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Berliner Spaziergang

Der Herr der Schulbücher

Wiedersehen macht Freude! Bei dem Sonntagsspaziergang mit Wolf-Rüdiger Feldmann, dem Geschäftsführer des traditionsreichen Berliner Schulbuchverlags Cornelsen, treffe ich zwei alte Freunde aus meiner frühen Schulzeit wieder:



Die beiden schon etwas betagten Herren heißen Peter Pim und Billy Ball. Sie waren die Helden in meinem ersten "Englisch-Lehrbuch für Jungen und Mädchen". In West-Berlin und in der alten Bundesrepublik kam kein Schüler an Peter und Bill vorbei. Die beiden Jungs machten uns nahezu spielerisch mit der englischen Sprache vertraut.

Erste Lektion: "My name is Peter Pim. I speak English. You speak German. You learn English. I teach you English..." Und dann stellte Peter seinen Kumpel Billy Ball vor und "my parents Mr. and Mrs. Pim".

Wolf-Rüdiger Feldmann, seit 35 Jahren im Verlag und seit 1984 immer in leitenden Positionen tätig, spricht voller Begeisterung: "Das war einer der ersten Bestseller in Deutschland nach dem Krieg und brachte es auf 1,5 Millionen Exemplare!" Die Figuren zu dieser spektakulären Publikation stammten aus der Feder der ersten Frau des Verlegers, Hildegard Cornelsen. So hielten sich die Kosten für das Buch in Grenzen. "Franz Cornelsen war eine starke Persönlichkeit. Er lebte sehr bescheiden, kam noch im hohen Alter meis tens mit dem Fahrrad in den Verlag, der seinen Sitz in der Mecklenburgischen Straße hat. Nach dem Desaster der beiden Kriege und der folgenden internationalen Isolation Deutschlands war ihm klar, dass man nur mit Fremdsprachen die Tür in die Welt würde öffnen können. Mit Englisch fing er an, und er war es auch, der für Englisch als Pflichtfach an den Schulen kämpfte - mit Erfolg."

Die Cornelsen-Verlagsgruppe ist der Gigant in der Branche. Der Katalog allein enthält rund 15 000 Titel und ist dicker als ein Versandhauskatalog. Mehr als 400 Millionen Umsatz in der Gruppe, etwa 15-mal mehr als der gerade nach Berlin subventionierte Suhrkamp Verlag...

Für gewöhnlich schlagen unsere Spaziergänger Berlins Mitte als Ausgangspunkt zum Flanieren vor. Feldmann wählte eine Route in Kladow aus und sagte zu mir bei unserer telefonischen Absprache: "Sie glauben ja nicht, wie schön Berlin am Wasser ist. Lassen Sie sich überraschen." Na, da war ich als geborener Berliner doch gespannt, was er so zu bieten hat. Und tatsächlich: Er zeigte mir ein Paradies, das ich noch nicht kannte. Wenn man von der Dampfer-Anlegestelle am Imchenplatz die Imchenallee (Imchen heißt die kleine naturgeschützte, unbewohnte Insel vor dem Westufer der Havel) entlang Richtung Gutspark Neu-Kladow läuft, ist man verzaubert.

Ein Berliner aus Bielefeld

Feldmann lebt seit Jahrzehnten in Berlin und fühlt sich als Berliner. "Geboren bin ich in Bielefeld", erzählt er. Menschen, die dort das Licht der Welt erblickten, meinen meistens, sich irgendwie entschuldigen zu müssen. Feldmann nicht. Bielefeld ist zwar keine europäische Metropole, aber eine nette Stadt mit hohem kulturellen Angebot und kann auf zwei große Söhne verweisen: Mike Krüger und Gerhard Schröder. Intellektuelle nehmen Bielefeld eher als Spaßfaktor zur Kenntnis. Seit Mitte der 90er-Jahre kursiert die so genannte "Bielefeldverschwörung" durch die Szene und lange auch schon durchs Internet. Da wird dann satirisch behauptet, dass Bielefeld der heimliche Eingang zu Atlantis sei. Andere meinen, dass die Stadt überhaupt nicht existiert (in der 1. Fußball-Bundesliga kommt sie ja tatsächlich schon nicht mehr vor)...

Mein Spazier-Bielefelder jedenfalls hat Humor und ist amüsiert über die schrulligen Verschwörungstheorien, die seine Geburtstadt betreffen. Zum Lachen ist ihm aber nicht zumute. Dafür ist die Bildungslage in Deutschland auch viel zu ernst. "Bildung müsste Priorität haben in unserem Land", sagt Feldmann, "aber unter den jetzigen Umständen können Lehrer nur noch den Mangel verwalten. Ich habe allergrößten Respekt vor der Leistung von Lehrern, die in unserem maroden Bildungssystem noch retten, was zu retten ist. Und leider gibt es keine Hinweise darauf, wann und wie sich die Lage verbessern wird."

"Wie sind Sie eigentlich auf Kladow gekommen, wohnen Sie hier?" "Nein", sagt Feldmann, "ich liebe nur die Wasserlandschaft in Berlin und drum herum. Habe eine gewisse maritime Veranlagung. Als Kind habe ich gesegelt, dann später die Liebe zum Windsurfen entdeckt - und jetzt habe ich ein kleines Boot am Stößensee und schau vom Wasser aus auf dieses Ufer hier. Ich finde, die ganze Ecke hier mit dem Hafen und den diversen Gartenrestaurants hat bei schönem Wetter fast mediterranen Charakter. Ich wohne übrigens mit meiner Frau und unserem Sohn in Wilmersdorf in der Nähe vom Kurfürstendamm. Normale Altbau-Wohnung, vier Treppen ohne Fahrstuhl. Das hält fit, aber beim Kauf von Getränken überlegt man schon hin und wieder, ob nicht ein Lieferservice seinen Reiz hätte..."

Der Mann sieht drahtig aus, engagiert sich im Motorsport. Ist bis vor zwei Jahren noch aktiv Off-Road-Rennen in der Region gefahren. Als Motorradfahrer entdeckt er mit seiner BMW GS 1200 Berlin und Brandenburg zu Lande.

Ich entdecke auf der Imchen-Allee links einen Waldweg, der nach Mascha Kaléko benannt ist. Dieser Weg ist eigentlich ein Nichts. Links nur Wald, recht nur Zäune. 1995 hat das Bezirksamt die frühere "Straße 179" der jüdischen Lyrikerin (1907 - 1975) gewidmet. Gewürdigt werden sollte damit die Liebe der stillen Dichterin zur Havellandschaft. 18 Sommer lang hat sie hier gern geweilt, mit den Spatzen geschwatzt, nachts den Mond ausgetrunken und ihre Liebeskummer-Gedichte geschrieben. So einen öden Trampelpfad hat sie eigentlich nicht verdient. Die jüngste Errungenschaft in der weit verzweigten und großen Cornelsen-Gruppe mit ihren 20 Verlags-Töchtern ist der Verlag Bibliographisches Institut, das den Duden herausbringt. Seit wenigen Tagen wird dieser Teil des Verlages (Brockhaus wechselte zu Bertelsmann) von der Cornelsen Verlagsholding in Berlin geführt, so dass man durchaus sagen kann: Der Duden ist jetzt ein Berliner!

"Der Duden passt einfach gut zu uns und ist eine ideale Ergänzung, eine Marke mit bester Reputation und hoher Leistung", schwärmt Feldmann, dem es wichtig ist, dass die Cornelsen-Gruppe auf Wunsch des Verlegers eine Familien-Stiftung ist. "Das hat den Vorteil, dass wir ein völlig unabhängiges Unternehmen sind. Gewinne werden intern angesammelt und fließen wieder zurück in die Verlage. Die Wertschöpfung bleibt im Unternehmen. Es gibt keine Shareholder, die für sich Gewinne einstreichen. Eine kluge Entscheidung war das vom Verlagsgründer", sagt Feldmann stolz.

Franz Cornelsen war es übrigens auch, der als Erster schon in den 50er-Jahren den ökologischen Gedanken an die Schulen brachte. Mit den nach ihm benannten Cornelsen-Bögen lernten die Schüler, wie wichtig der Umgang mit den Ressourcen ist, und dass das Thema Umwelt jeden angeht. Ein weitsichtiger Mann, der sein Verlagshaus in den 70er-Jahren unter ökologischen Aspekten errichten ließ und dafür auch einen Umweltpreis erhielt. Auch der Ergänzungsbau (Haus 2) ist vor drei Jahren nach dem neuesten ökologischen Stand gebaut worden und ist mit dem BUND Umweltpreis ausgezeichnet worden. Man verzichtete auf die Bazillenschleuder Klimaanlage. Das Klima ist auch so gut...

Feldmann, der Herr der Schulbücher, räumt ein, selbst kein herausragender Schüler gewesen zu sein. "Ich hatte ein kritisches Verhältnis zum System Schule", erzählt er. Eigentlich wie heute.

Mathematik als Problemfach

Sein Problemfach war Mathematik. Es erscheint ihm noch heute auch als ein didaktisches Problem. "Es ist den Lehrern damals nicht gelungen, unser Interesse zu wecken. Mathe war und ist es ja zuweilen immer noch, in der Vermittlung völlig losgelöst von den Lebenswirklichkeiten. Dabei bestimmt Mathematik unser ganzes Leben. Alles, was wir tun, hat etwas mit Mathematik zu tun. Fahrpläne, Signale, Fahrstühle, das Auto - ohne Mathematik würde nichts funktionieren. Spannend ist das, aber wenn es nicht spannend vermittelt wird... Da muss man doch fragen, warum diese von der Gesellschaft genutzte Disziplin im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt?"

Mein Gott, kann sich der Mann aufregen! Aber immerhin: "So langsam tut sich was auf diesem Gebiet", räumt er ein, "denken Sie nur an das ,Jahr der Mathematik 2008', das unter anderem die Deutsche Mathematiker Vereinigung um Professor Ziegler initiierte und das auf ein großes Medien-Interesse stieß. Unser Verlag hat das Projekt gern mit unterstützt. Mathematik darf kein Angstfach an den Schulen bleiben."

Wir sind jetzt im Gutspark Neu-Kladow, der so nach und nach zur alten Pracht zurückgeführt werden soll. Das 200 Jahre alte Gutshaus gehörte dem Großvater Bismarcks. Es liegt nahezu majestätisch in der Mitte des Parks, der vom von dem bekannten Landschafts- und Gartenarchitekten Erwin Barth (1880 - 1936) gestaltet wurde und von geordneter Ursprünglichkeit ist. Er prägte auch verschiedene Plätze in Berlin, etwa den Savignyplatz, den Brixplatz und den Klausenerplatz, auch den Lietzenseepark (alle in Charlottenburg).

Rechts vom Gutshaus blickt man auf die Havel, kann auf einer der Parkbänke verweilen und zum Beispiel im Longseller "Das lyrische Stenogrammheft" von Mascha Kaléko lesen - "Gedichte aus der Welt der Großstadt". Darin wird viel geliebt, viel verlassen. Die Gefühle einer jungen Frau. Der Leser freut sich mit und leidet mit. Nebenan sitzt eine junge Frau. Sie sieht aus wie..., na ja, die Kaléko sitzt überall, vor allem aber im Herzen.

Nach der Wende hat Cornelsen von der Treuhand den Schulbuch-Verlag der DDR, "Volk und Wissen" gekauft, unter dessen Marke auch heute noch Bildungsmedien entstehen. Feldmann: "Bei aller Kritik an Bildungsmedien der DDR - die Didaktik zum Bespiel im Bereich der Mathematik und der Naturwissenschaften war gut, wenn auch leider durch das System indoktriniert."

Dadurch, dass Schulpolitik Ländersache ist und den Kulturministerien untersteht, bringt jedes einzelne der 16 Bundesländer eigene inhaltliche Vorgaben bei den Inhalten von Schulbüchern ein, die der Verlag zu berücksichtigen hat. Für den Laien bietet sich eine schwer zu überschauende Anzahl von unterschiedlichen Schulsystemen und Schulformen, und es kann sein, dass ein Schulbuch in bis zu zehn verschiedenen inhaltlichen Versionen hergestellt werden muss. Dazu gehört auch - aber das ist das geringste Problem - regionale Beachtung von Namen. Einen Hein wird es in Bayern nicht geben, ebenso einen Alois an der Küste.

Gravierender sind die Folgen nach Landtagswahlen, wenn sich politische Strukturen verändern und ein neues Kulturministerium neue Schwerpunkte setzt und Wünsche äußert. Dass es so schwer ist, ein Schulbuch zu machen, hätte ich eigentlich nicht gedacht. Bei Peter Pim und Billy Ball war es wohl doch noch etwas einfacher

So schlecht kann Feldmann in der Schule übrigens nicht gewesen sein. Er spricht Englisch, Französisch und hat das Große Latinum. Und auf seinem Karriereweg war er meistens der Jüngste in seiner Sparte. Den jungen Leuten von heute empfiehlt er, sich immer weiterzubilden. "Jeder Stillstand

ist ein Rückschritt", sagt er.

"Ich hatte ein kritisches Verhältnis zum System Schule" Wolf-Rüdiger Feldmann Bernd Philipp im Gespräch mit unserem Autor

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