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Berliner Spaziergang

Prinz mit Prinzipien

Vor uns liegt die Kastanienallee. Hier reiht sich ein Café ans nächste, in den Klamottenläden dazwischen wird Vintage- und Designer-Mode verkauft. "Die Castingallee", sagt Sebastian Krumbiegel und grinst über seinen Wortwitz. Der alt ist, eigentlich.
 



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Gentrifizierung und so, das leicht abgehalfterte Prenzlauer Berg, das sich gewandelt hat, von ostig zu trendy zu teuer und neu-bohemian. Wo, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken dringen, die jungen Kreativen oder die, die sich dafür halten, Latte macchiato an Latte macchiato sitzen, mit riesigen Pilotensonnenbrillen, Vintage-Designer-Handtaschen und 5000-Euro-Kinderwagen. Über so viel Wichtigtuerei kann man gut lachen. "Es ist ja schon nett hier", findet Sebastian Krumbiegel, "aber über dieses ganze ,Sehen und Gesehen-Werden' mache ich mich auch gern mal lustig, wenn ich hier bin." Wettermäßig ist es heute aber ohnehin noch nicht so weit, statt Sonne ist da nur eisiger Wind, der die sorgsam wie zufällig hingelegten Frisuren der Castingallee-Spaziergänger verweht.

Sebastian Krumbiegels Haar tut das keinen Abbruch. Er trägt die Seiten rasiert mit kurzem Iro obenauf. Man könnte meinen, dass er mit 43 Jahren ein bisschen zu alt für so eine Frisur ist. Andererseits: Es passt zu ihm, dem Künstler, Musiker und Linken. Man kennt Sebastian Krumbiegel vor allen Dingen als Sänger der Band Die Prinzen, als den, der "Küssen verboten" oder "Ich wär so gerne Millionär" so herrlich ironisch singt und: der ständig neue Frisuren trägt. Fast 20 Jahre ist es her, dass der Ohrwurm "Millionär" zum ersten Mal im Radio gespielt wurde. Gerade machen die Prinzen eine Pause, von der Musikbranche und voneinander.

Monatelang im Proberaum

Sebastian Krumbiegel lernte die anderen Bandmitglieder in Leipzig kennen. Damals studierte er an der dortigen Musikhochschule Schlagzeug und Gesang. 1987 gründeten sie die Band Die Herzbuben, suchten sich aber nach der Wiedervereinigung, wegen der Verwechslungsgefahr mit den Wildecker Herzbuben, einen neuen Namen.

Wir spazieren über das verlassene Gelände des "Prater"-Biergartens. Nur ein paar Häuser weiter ist der Proberaum, in dem Sebastian Krumbiegel mit drei anderen Musikern monatelang geübt hat, um dann sein drittes Soloalbum aufzunehmen. Analog, "ohne irgendwelche Digitaltricks". Denn: "Zusammen macht man einfach besser Musik als allein. Dieser berühmte magische Moment im Aufnahmestudio, der kommt tatsächlich, wenn man da zusammen sitzt." Dass jeder seinen Part für sich einspielt und im Nachhinein alles zusammengefügt und perfektioniert wird - das hätte zu diesem Projekt nicht gepasst, sagt Krumbiegel.

Sieben Tage waren er und die Band im Studio, 13 Lieder haben es in das Album geschafft. Sie klingen nachdenklich, rau, auch sensibel. In "Durch die Nacht" singt Krumbiegel: "Ich beschütz dich, ich bewach deine Träume. Ich bin immer bei dir, ganz egal, was du auch machst. Ich bring dich durch die Nacht." Texte sind ihm wichtig. Er schreibt eigentlich ständig, 30 bis 40 unveröffentlichte Lieder hat er noch im Block. Musik - für ihn vor allem ein Gefühl. Text - eine Haltung, eine Positionierung, eine Meinung.

"Tempelhof" heißt das neue Album, benannt nach dem Ort, an dem es entstanden ist, im Candy Bomber Studio in Berlin-Tempelhof. Seit Anfang März sind "Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren" damit auf Deutschlandtour, am 23. März spielen sie im Frannz Club in der Kulturbrauerei.

Trotz Prinzenpause - über mangelnde Beschäftigung kann Krumbiegel sich offenbar nicht beschweren. Gerade erst, kurz vor Beginn der Tour, war er noch sechs Tage in Mali, um dort ein Hilfsprojekt für sogenannte Boatpeople, Menschen, die auf oft schrottreifen Kähnen von Afrika nach Europa wollen und dabei ihr Leben riskieren, zu besuchen. Schon seit längerer Zeit beschäftigt er sich mit dem Thema, hat ein Buch mit Flüchtlingsschicksalen veröffentlicht.

In New York hatte Sebastian Krumbiegel einen Schweizer Hotelier kennengelernt, der sich dieser Menschen angenommen hat und den Sänger einlud, sich das mal anzusehen. Von der malischen Hauptstadt Bamako aus fuhren die beiden durch Mauretanien und Westsahara den Weg der Flüchtlinge zur Nordküste Afrikas ab. Auf seiner Web-Seite schrieb Sebastian Krumbiegel damals seine Gedanken nieder: "Natürlich ist es keine Lösung, alle Hungernden, alle Verfolgten, alle Notleidenden nach Europa, nach Deutschland zu holen - das ist praktisch unmöglich, und es würde zu unabsehbaren Konflikten führen. Die längerfristige Lösung wäre, sich darum zu kümmern, dass diese Menschen keinen Grund mehr haben, ihre Heimat zu verlassen."

Armut, Verteilungsgerechtigkeit, das Leben von Industrienationen "auf Kosten der sogenannten Dritten Welt" - auch bei unserem Spaziergang spricht er über diese Themen. Sebastian Krumbiegel hat eine Meinung. Und die sagt er in seinen Liedtexten genauso wie in Interviews und Gesprächen.

 

Du musst ein Schwein sein in dieser Welt ...

 

Du musst gemein sein in dieser Welt ...

 

Denn willst du ehrlich durchs Leben geh'n ...

 

Kriegst 'nen Arschtritt als Dankeschön ...

 

1995 hatte er das geschrieben. "Aber irgendwie ist es doch wieder hochaktuell, oder?", findet Sebastian Krumbiegel. Er singt für Gerechtigkeit. Und er guckt sich die Dinge, über die er spricht und schreibt, gern vor Ort an. Zum Beispiel in Mali. Oder in Vietnam. Da war er im Sommer 2008, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein Teil im Süden des Landes seit dem Krieg noch immer vermint ist.

In etlichen Initiativen engagiert er sich außerdem gegen Rassismus und rechte Gewalt in Deutschland, im Mai 2009 wurde Krumbiegel von der SPD-Fraktion des Sächsischen Landtags nominiert, als Mitglied der Bundesversammlung den Bundespräsidenten mitzuwählen. Anfang diesen Jahres gründete er das rot-rot-grüne Institut Solidarische Moderne.

Sebastian Krumbiegel ist in der DDR groß geworden. Als junger Erwachsener ging er in Leipzig zu den Montagsdemonstrationen, protestierte gegen das politische System. "Damals habe ich gelernt, dass es möglich ist, etwas zu verändern", sagt er, als wir vom menschenleeren Biergarten zurück auf die Kastanienallee treten. "Die Leute in Leipzig haben es geschafft, ein System zum Stürzen zu bringen."

Er selbst sei auch heute noch Anhänger des "zivilen Ungehorsams". Demonstrationen, Sitzblockaden, spontane Konzerte - ob beim G-8-Gipfel in Heiligendamm, dem Jugendfestival "Leipzig. Courage zeigen" oder dem Gedenken an die Bombardierung Dresdens - Sebastian Krumbiegel ist an vorderster Front dabei. Immer auf der politisch linken Seite, immer friedlich. "Mülltonnen oder Polizeiautos anzünden - so weit würde ich niemals gehen", sagt er. Sein Mittel ist der Sitzprotest, denn: "Mich soll erst mal jemand wegtragen." Er lacht und guckt an sich herunter. Ein kleines Bäuchlein wölbt sich über der Jeans. Oft sind die Anlässe, deretwegen er demonstriert, alles andere als lustig. "Letztes Jahr in Dresden", erinnert er sich, "das war richtig gruselig: 6000 Nazis sind da langmarschiert mit ihren Fahnen und allem Drum und Dran. Da denkst du echt, das kann doch nicht sein." Er schüttelt den Kopf. In diesem Jahr schafften es die linken Gegendemonstranten, unter ihnen auch Sebastian Krumbiegel, die Rechtsextremen an ihrem Marsch durch Dresden zu hindern. Für ihn ein erhebender Moment. "Dass die da wieder abhauen mussten - großartig!"

Der demokratische Rechtsstaat, in dem wir leben, ist etwas Gutes, sagt er, etwas Wertvolles, denn Willkür gibt's nicht mehr seit dem Ende der DDR. Ob er im Herzen ein Weltverbesserer sei? Ach, sagt er. Weltverbesserer, das klingt so nach Spinner. Doch er weiß, dass er Menschen erreicht und nutzt die Aufmerksamkeit um seine Person. Sein Privatleben hingegen hält er bedeckt. Niemals würde er eine Homestory à la Boris Becker machen, sagt er, niemals Baby- oder Hochzeitsfotos an die Boulevardpresse verkaufen. Nur so viel erzählt er: Mit seiner Frau und den beiden Kindern, elf und 14 Jahre alt, lebt er noch immer in Leipzig.

Die Kinder singen im Gewandhaus-Kinderchor und waren gerade auf Konzertreise in Israel. Ein israelischer Kinderchor war vorher zu Besuch in Leipzig gewesen. Gemeinsam führte man die Kinderoper "Brundibár" auf, erst in Deutschland, dann in Israel. "Die erzählen noch immer mit leuchtenden Augen davon", sagt Sebastian Krumbiegel. Die erste Auslandsreise ohne Eltern vergisst man nie, das weiß er.

1966 in Leipzig geboren, wuchs Sebastian Krumbiegel mit Schwester und Bruder in einem gutbürgerlichen Haushalt auf. Seine Großmutter Philine Fischer war in der DDR eine bekannte und erfolgreiche Opernsängerin. Während der Schulzeit fing auch er mit dem Gesangsunterricht an, im renommierten Leipziger Thomanerchor sang er die Sopran- und Altstimme. Weil der Chor zu Konzerten ins Ausland reisen durfte, stand Sebastian Krumbiegel eines Tages, da war er gerade mal elf, in Japan auf der Bühne. "Ein irres Erlebnis", sagt er. Die Leidenschaft fürs Reisen blieb. Vom ersten Geld, das er mit den Prinzen verdiente, flog er nach Kalifornien, dann nach Indien und Nepal.

Mit den Thomanern in Japan

Mit der DDR, sagt Sebastian Krumbiegel, verbinde er aber vor allem eine schöne, auch privilegierte Kindheit. Im Hause Krumbiegel gab es viele Bücher und einen Flügel im Wohnzimmer. Es wurde klassische Musik gehört, zwei Stunden am Tag Bach gesungen und viel diskutiert. Sich gegen Dinge aufzulehnen, die ungerecht sind - dieses Recht zu haben, damit sei er groß worden. Vom Unrecht des SED-Regimes blieb die Familie weitgehend verschont. Nur einmal bekamen auch die Krumbiegels dessen Macht zu spüren: 1968, als die Paulinerkirche im Zentrum Leipzigs auf Beschluss der Stadtverwaltung gesprengt wurde, obwohl sie den Krieg beinahe unbeschadet überstanden hatte, schrieb sein Vater, ein Wissenschaftler, Beschwerdebriefe. Einige Zeit später wurde er ohne Begründung aus der Forschung in die Produktion versetzt. In den Stasi-Akten habe die Familie später gelesen, dass diese berufliche Degradierung unmittelbar mit seinen Beschwerden zu tun hatte, erzählt Sebastian Krumbiegel.

Immer, wenn er jetzt gegen etwas protestiert, muss er daran denken. Und an ein Erlebnis, das seine Großmutter in der Reichspogromnacht 1938 hatte. Aus der Straßenbahn heraus habe sie damals am Leipziger Zoo gesehen, wie Menschen mit gelben Sternen an den Jacken ins Flussbett der Parthe getrieben und mit Lkws weggebracht wurden, erzählte sie ihrem Enkel später. Die Leute in der Straßenbahn hätten sich allesamt umgedreht und in die andere Richtung geguckt. "Die wollten es nicht sehen!", sagt Sebastian Krumbiegel. Er will es anders machen. Er will nicht wegsehen.

Leipzig ist seine Heimat geblieben, auch wenn er oft in Berlin zu tun hat. "Der große Vorteil von Leipzig ist der, dass man schnell in Berlin ist", sagt er und zwinkert. Aber sein Zuhause ist die klassische Musik. Das sei wie zweisprachig aufwachsen, sagt er. Das Werk von Johann Sebastian Bach - für ihn wie eine Sprache, die er fließend beherrscht. Auch seine Geschwister sind Musiker, die Schwester Oratoriensängerin, der Bruder Chorleiter. Auch sie leben weiter in Leipzig. Sebastian Krumbiegel schwärmt. Diese wunderschöne weltoffene Stadt, in der die Menschen nett und nicht ganz so cool seien wie in Berlin, nicht so affektiert wie auf der Castingallee im Sommer. Aber, sagt er, irgendwie ist das ja auch schön, diese andere Welt manchmal zu haben.

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