenn sie zwischen den beiden Domen auf dem Platz stehe, dann sei sie glücklich. "Dann gehört mir das alles hier! All diese Gebäude, so voller Geschichte!" Ob sie keine Angst habe, nachts allein durch die Stadt zu laufen? "Ich bin ja nicht allein", sagt sie und lächelt wieder verschmitzt. "Paul ist doch bei mir." Bitte wer? "Paul Berben. Mein Jack-Russel-Terrier."

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