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Er ist 63, hat kaum Falten in seinem sonnengebräunten Gesicht. Aber jung machen ihn vor allem die überaus lebendigen Augen hinter der randlosen Brille. Manche, die jetzt vorbeikommen, werden eines seiner Bücher gelesen haben. Andere einen seiner Kommentare in der Boulevardzeitung "BZ".
Das bringt nicht nur Bekanntheit und Anerkennung. Das führt manchmal auch zu Attacken. In Briefen, in denen er übel beleidigt und/oder auch mal als "unverschämter Verteidiger der Zionisten" beschimpft wird. Früher, sagt er, sei das noch anonym geschehen. "Heute schreiben sie auf ihre Pamphlete sogar den Absender." Aber Pöbeleien gibt es manchmal auch auf der Straße oder wenn er mit der S-Bahn fährt: "Mensch, du bist doch dieser Jude, der diese Artikel schreibt. Pass bloß auf!"
Seligmann nimmt das gelassen. Es kann ihm die Liebe zu dieser Stadt nicht nehmen. "Ich habe Berlin ins Herz geschlossen", sagt er. "Es ist total vielfältig, eben eine richtige Metropole. Da ist nichts fertig, da bewegt sich was." Aber mindestens ebenso wichtig sei ihm die Mentalität der Berliner. "Dieser Werbeslogan: ,Trinkgeld, sonst Schnauze!', das ist treffend. Das ist Berlin. So sind die Leute hier. Man weiß, woran man mit ihnen ist. Das liebe ich. Und so bin ich auch."
Müsste Seligmann einen Fragebogen ausfüllen, könnte er einiges in die Spalte für den Beruf eintragen: Radio- und Fernsehtechniker, Publizist, Journalist, Autor, Ghostwriter, Romancier. Er war auch mal Referent für Außenpolitik der CDU - aber eines wäre für ihn vermutlich nie infrage gekommen: Diplomat. Er ist bekannt für seine spitze Feder, inhaltlich und formal. Seine Manuskripte schreibt er tatsächlich wie in Vorzeiten mit Füllfederhalter auf weißes Papier. Er sei ein Verächter der Political Correctness und langweiliger relativierender Erklärungen, heißt es.
Wer ihm begegnet und sein freundliches Gesicht sieht, wird das zunächst vielleicht gar nicht vermuten. Aber er wird merken, dass dieses Lächeln sehr schnell im Kontrast zu seinen rigorosen Antworten stehen kann: Wenn Seligmann beispielsweise auf die Frage nach Strukturen der Jüdischen Gemeinde genervt erwidert: "Bitte schön, ich bin kein Judenreferent." Oder wenn er das Holocaust-Denkmal als "überflüssig" bezeichnet. Schon weil man einem derart monströsen Verbrechen wie dem Holocaust mit einem Denkmal nicht gerecht werden könne. Und weil es ihm zu eingeschränkt ist. "Es wurden nicht nur Juden ermordet. Es waren Zigeuner betroffen, Kirchenaktivisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialdemokraten. Wenn man es schon erbaut, dann sehe ich nicht ein, warum nur für Juden. Wenn, dann für alle Opfer der Nazis."
Seligmann kritisiert auch das Jüdische Museum, auf das die Berliner Politiker unisono so stolz sind. Die Ausstellung sei ausgezeichnet, lobt er. Aber störend sei die Architektur. Er vergleicht das Museum mit "einem Bunker, der keine Fenster hat, sondern nur winzige Schlitze". Er hätte sich "ein total transparentes Museum gewünscht", sagt er, ein Gebäude, das aus Glas besteht, sodass die Leute hineingucken können. Und am meisten störe ihn, dass das Gebäude die Form eines zerbrochenen Davidsterns habe. "Das stimmt so nicht. Ich finde, der Davidstern ist intakt."
Die Kritik ist typisch für ihn. Natürlich ist er kein "Judenreferent", schon weil es viel zu sehr nach bezahlter Anstellung mit vorgegebener Meinung klingt. Aber er ist mit Leidenschaft ein Juden-Erklärer. Fast alles, was er bislang an größeren Stücken schrieb, hat damit zu tun: mit Transparenz, mit Aufklärung, mit Entmystifizierung. Mit dem Verhältnis zwischen Deutschland und den Juden, das er knapp 1700 Jahre weit gespannt sehen will und "eben nicht nur für diese Zeit zwischen der Reichspogromnacht 1938 und dem Zusammenbruch der Nazidiktatur 1945". Er hat dazu Ende der 90er-Jahre in der Wochenzeitung "Die Zeit" einen aufregenden Essay geschrieben. Mit der These, dass der Antisemit Hitler ja gesiegt hätte, wenn die Juden ihre Identität künftig weiterhin allein aus der Schoah ableiten würden. Bliebe es dabei, auch diese Zuspitzung ist nicht ganz untypisch für Seligmann, würde sich das Judentum "geistig und psychologisch auslöschen".
Seligmanns neuestes Buch erscheint in wenigen Tagen: "Deutschland wird dir gefallen" fügt sich in sein Lebenswerk nahtlos ein. Diesmal jedoch ist es eine Autobiografie. Und sie beginnt mit seiner "ersten Begegnung mit der deutschen Literatur". Geschehen im israelischen Städtchen Herzliya. Es geht um eine hebräische Ausgabe der Grimm'schen Märchen, die er als Achtjähriger mit Spannung gelesen und anschließend einem Nachbarmädchen geliehen hatte. Er bekam das Buch nicht zurück. Es schien verschwunden. Doch eines Tages entdeckte er die Reste auf der Toilette der Nachbarn, fein säuberlich zu Klopapier zerschnitten. Er brüllte vor Wut und Empörung. Und er ließ sich auch nicht durch einen Schlag ins Gesicht von der Mutter des Nachbarmädchens beruhigen. Als sie ihn rauswarfen, trat er die dünne Sperrholztür der Wohnung ein. Und er fühlte sich gut hernach. Er glaubte befolgt zu haben, was ihm seine Klassenlehrerin auf den Weg gegeben hatte und was er so auch heute noch sagt: "Nach Auschwitz darf ein Jude sich nie wieder ohnmächtig zeigen. Wenn man uns etwas antut, müssen wir uns wehren."
Aber das Buch geht dann eben noch weiter und erzählt die Lebensgeschichte des deutschen Juden Rafael Seligmann, der nicht ohnmächtig, sondern sehr lebendig ist und permanent unbequem. Entsprechend ist die Reaktion. Da fallen dann auch schon Worte wie "Nestbeschmutzer", wenn er in seinen Büchern ganz normale, manchmal überaus ehrgeizige, manchmal willensschwache, oft auch sehr sinnliche Menschen beschreibt - die jüdischer Herkunft sind. Wenn er schlicht resümiert: "Juden sind auch keine besseren Wesen. Sie ließen sich töten, weil sie keine Waffen hatten. Aber sie haben jetzt gelernt, sich zu wehren."
In der Krausnickstraße passieren wir das Haus Nummer 22. Hier wuchs Seligmanns Mutter Hannah auf. Vermutlich hat er auch deswegen so eine große Affinität zu diesem Viertel. Hannah selbst ist nie wieder hergekommen, nachdem sie 1933 nach Palästina geflohen war. Letzter Anlass war damals eine Szene in der Straßenbahn. Hannah sah, wie SA-Leute einen älteren Juden verprügelten und schließlich aus dem Waggon warfen. "Ihre Liebe zu Berlin ist dennoch immer geblieben", sagt Seligmann. Wenn er, aufgewachsen im Städtchen Herzliya, vom großen prächtigen Tel Aviv schwärmte, hatte sie abgewinkt und gesagt: "Ach, Tel Aviv, das ist ja lächerlich klein, da müsstest du Berlin mal sehen." Und sie habe von den großen Häusern erzählt und den breiten Straßen. Und von den Opern und den Museen. Und vom Monbijouplatz, nur einen Steinwurf von ihrem Wohnhaus entfernt, wo sie als Kinder herumtoben konnten. Ausgespart in diesen Erzählungen blieben die Menschen. "Sie hat die Deutschen gehasst, sie waren in ihren Augen Mörder", erinnert sich Seligmann. Und fügt leise hinzu, dass nur einer ihrer Brüder, der rechtzeitig in die USA emigrieren konnte, die Nazizeit überlebt habe. "Alle anderen Mitglieder der großen Familie, Väter, Mütter, Kinder, Enkelkinder, alle anderen wurden ermordet."
Von der Krausnickstraße führt der Weg in die Oranienburger Straße. Passanten kommen uns entgegen. Eine Straßenbahn quietscht. Ein paar Schritte weiter reckt sich der prächtige Bau der Neuen Synagoge. Mutter Hannah ist hier einst zum Gottesdienst gegangen. Damals, als es noch eine Synagoge war, die teuerste und prächtigste in Europa und mit 3000 Sitzplätzen auch die größte. Heute befindet sich nur noch im Turm ein kleiner Gebetsraum. Die anderen Räume werden für Ausstellungen genutzt. "Es ist nur noch ein Museum, genau genommen ein Potemkinsches Dorf", urteilt Seligmann. Aber er mag ihn auch, den Prachtbau mit der goldenen Kuppel, der für viele Touristen zu den Top Ten der Berliner Fotomotive zählt. "Dieser Davidstern auf der Spitze gehört zu Berlin", sagt er zufrieden. Und die Neue Synagoge zeige, "dass das Judentum auch architektonisch ein Teil dieser Stadt war, wie sehr es von der Stadt beeinflusst wurde und wie sehr es die Stadt beeinflusst hat". Bestes Beispiel sei das nur wenige Meter entfernte Postfuhramt. "Das ist ja auch in diesem Stil erbaut worden, obwohl es kein sakraler Bau, sondern einfach ein Postamt war."
Unser Spaziergang führt weiter in die Tucholskystraße. Im Haus Nummer 9, dem Leo-Baeck-Haus, hat der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen Sitz. Seligmann mag diese Bezeichnung nicht. Weil sie immer noch suggeriere, dass die Juden Zugewanderte seien, Menschen, die unterwegs sind. "Aber wir sind ja angekommen, wir sind Teil dieser Gesellschaft." Deswegen plädiere er für eine Umbenennung in "Zentralrat der deutschen Juden".
Auch Seligmann sieht sich als Zugewanderter. 1957 kam er als Zehnjähriger mit seinen Eltern aus Israel nach Deutschland, nach München. Seligmann erzählt das sehr detailliert in seinem neuen Buch: Dass er faul in der Schule war und sich zunächst mit einem Realschulabschluss und einer Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker begnügte. Dass er dann das Abitur auf einem Kolleg, einer Art Abendschule, nachholte und anschließend Politische Wissenschaft und Geschichte studierte. Kurzum, dass er seinen Weg machte als Zugewanderter. "Aber ich hatte einen Vorteil gegenüber anderen Zugereisten", sagt er - schon in Israel hätten die Eltern mit ihm Deutsch gesprochen. Und mangelnde Sprachkenntnisse seien ja zumeist auch einer der wichtigsten Gründe für mangelnde Integration.
Wir laufen jetzt durch die Ziegelstraße, biegen in die Monbijoustraße ein, werfen vorher einen Blick zur Museumsinsel und zur Spree. "Hier bin ich unheimlich gern", sagt Seligmann. Aber ein anderes Stichwort ist längst gesetzt. Es war schon vor dem Spaziergang klar, dass Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin gedanklich irgendwann unseren Weg kreuzen würde. Schon weil es interessant war zu erfahren, wie der Querdenker Seligmann den Fall sieht. Er verteidigt Sarrazin: "Es ist doch Blödsinn zu behaupten, der sei ein Ausländerfeind." Und er lobt dessen Buch: "Eine sehr treffende Zustandsbeschreibung." Es sei ja einfach so, und da helfe auch "kein Drumherumreden, dass ein Großteil der Zuwanderer aus der Türkei und dem arabischen Raum bei ihren Kindern und Jugendlichen nicht genügend Sorgfalt auf die Ausbildung legt. Und jeder weiß, dass sich nicht wenige außerhalb der deutschen Gesellschaft stellen." Auf das Juden-Gen angesprochen, winkt Seligmann lächelnd ab. "Das ist natürlich alles ein Quatsch." Aber Sarrazin habe sich dafür ja auch längst entschuldigt. "Man darf das nicht biologisch erklären. Intelligenzforschung belegt, dass jeder eine Chance hat. Entscheidend sind Förderung und die eigene Anstrengung."
In der Großen Hamburger Straße kommen wir an der jüdischen Oberschule vorbei. Auch sie wird, wie zuvor schon die Synagoge und das Leo-Baeck-Haus, streng bewacht. Sein ältester Sohn sei hier zur Schule gegangen, erzählt Seligmann. Das war 1998, als Seligmann beschloss, aus dem "geputzten, langweiligen, selbstgerechten München" in das "spannende, unfertige Berlin" zu ziehen. Zuvor hatte er auf der Frankfurter Buchmesse eine Lektorin kennengelernt. Lily, elf Jahre jünger als er, evangelisch getauft. Eine Frau, die ihm fortan nicht mehr aus dem Sinn ging und mit der er seit Juli 1997 verheiratet ist. Beide wohnen jetzt in Wilmersdorf. "Wir sind der beste Beweis, dass die Symbiose zwischen den Juden und Christen funktionieren kann", sagt Seligmann. "Auch im Bett, das können Sie ruhig so schreiben."
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