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Wir sind bald zwei Stunden hier draußen, laufen zum dritten Mal um den Lietzensee herum. Es ist kalt, ein paar Grad minus vielleicht, und Bob Hanning sagt, dass ihm gleich die Nase abfällt. Er wendet sich dem Fotografen zu: "Du hättest das Foto schon längst machen können, Martin!"
"Wo denn?", fragt der zurück.
Hanning zeigt auf ein Handballtor auf einem Sportplatz: "Na da!"
"Das ist ja wirklich sehr ausgefallen ...", antwortet der Fotograf und geht weiter. Wir lachen - und finden doch noch einen Ort, an dem wir den Geschäftsführer der Füchse Berlin ablichten können.
Was das über Bob Hanning aussagt? Zunächst einmal, dass es nicht viel Zeit braucht, bis man mit ihm per Du ist. Ob man das jetzt will oder nicht spielt dabei übrigens keine Rolle. Bob Hanning (43) duzt konsequent. Punkt. Und ja, eigentlich erwartet er auch, dass man ihn zurück duzt. Aber Bob, das ist ja auch einfach ein Duzname, wie Pete oder Joe. Hieße er Frank-Walter oder Hans-Jürgen wäre das vielleicht ganz anders. Zudem zeigt es, dass er Dingen, die er durchaus ernst meint, ironisch begegnet. Denn eins ist klar: Noch viel länger hier draußen und Bob Hannings Nase fällt wirklich ab.
Aber beginnen wir am Anfang. Verabredet hatten wir uns mit dem Mann, der aus einem maroden Zweitligaverein ohne Lizenz innerhalb von fünf Jahren einen Topverein der Handball-Bundesliga gemacht hat, vor einem Restaurant direkt am Lietzensee. Wir treffen ihn dann zufällig im Café gegenüber, weil wir alle zu früh sind. Er ist klein, das Haar schütter, Lederjacke und Pullover ein bisschen zu groß. Er hat im letzten Jahr 25 Kilo abgenommen, wird er später erzählen. FdH. Als er sich eines Tages in einem Spiegel sah, sagte er sich: "Alter, das bist doch nicht du!" Wer ist dieser Bob, eigentlich: Robert Hanning?
Er lächelt, fängt sofort an zu reden. Hanning mag Interviews. Und Spaziergänge. Das zwar eigentlich, weil er da mal nicht reden müsse, aber nun gut, so soll es eben sein heute. Wir sprechen, auch wenn es schon ein bisschen her ist, über die aus deutscher Sicht verkorkste Handball-Weltmeisterschaft. Hanning hatte dort fürs Fernsehen ab und zu als Co-Kommentator gearbeitet. Und er war ja selbst mal Assistenztrainer dieser Mannschaft, hat sie zu Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften begleitet. Und wenn er jetzt die Schultern hängen lässt und die Backen aufplustert, dann weiß man: Ein bisschen ist er das immer noch irgendwie. Er schüttelt lange den Kopf. Das soll in etwa heißen: Mann, Mann, Mann, da haben wir uns ganz schön blamiert. Die Worte "wir" und "uns" benutzt er wirklich, als wäre er immer noch Teil dieses Teams. "Du brauchst auf dem Feld Persönlichkeiten, die beim 30 : 30 kurz vor Schluss sagen, geil, da freu ich mich drauf. In der Nationalmannschaft sehe ich da momentan keinen", sagt er dann. Mit anderen Worten: Der Nationalmannschaft fehlen Führungsspieler. Natürlich könne man die nicht irgendwo herzaubern, die müsse man über lange Zeit entwickeln. "Aber man muss jetzt auch fragen dürfen, ob der Bundestrainer mit Pascal Hens und Michael Kraus die richtigen Führungsspieler ausgesucht hat." Hanning sagt immer, was er denkt.
Fast wie im MärchenWir gehen vorbei an Bäumen, deren Zweige bis zum Boden hängen, als ächzten sie unter dem Druck der Kälte. Auf dem See schwimmt eine riesige Eisscholle, die nur an den Rändern etwas angetaut ist, am Wegesrand stehen ein paar wackere Gänseblümchen. Wären wir nicht drei Männer, die über Sport plaudern, wäre es geradezu romantisch. Hanning sieht die Gänseblümchen nicht. Er läuft an allem vorbei, kein Blick rechts, keiner links. Wenn er über Handball spricht, dann gibt es nur das. Und eigentlich spricht Hanning immer über Handball. Jenseits der Nationalmannschaft macht ihm das gerade auch richtig gute Laune. Denn es ist ja schon märchenhaft, was da mit seinen Füchsen passiert. Mannschaft des Jahres sind sie in Berlin geworden, vor den großen Eisbären, Alba und Hertha. In der Handball-Bundesliga steht die Mannschaft auf Platz drei und hat die quasi unschlagbaren Teams aus Kiel und Hamburg (im Pokal) bezwungen. Und das mit einer relativ unerfahrenen Mannschaft ohne Superstars, nach der vor Kurzem noch kein Hahn krähte. "Da oben gehören wir nicht hin", sagt Hanning. Natürlich freue er sich, aber man dürfe das nur als Momentaufnahme begreifen. "In Berlin bauen sie dir ganz schnell ein Denkmal, streichen es noch golden an und warten dann drauf, es gleich wieder abreißen zu können." So weit will er es nicht kommen lassen. Deshalb bemüht er sich, dieses Wunder kleinzureden.
Das ist auch besser so, denn tatsächlich gehören die Füchse da oben nicht hin. Es ist anders als im Fußballgeschäft. Dort heißt es meist zu Recht, Geld schießt keine Tore. Werfen aber kann das Geld die Tore. Mit 9,5 Millionen Euro hat der THW Kiel den höchsten Etat der Liga - und leistet sich so ein Ensemble internationaler Topspieler. Sechsmal in Folge sind die Kieler Meister geworden. Den zweithöchsten (8,5 Millionen Euro) hat der HSV Hamburg. Die sind derzeit Erster. Den Füchsen steht nicht einmal die Hälfte zur Verfügung. Eine Mannschaft kann mal einen Lauf haben, sagt Hanning, und sicher wolle man jetzt auch gut einlaufen am Ende, aber unter die Top drei könne man einfach nicht kommen. Noch nicht.
Denn Hanning hat viel vor mit seinen Füchsen. Sein Konzept ist ein langfristiges, das muss es auch sein. Es gibt keine großen Unternehmen, die wie etwa SAP in Mannheim bei den Rhein-Neckar Löwen ständig Geld in den Verein pumpen. So bleibt nur der Plan Jugend. "Wir verbiegen uns nicht, für niemanden. Wir sind weder konzern- noch mäzenatengesteuert, wir sind eine Familie. Und in einer Familie muss man Kompromisse machen, selbst wenn sie zulasten der sportlichen Situation gehen." Zwar wollen sie nun unbedingt die Europapokalplätze erreichen - "alles andere wäre schon scheiße", sagt Hanning -, aber die Füchse sind nicht auf die Zusatzeinnahmen angewiesen. Ihr Konzept funktioniert auch ohne Erfolg. Nur Spaß würde es irgendwann keinen mehr machen.
Wir sind jetzt bei Hannings Lieblingsthemen: Jugend. Entwicklung. Familie. Erziehung. Neben dem operativen Geschäft als Geschäftsführer ist Hanning nämlich auch Trainer der A-Jugend-Mannschaft. In der vergangenen Saison sind seine Jungs Deutscher Meister geworden, aber es geht dem gebürtigen Essener um mehr als Handball. Junge Spieler sollen auch zu verantwortungsbewussten Menschen reifen. Er nennt das den ganzheitlichen Ansatz. Und deswegen heißt trainieren auch sich kümmern. Er vermittelt Ausbildungsplätze, Praktika, gibt Benimmkurse. Nach dem Knigge, das gehöre einfach dazu. Wie esse ich mit Messer und Gabel? Mütze ab beim Essen, nicht in Badelatschen zum Essen kommen, wann geht der Mann vor der Frau, wann dahinter? Wie binde ich eine Krawatte? So was. Und wenn einer mal die Schule schwänzt, lässt er ihn einen Tag auf einem Müllwagen der Stadtreinigung schwitzen. "Die Jungs gehen auf gute Schulen, wir geben ihnen die Chance, Profisportler zu werden. Sie müssen kapieren, dass man dafür auch was tun muss." Bob Hanning ist ein Typ, mit dem man gern ein Bier trinken gehen würde. Aber man ahnt, dass er auch ziemlich autoritär sein kann. Einer, der keinen Spaß mehr versteht, wenn sich nicht an das gehalten wird, was er vorgibt.
Einige von den Nachwuchsspielern sollen es bald in die erste Mannschaft schaffen. Das ist ein wichtiger Baustein der sogenannten Berlinalisierung. Hanning hat diesen schönen Soziologenbegriff für seine Vision der Verankerung des Vereins in der Stadt erdacht. Und er predigt ihn. Der klingt zwar mehr nach Kino als nach Handball, aber was soll's. Als Hanning gerade den Begriff erläutern will, läuft ein Jogger an uns vorbei - rückwärts. Er winkt und schlägt sich auf die Brust. Hanning schaut ihn etwas entgeistert an, lacht in sich hinein und sagt: "Willkommen in Berlin." Mittlerweile mag er die Verrückten. Am Anfang habe er sich aber schon an die Stadt gewöhnen müssen.
Er war vorher Trainer in Hamburg, das er mal seine Traumstadt nannte. Berlin war ihm zu oberflächlich. "Die Berliner haben sich kaum mit der Stadt identifiziert." Außerdem stehe in vielen Köpfen die Mauer noch immer. Es ist eine Floskel. Aber Hanning sagt, dass er das wirklich oft erlebt habe. Als er etwa mit dem Verein vom Horst-Korber-Sportzentrum am Olympiastadion in die Max-Schmeling-Halle nach Prenzlauer Berg zog, bekam er wütende Anrufe von Fans, die sagten, dass sie keinen Fuß in den Osten setzen würden. "Das war mir aber scheißegal, die haben ja eh nie bezahlt." 17 Dauerkarten verkauften die Füchse damals, Tausende Freikarten haben sie verschenkt. Gekommen ist kaum einer. Am Ende hatten sie über den Ticketverkauf 1037 Euro eingenommen. Heute verdienen sie damit mehr als eine Million pro Jahr.
Hannings MeisterstückAber Hanning zog mit dem Verein nicht einfach nur um, er verpasste ihm einen ganz neuen Anstrich. Die Umbenennung der Reinickendorfer Füchse in Füchse Berlin war Schritt eins der Berlinalisierung - und Hannings Meisterstück. Er hat dem Verein mit diesem kleinen Handgriff eine neue Identität gegeben und so aus einem Kiezsportklub eine Hauptstadtmarke geformt. Einen Gesamtberliner Verein. Er hat den Füchsen auch die gelb-lilafarbenen Trikots eingebrockt. Die sehen zwar scheußlich aus, werden aber von jedem kleinen Kind erkannt. Hanning macht Berlin, das nie als handballverrückte Stadt aufgefallen ist, ganz langsam genau zu dem: einer handballverrückten Stadt. Und weil der Klub diese Berlinalisierung vor sich her trägt wie eine Fackel, hat auch Hanning längst seinen Frieden mit der Stadt gemacht. Er sucht jetzt sogar eine Eigentumswohnung. Berlin sei die einzige internationale Metropole Deutschlands - und viel toleranter und aufregender als Hamburg. "Die sind so stolz auf ihre Reeperbahn - Berlin hat hundert Reeperbahnen." Außerdem glaubt er, dass die Stadt noch gar nicht richtig wach ist. "Berlin wird sich so entwickeln wie unsere Füchse das getan haben." Er meint damit: immer jünger, immer dynamischer, immer besser. Es ist schwierig, mit Bob Hanning länger als zwei Minuten zu reden, ohne dass er das Thema Handball wieder ins Spiel bringt. Fast jeder Vergleich, jede Anekdote hat mit dem Sport zu tun.
Auch die aus der Kindheit. Wenn er an den jungen Bob Hanning denkt, sieht er ein Kind, das vom Balkon der elterlichen Wohnung auf die Grugahalle schauen konnte. Dort spielte der Traditionsverein Tusem Essen. Er schwor sich: Eines Tages spielst du da auch. Da er Sport aber eigentlich immer schon hasste, wie er sagt, entschied er sich fürs Tor. "Möglichst wenig bewegen, möglichst viel erreichen." Zu seinem Sportlehrer, der damals in der Bundesliga Trainer war, sagte er damals, dass er eines Tages zu den Olympischen Spielen fahren werde. Der lachte ihn nur aus. Als Hanning rund 20 Jahre später tatsächlich nach Sydney fuhr - nicht als Torwart, aber als Coach -, rief ihn sein alter Lehrer an. "Gott sei Dank wolltest du nicht Bundeskanzler werden."
In unserem Gespräch gibt es einen Moment, in dem Hanning wirklich nachdenklich wird. Es geht um seine Familie, nicht die Handballfamilie, sondern die richtige. Als er zwei Jahre alt war, starb sein jüngerer Bruder. Mit nur vier Monaten, Hirntod. Hanning schaut zu Boden. Er sagt kurz nichts, dann: "Es gibt immer noch eine emotionale Verbindung. Er wird immer mein Bruder bleiben." Pause. "Immer." Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft seiner Jungs fand 2010 in Baunatal statt, ganz in der Nähe liegt der Bruder begraben. Bevor sie die Schale nach Berlin holten, fuhr er zum Friedhof. Bei Bob Hanning sind auch die privatesten Momente irgendwie Handballmomente.
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