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Was für die Zuschauer bleibt, ist der romantische Moment in Großaufnahme. Noch Jahre später werden sie jede einzelne Bartstoppel von August Diehl sehen. Wer den Schauspieler in seinem Heimatkiez Prenzlauer Berg trifft, kann ihn alles fragen - nur nicht: "Wie war das denn jetzt mit Angelina Jolie?"
Doch dazu später. Schon unsere Begrüßung auf der Bornholmer Brücke zwischen Prenzlauer Berg und Wedding verläuft bemerkenswert. August Diehl kommt die Brücke heruntergeschlendert, hinter ihm läuft in einiger Entfernung eine junge Mutter mit Kind. Als wir uns begrüßen, überholt die Mutter uns, und ihr ungefähr zwei Jahre altes Kind hebt den Arm, zeigt auf August Diehl und beginnt zu weinen. Sehr laut. Einfach so. Die Mutter schaut ratlos, zuckt mit den Achseln, beugt sich zu ihrer Tochter, tröstet, und dann laufen sie schnell die Treppe neben der Brücke hinunter.
August Diehl ist eigentlich alles andere als furchteinflößend. Ein eleganter dunkler Mantel, schwarz-weißes Blumen-Hemd und wehende Haare, die ihm immer wieder in die Stirn fallen. Wenn er lacht, dann lacht er so richtig, mit Falten am Auge. Und über allem scheint die Herbstsonne im Fünf-Minuten-Takt hinter den Wolken hervor. Der 34 Jahre alte Schauspieler hat drehfrei und verbringt die meiste Zeit mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter, die ungefähr im Alter des weinenden Kindes von eben ist.
Das schreiende Mädchen kann ihm die Laune nicht verderben. Wir laufen die Treppe hinunter, in ein Brachgelände hinein, in dem viele Graffiti an den Wänden zu sehen sind. In dieser Gegend zwischen Bösebrücke und Behmbrücke kann man noch immer den Verlauf der Mauer genau erkennen. "Hero" steht an einer Hauswand, also "Held", so, als richte es sich an alle, die das lesen können. Wir reden darüber, dass hier Menschen gestorben sind und die Bösebrücke der erste offene Grenzübergang war.
Dann kommen wir auf August Diehls neuen Film "Die kommenden Tage" zu sprechen. Er handelt von einer düsteren Zukunft Deutschlands, Angst und Wasserknappheit bestimmen den Alltag. August Diehl sagt: "Das Komische an diesem Film ist, dass er Europa in Verhältnissen zeigt, wie es sie heute auf der ganzen Welt eigentlich schon gibt: in Südamerika, in Asien, in Afrika." Er meint die Sicherheitsvorkehrungen, die Gefahrenzonen, die leeren Gehsteige. "Im Film fragt man sich genau wie hier: Wo sind denn die ganzen Leute hin?", sagt er und zeigt auf einen Radfahrer, der uns entgegenkommt. "Da fährt zwar mal ein Fahrradfahrer vorbei, aber sonst ist es menschenleer."
Im Film stellt Diehl einen Öko-Terroristen dar, der den Tod von Unbeteiligten in Kauf nimmt, um den Kampf um Wasser und Öl nicht an die Reichen zu verlieren. Der Film spielt in einem Berlin zwischen den Jahren 2012 und 2020. Es ist eine graue Stadt geworden, mit mehr und höheren Hochhäusern zwischen Funkturm und Alexanderplatz, aber auch Wohngebieten, die eher an afrikanische Slums erinnern. Kleine Holzhütten am Wegesrand, riesige Bildschirme am Potsdamer Platz, und am Abend hört man Schüsse in den Straßen. All das wird dem Zuschauer aber nur im Hintergrund gezeigt, ohne viel zu erklären. Die Geschichte der Hauptpersonen wird nur angerissen.
August Diehl mag Filme, in denen nicht alles gezeigt, nicht jede Handlung erklärt wird. "Ich komme den Hauptfiguren besonders nahe", sagt er, "wenn ich eben nicht verstehe, warum sie etwas tun." Er will, dass sie ihn überraschen und dabei immer ein bisschen rätselhaft bleiben - so dass er sich fragen muss: "Was denkt der sich eigentlich?" oder: "Warum ist der so?" Vielleicht ist das auch näher an der Wirklichkeit: Wer kann schon in 90 Minuten jemanden wirklich kennenlernen?
Wir überqueren die Behmbrücke und laufen den Steg in Richtung Mauerpark hinunter. Erst jetzt fällt auf, wie laut es hier im Prenzlauer Berg eigentlich ist. Wir sind umgeben von S-Bahn-Gleisen und stark befahrenen Straßen, ein paar Meter vor uns ist eine Baustelle - und soeben ist wieder ein Flugzeug über uns hinweggeflogen. Vielleicht hat das Kind vorhin auch nicht auf August Diehl, sondern nach oben, auf eines der Flugzeuge gezeigt? Auf jeden Fall müssen wir die ganze Zeit gegen diesen Lärm anreden, das ist anstrengend, aber nach einer Weile fühlt es sich ganz natürlich an.
Auch August Diehl wohnt hier in der Gegend, mag den Stadtteil sehr. "Dieses Herumhacken auf dem Prenzlauer Berg ist ja schon wieder aus der Mode gekommen", sagt er. Zum Glück, es sei auch nie gerechtfertigt gewesen. "Noch vor acht Jahren wollten einige Bewohner vom Helmholtzplatz wegziehen, weil es zu viele Penner gibt", sagt er. Heute sagen die gleichen Leute, es sei ihnen zu aufgeräumt. Diehl findet genau dieses "Dazwischen" hier gut. Außerdem sei in Berlin ja niemand gezwungen, nur in seinem Stadtteil zu bleiben. "Wenn ich Freunde treffe, dann fahre ich nach Neukölln oder Charlottenburg."
In beiden Stadtbezirken hat der gebürtige Berliner schon gewohnt und sich auch zu Hause gefühlt. Aufgewachsen ist August Diehl aber in Frankreich. Zumindest, bis er sieben Jahre alt war. Seine Eltern (Schauspieler und Kostümbildnerin) haben ein Haus im Süden des Landes, wo sie ihn im Heimunterricht erzogen haben - und wo sie jetzt wieder wohnen. August Diehl besucht sie gern, auch weil er dort noch immer Freunde hat. Später zogen die Eltern mit ihm ins bayerische Prien, Diehl ging in eine Waldorfschule und fiel schon dort als Schauspieler im Schultheater auf - in der Rolle des Franz Moor aus Schillers "Die Räuber". Moor ist der hässliche, eifersüchtige, vernachlässigte Sohn eines Räubers, der sich gegen seinen Bruder durchsetzen muss. Seine erste große Rolle also: der Unhold.
Als wir den Mauerpark durchqueren, ist der wieder fast menschenleer, Lärm ist trotzdem da. August Diehl bleibt immer wieder stehen, atmet durch und erklärt, warum er sich den Franz Moor auch für seine Bewerbung an der Schauspielschule Ernst Busch ausgesucht hat. "Man kann so schön wütend sein, so richtig aggressiv." Obwohl er die Rolle des intriganten Bösewichts für das Vorstellungsgespräch gut vorbereitet hatte, war er voller Zweifel. "Es gab Momente, in denen ich dachte, ich pack's nicht." Eine Unsicherheit allerdings, die zu jungen Schauspielern gehört. Er bleibt stehen und sagt: "Genau wie bei jungen Regisseuren oder Produzenten ist da immer die große Angst, einen Fehler zu machen, nicht gut genug zu sein."
Diehl jedoch hatte das Glück, mit etablierten Künstlern zu arbeiten, die ihm zeigten, dass es auch ohne Angst geht. Große Regisseure waren darunter wie Peter Zadek, Volker Schlöndorff und Quentin Tarantino - mit ihnen konnte er beweisen, dass er mehr kann, als den verrückten Sonderling zu spielen, mit dem er im Jahr 1998 in "23 - Nichts ist so wie es scheint" sowohl den Bayerischen als auch den Deutschen Filmpreis gewann. Und doch: Schlöndorff musste bei seinen Vorbereitungen für den Film "Am Neunten Tag" um August Diehls Besetzung richtig kämpfen. Die Deutsche Filmförderungsanstalt konnte sich vor acht Jahren noch nicht vorstellen, dass jemand wie er einen Nazi spielen kann. Der Regisseur machte Probeaufnahmen mit Diehl und zeigte sie den Geldgebern. Dann stimmten sie zu.
Wir stehen wieder an der lauten Bernauer Straße, als wir über diese Geschichte von den zweifelnden Filmförderern reden. "Offenbar gelte ich nicht als Kassenschlager." Das sagt der Mann, der noch vor Kurzem die Frau von Brad Pitt geküsst hat. Das ist der perfekte Moment: Wie war es denn so mit Angelina Jolie? August Diehl verdreht kurz die Augen. "Wenn ich gewusst hätte, was es für ein Brimborium darum gibt, dass ich sie küsse, hätte ich die Szene wohl gar nicht hingekriegt." Aber während der Großaufnahme habe er nur daran gedacht, wie er es hinbekommt, dass die Leute am Set und dann irgendwann die Zuschauer im Kino ihm glauben, was er da gerade macht. "Aber natürlich sitzt man abends im Hotel und denkt: Irgendwie schon krass ..."
In diesem Moment haben wir den einzigen wirklich stillen Moment unseres Spaziergangs erreicht: Kein Flugzeug, kein Auto, keine S-Bahn, keine Baustelle, kein schreiendes Kind. Wir sind in einem kleinen Park, von dem ich vorher noch nie gehört hatte: Vinetapark. Er liegt westlich vom Mauerpark, in einem Weddinger Wohngebiet. Auch hier läuft niemand entlang, sitzt einfach herum. Wir setzen uns auf eine Bank, drehen Zigaretten, reden über Filmdrehs in Kolumbien ("Dr. Alemán"), in Indonesien ("Slumming") und Babelsberg ("Inglourious Basterds"). Diehl redet mit Journalisten lieber über Filme und deren Entstehung als über sich.
Als wir noch einmal über seinen aktuellen Film "Die kommenden Tage" reden, erzählt er doch eine persönliche Geschichte, nämlich die, wie er kürzlich mit der Staatsgewalt Kontakt hatte: Anfang des Jahres, als es noch kalt war, konnte seine Tochter nicht einschlafen. Es war nachts halb zwei. Er zog sich und ihr schnell etwas über und lief mit ihr durch den Prenzlauer Berg. Plötzlich sprachen ihn zwei Polizisten in Zivil an und wollten wissen, ob das seine Tochter sei. Diehl sagte Ja, und die beiden: "Dann möchten wir gern einmal einen Blick in ihre Wohnung werfen und sehen, ob die aufgeräumt ist. August Diehl war so perplex, dass er sie einfach mitnahm und ihnen die Wohnung zeigte. "Alles klar", hieß es dann nur, und die Polizisten gingen wieder.
Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Die Ruhe ist dahin. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wir laufen zurück in Richtung Osten der Stadt, Diehl fragt, wie es sein könne, dass der Staat sich einfach so Zutritt zu Privatwohnungen verschaffe? Waren das überhaupt Polizisten? Und wenn ja, dürfen die das überhaupt? Als August Diehl sie danach gefragt hatte, habe einer gesagt: "Klar, letztens in Kreuzberg, da hab ich die dreckige Wohnung eines Typen gesehen und das Kind sofort mitgenommen." Für einen Moment sind Indonesien und Kolumbien gar nicht so weit weg, die Gefahrenzonen, die Sicherheitsvorkehrungen, die düstere Zukunft. Vielleicht hat er die Geschichte nur deshalb erzählt? Sie klingt unglaublich. Diehl: "Ich stand wirklich einfach nur an der Kreuzung mit meinem Kind im Arm!"
Wir laufen in Richtung Gleimtunnel zurück in den Prenzlauer Berg. Und wieder übertönt der Verkehr (Autos auf Kopfsteinpflaster) jedes Gespräch. August Diehl pfeift eine Melodie, nur ein paar Töne. Sie klingt melancholisch, aber als ich ihn frage, welches Lied das war, stoppt er und sagt: "Nichts Bestimmtes." Im Tunnel dann sagt er mit lauter Stimme, dass es ihn traurig mache, dass so viele gute Künstler gerade gestorben sind. Er sagt nicht "gestorben", sondern "Köpfe gerollt" und spricht vom "Massensterben der großen Regisseure". Er zählt sie auf: Bergman, Brüder, Antonioni, Tabori, Chabrol, Zadek, Schlingensief.
Da ist wieder ein Moment, in dem August Diehl Einblick gibt. Gerade Peter Zadeks Tod vor einem Jahr hat ihn getroffen. Aber reden will Diehl darüber nicht. Überhaupt hält er sich außer bei seinen eigenen Filmen von roten Teppichen fern, geht nicht auf Charity-Dinner, lässt sich von keinem Autobauer einen Wagen sponsern. Wozu auch? Bei ihm, wie bei ganz wenigen anderen Schauspielern, geht es wirklich nur ums Filmedrehen. Dass er deshalb automatisch zu einem Star werden kann, interessiert ihn schlicht nicht.
Und wer jetzt wirklich noch wissen will, wonach Angelinas Mund denn schmeckt, der muss damit rechnen, dass August Diehl als Antwort sagt: "Nach Brad Pitt." Und die Frage "Haben Sie den etwa auch ...?" - die sollte man sich dann wirklich verkneifen.
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