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Berliner Spaziergang

Der Hüter des weißen Goldes

Es ist seine Straße. Auch wenn er hier nicht ganz passend wirkt in seinem teuren Anzug, der Perlennadel an der rosafarbenen Krawatte, dem Einstecktuch und den handgefertigten Schuhen. Aber hier ist er aufgewachsen, der Bankier Jörg Woltmann, der Retter der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM), der bekennende Berliner. Und genau darum beginnen wir an diesem etwas trist wirkenden Ort auch unseren Spaziergang.



Es ist die Paulstraße in Moabit. Eine kurze Tangente, die Berlins Licht- und Schattenseiten verbindet. Wenige Schritte entfernt in nördlicher Richtung befindet sich der mächtige, mit Stacheldraht und stählernen Toren gesicherte Bau des Gefängnisses Moabit. Auf der südlichen Seite, in etwa gleichem Abstand, reckt sich in heller Pracht das Schloss Bellevue, der Amtssitz des Bundespräsidenten.

Woltmann hat in der Paulstraße 19 das kleine Abc der Betriebswirtschaft gelernt. Jeden Abend, wenn die Mutter beim Essen über ihre Firma sprach. Eine starke Frau, die ihre beiden Söhne allein aufzog und sich gleich nach dem Krieg "selbstständig gemacht hat in der Damenoberbekleidungsbranche", wie Woltmann es beschreibt. Er spricht sehr nüchtern, kalkuliert, mit möglichst druckreifen Sätzen. Ein Mann, der sich, so scheint es, immer unter Kontrolle hat, dabei mit seiner ruhigen Ausstrahlung sehr verlässlich wirkt und von dem man, wie es so schön heißt, durchaus auch gebrauchte Autos kaufen würde. Aber dazu ist es nie gekommen. Der 63-Jährige hat zwar eine Affinität zu Gebrauchtwagen, aber lediglich zu den kostbaren, zu denen, die Oldtimer genannt werden. Woltmann besitzt mehrere, findet aber selten Zeit, eines dieser Gefährte durch die Gegend zu steuern. Er spielt auch kaum noch Golf, fährt nur an wenigen Tagen im Jahr in den Urlaub - und wenn, dann vor allem, um etwas für seine Familie zu tun. Nein, ihm fehle da nichts, sagt er. "Bei mir hat der liebe Gott den Freizeitchip nicht eingebaut. Für mich sind Arbeit und Freizeit eins."

Jörg Woltmann und sein drei Jahre älterer Bruder Frank wurden von der Mutter damals auch sehr praktisch in die Geschäfte einbezogen. Der Bruder fuhr mit dem Fahrrad Lieferungen aus. Woltmann brachte schon als kleiner Junge Schecks zur Bank. Ja, er glaube schon, dass es so etwas wie "Unternehmerblut" gebe, beantwortet er meine Frage. "Wenn man Unternehmereltern hat, dann sitzt das Unternehmen immer mit am Tisch. Man kann es nicht trennen, es gehört zum Leben dazu."

Und dann gab es noch etwas in dieser Wohnung in der Paulstraße, das sich durchaus prägend auf das Leben des Jörg Woltmann und letztlich auch zum Vorteil dieser Stadt auswirken sollte: das Service Kurland der Königlichen Porzellan-Manufaktur, das in der KPM noch heute ein Dauerbrenner ist und das sonntags von der Mutter aufgetragen wurde. Als kleiner Junge fand Woltmann es schon deswegen toll, weil er es nicht abräumen und erst recht nicht abwaschen durfte. Später, erinnert sich Woltmann, sei bei ihm "dann auch der Sinn für die Ästhetik dieses kostbaren Geschirrs" hinzugekommen. Er selbst habe sich dann ebenfalls KPM-Porzellan gekauft, nachdem er die erste eigene Wohnung bezog. "Ich fand es einfach schön. Da war ich aber noch nicht Liebhaber oder Sammler, heute bin ich beides."

Jüngster Chef einer Privatbank

Als ich anmerke, dass zwischen dem Auszug aus der Wohnung und dem Kauf eines eigenen teuren KMP-Services wohl doch einige Zeit vergangen sei, nickt er. Aber sehr lange kann es dann doch nicht gedauert haben. Woltmann war ein Senkrechtstarter. Ein junger Mann, der schon sehr früh ein Gespür für verlässliche Partner und ertragreiche Geschäftsideen hatte. Und der auch in der Lage war, sie umzusetzen. Ein bisschen Glück gehörte natürlich auch dazu. Bei ihm war es die Partnerschaft mit seinem väterlichen Freund Siegfried Stange, mit dem er, nach Banklehre und Studium der Betriebswirtschaft, zunächst eine Firma für Finanzdienstleistungen aufbaute. 1979 gründeten sie die Allgemeine Beamtenkasse Kreditbank (ABK). Woltmann war damals gerade mal 32 Jahre alt, der jüngste Inhaber einer Privatbank in Deutschland überhaupt. Die Idee: Die ABK richtete sich vor allem an Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und bot ihnen Darlehen zu günstigen Konditionen an. Das reduzierte zwar die Gewinnmarge, steigerte aber die Gewinnaussichten, weil öffentlich Bedienstete bekanntermaßen sichere Arbeitsplätze haben und in der Lage sind, ihre Raten zu tilgen. So wurden in der Bank schon nach kurzer Zeit schwarze Zahlen geschrieben.

Nach dem Tod seines Partners 2006 wurde Woltmann Alleineigentümer. Die Bank hat heute etwa 100 000 Kunden, erwirtschaftet einen jährlichen Nettogewinn von rund sechs Millionen Euro. Ein gutes Polster also, um sich an anderen Geschäften zu beteiligen und das Geld zu mehren - möglichst ohne großes Risiko. Woltmann indes, er beschreibt sich als "Banker mit Leib und Seele", wählte einen anderen, vielleicht etwas unsichereren und wohl auch unbequemeren Weg. Und er stieß damit bei so manchem Geschäftsmann auf Unverständnis. Zumindest am Anfang.

Unser Spaziergang führt uns durch die Straße Alt-Moabit, hin zur Gotzkowskybrücke. So hieß sie schon, als Woltmann in dieser Gegend aufwuchs, damals aber noch nicht einmal im Traum daran dachte, einmal so etwas wie ein Nachfolger Ernst Gotzkowskys zu werden. Der 1775 verstorbene Kaufmann gilt als Wegbereiter der KPM. Auch wenn er es nicht ganz freiwillig tat. 1760 eröffnete er die erste Berliner Porzellanmanufaktur an der Leipziger Straße, geriet jedoch wegen anderer Geschäfte in finanzielle Bedrängnis und sah sich drei Jahre später gezwungen, die Manufaktur wieder abzugeben. Friedrich der Große, der schon lange neidvoll nach Sachsen zur Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur blickte, erstand sie für 225 000 Taler. Fortan gab es auch in Berlin eine Königliche Porzellan-Manufaktur. Nach dem Untergang der Monarchie 1918 wurde sie in Staatliche Porzellan-Manufaktur umbenannt und als Landesunternehmen der Stadt Berlin weitergeführt. Glücklos jedoch und zumeist ohne geschäftliche Kompetenz. Für den Senat war es ein lästiges Subventionsobjekt. 2004 sollte dann ein Schlussstrich gezogen werden: Entweder es findet sich ein Käufer, hieß es in der Finanzverwaltung, oder die KPM geht pleite. Und es gab dann wirklich einen Käufer. Einen sehr honorigen und - so schien es zumindest - äußerst passenden sogar: Franz Wilhelm von Preußen kaufte die Manufaktur für drei Millionen Euro. Bezahlt wurde mit Fremdkapital. Und begleitet wurde diese Finanzierung auch von Woltmanns Bank. Doch dem Urenkel des letzten deutschen Kaisers fehlte ein schlüssiges Konzept. Zwar gab es den werbeträchtigen Namen Königliche Porzellan-Manufaktur, doch die Ware verstaubte in den Regalen und wurde teilweise zu Dumpingpreisen verhökert. Sieben Monate später stand die KPM erneut vor dem Ruin.

Woltmann spricht heute von der "schwierigsten unternehmerischen Entscheidung meines Lebens". Er wollte die KPM "auf keinen Fall sterben lassen". Experten rieten ihm, die Manufaktur erst in die Insolvenz gehen zu lassen, dann könne er sie immer noch für vergleichsweise wenig Geld erstehen. Ein betriebswirtschaftlicher Kniff. Aber das wollte er nicht. Die Tradition der KPM, deren Produkte ihr Renommee ja auch in geschäftlich schlechten Zeiten nie verloren hatten, sollte durch eine Insolvenz nicht beschädigt werden. "Das kam für mich nicht infrage", sagt er. "Die KPM ist ja keine Konservenfabrik." Er hatte schlaflose Nächte, beriet sich mit seiner Familie. Es gab nur eine Woche Bedenkzeit - wenig Zeit für eine derartige Investition. "Am Ende habe ich mir gesagt: Bevor ich jemanden erst überzeugen muss, mache ich es gleich selbst", erinnert er sich. Und so kaufte er die KPM, bevor Insolvenz angemeldet werden musste, auch wenn sie dadurch weitaus teurer war. "Da war sehr viel Herzblut dabei. Aber ich habe an das Unternehmen auch ganz fest geglaubt."

Wir haben inzwischen den Ernst-Reuter-Platz erreicht. Und wie die Gotzkowskybrücke wurde auch dieser Platz für unseren Spaziergang von Woltmann nicht ganz zufällig gewählt. Er bekäme heute noch eine Gänsehaut, sagt er, wenn er den legendären Appell des SPD-Bürgermeisters in Dokumentaraufnahmen höre: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt ..." Das war im September 1948. Woltmann war anderthalb Jahre alt, geboren im Krankenhaus Moabit. Und er hat die Stadt seitdem auch nie für längere Zeit verlassen. "Ich bin noch ein richtiger, waschechter Berliner", sagt er, "habe zu dieser Stadt immer gestanden, war auch unternehmerisch nur hier tätig und bin nie rausgegangen. Berlin ist eben Berlin - und mit keiner Stadt der Welt zu vergleichen."

Diese Liebe zu dieser Stadt hat dann auch sehr viel mit seinen Aktivitäten in Stiftungen zu tun, die sich für die Museen, die Staatsoper oder auch Tierpark und Zoo engagieren. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) lobte ihn im Januar, als er Woltmann das Bundesverdienstkreuz am Bande überreichte, als einen "Unternehmer alter Schule". Und es lässt sich in diesem Kontext nachvollziehen, wenn Woltmann den Kauf der KPM etwas pathetisch als "eine Verpflichtung" beschreibt. "Ich wollte meinen Beitrag leisten, dieses Kulturgut für Berlin zu erhalten."

Demut vor den Künstlern

In Wirtschaftskreisen hat Woltmann als erfolgreicher Banker schon lange einen guten Namen. Wenn er mit seiner Familie auf Festen wie den Ball des Vereins der Berliner Kaufleute von Reportern fotografiert wird, steht hernach in den Bildtexten: "KPM-Retter Jörg Woltmann" oder auch "KPM-Chef Woltmann". Nie jedoch: Jörg Woltmann, alleiniger Aktionär der Allgemeinen Beamtenkasse. Gefällt ihm diese neue Bekanntheit? Steht er gern auch mal im Mittelpunkt? "Ich brauche das nicht, aber es gehört dazu", erwidert er diplomatisch. Ein Gewinn sei für ihn aber auf jeden Fall die Arbeit in der KPM. "Ich bin begeistert von dem, was hier geleistet wird", sagt er. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, "mit welchem Aufwand und mit welcher handwerklichen und künstlerischen Kompetenz" hier gearbeitet werde. "Ich gehe mit einer großen Hochachtung und Demut durch die Manufaktur und sehe, was unsere Mitarbeiter hier leisten."

Woltmann hat dafür den Arbeitstag aufgeteilt. Vormittags geht es in die Charlottenburger Wegelystraße zur KPM, nachmittags fährt er zur Bank, die ihren Sitz an der Invalidenstraße in Mitte hat.

In die Manufaktur hat er bislang 30 Millionen Euro investiert. Sein Konzept war immer konservativ. "Keine Sonderverkäufe, keine Outlets. Wir verbieten dem Fachhandel, Rabatte zu geben, ansonsten wird der Vertrag gekündigt. Das ist eine ganz klare Geschäftspolitik." So stärkte er die Marke KPM. Inzwischen gibt es - von Hamburg bis Shanghai - neue KPM-Galerien. Und es werden - von Russland, über Taiwan und die arabischen Emirate - neue solvente Kunden akquiriert. In zwei Jahren, am 250. Jahrestag der KPM, wollen Woltmann und seine 177 Mitarbeiter schwarze Zahlen schreiben.

Unter Woltmanns Ägide entstanden ist auch die von seiner Tochter Sandra-Sophie geleitete KPM-Welt - eine Ausstellungs- und Verkaufshalle mit Manufakturmuseum und Café. An einem der kleinen Tische endet dann auch bei einem Kaffee der Spaziergang. Natürlich wird ausschließlich auf KPM-Porzellan serviert. Woltmann hält seine hauchdünne Tasse ins Licht, nimmt einen Schluck, schließt genießerisch die Augen, sagt: "Sie müssen doch zugeben, dass der Kaffee aus einer KPM-Tasse eindeutig besser schmeckt." Es ist keine Frage, eher eine Feststellung des ultimativen KPM-Enthusiasten. Widerspruch wäre zwecklos.

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