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Die Bonbons gehören doch eigentlich euch, haben sie immer gesagt. Aber Roland Berger lernte eben schon als Kind den Unterschied zwischen fremder Ware und einem Eigentum.
Roland Berger ist heute ein 73 Jahre alter Mann, aber im Laufe des Nachmittags werde ich ihn mir immer wieder als kleinen Jungen oder jungen Mann vorstellen. Nicht nur, weil wir durch die Stadt laufen, in der er auf die Welt kam, also noch ein Baby war. Es sind vor allem die Geschichten, die er erzählt. Sie handeln eben von bunten Fruchtbonbons, von seinen Eltern oder von Lehrern im Gymnasium.
Erzählt hat Roland Berger, Deutschlands wohl berühmtester und erfolgreichster Unternehmensberater, diese Geschichten auf einem Spaziergang durch seine "Lieblingsecke", so zumindest wird der Ort genannt, an dem wir uns immer mit den Spaziergängern verabreden. Oft ist das der Tiergarten, manchmal die Museumsinsel oder das Kottbusser Tor. Roland Berger schlägt als Treffpunkt für den Spaziergang vor: das Kanzleramt. Ein Ort, der mitten in Berlin liegt und eher an ein soeben gelandetes Raumschiff erinnert, das sich jederzeit wieder hinter den Wolken verstecken kann.
Es heißt, Roland Berger kommt immer genau zwei Minuten vor dem Termin zur Tür herein. Exakt genau zwei Minuten vor der verabredeten Zeit fährt langsam ein dunkles Auto vor dem Kanzleramt vor, und Roland Berger steigt aus. Wir begrüßen uns und bemerken beide, dass es für einen Spaziergang nicht das richtige Wetter ist. Es hat gerade geregnet, die letzten Tropfen kommen herunter. Und wenn wir nicht draußen stehen würden, könnte man sagen: Es zieht. Das letzte Treffen hatte er kurzfristig absagen müssen wegen einer Erkältung.
Diskretion geht über alles
Dann sagt Roland Berger, warum er sich gerade hier treffen wollte. "Es hat vor allem praktische Gründe, mein Büro ist nicht weit von hier." Das mit der Lieblingsecke habe er nicht so genau genommen, obwohl er auch schon oft "dort drin" war. Er zeigt auf das Raumschiffgebäude hinter ihm. Gerade vergangene Woche war er dort wieder für einen Termin. Aber mehr darf er darüber nicht sagen, denn das ist schließlich sein wichtigstes Gut: Diskretion. Das wird sich auf den Spaziergang auswirken. Er wird Geschichten erzählen, Namen nennen, aber er wird mich bitten, diese nicht zu schreiben.
Wir laufen los, zunächst kurz auf die benachbarte Moltkebrücke mit dem preußischen Adler und den Greifen, den Statuen - Militärcharme, schwere, dunkle Symbole an einem grauen Tag. Wir stehen auf der Brücke und zeigen auf einzelne Gebäude um uns herum: die einem Bunker ähnliche Schweizer Botschaft mitten im Regierungsviertel, der Hauptbahnhof, die Spree, der Tiergarten, wieder das Kanzleramt. Ich frage ihn, ob er sich manchmal auf die Zunge beißt und denkt: Das ist schließlich die Kanzlerin.
Da erzählt Roland Berger wieder eine Geschichte aus seiner Kindheit. Sie spielt in einem Humanistischen Gymnasium in Nürnberg, das er besucht hat, in dem noch strenge Regeln galten. Er ging gern zur Schule, hat Griechisch, Hebräisch, Russisch gelernt. In dieser Schule nun gab es einen Geschichtslehrer, vor dem die meisten seiner Klassenkameraden Angst hatten. Er auch. Bis ausgerechnet dieser Lehrer sich vor die Klasse stellte und sagte: "Ihr sollt niemals Angst vor jemandem haben oder zu ehrfürchtig sein." Dann verriet er den schüchternen Schülern einen Trick: "Stellt euch diesen Mann einfach nur in langen Unterhosen vor." Diesen Trick braucht Roland Berger heute nicht mehr:
In Deutschland gilt er als Mann mit dem besten Netzwerk. Er hat zusammen mit Vordenkern der Wirtschaft im Jahr 1989 das Konzept zur Treuhand mit entworfen. Er hat im Wahlkampf des Jahres 2002 sowohl den amtierenden Kanzler Gerhard Schröder beraten als auch den Herausforderer Edmund Stoiber. Er sitzt in mehr als 20 Aufsichts- und Beiräten, darunter Bayern München, Fiat, Sony und seit 2003 auch in der Firma, die seinen Namen trägt: Roland Berger Strategy Consultants. Doch seine Arbeit habe nicht mit Firmen zu tun, sagt er, sie habe mit Menschen zu tun.
Als wir die Brücke verlassen, lässt der Wind für kurze Zeit nach. Wir kehren zurück zum Platz vor dem Kanzleramt, und dort erklärt Roland Berger, wie das genau funktioniert mit dem Aufbauen von persönlichen Beziehungen. Für ihn ist das ein ganz natürlicher Prozess. Zuerst komme die professionelle Leistung; dann lerne man sich eben bei jedem Arbeitstreffen besser kennen. "Irgendwann, wenn Leistung und Chemie stimmen", sagt er, "entwickelt sich Vertrauen, dann kann aus einer beruflichen Beziehung eine gute Bekanntschaft werden - und in manchen Fällen, wenn das über Jahre geht, eine Freundschaft." Der Schlüssel für diese Beziehung seien Vertrauen und Diskretion. "Ich muss da genauso Profi sein wie ein Anwalt oder ein Arzt."
Dabei weiß auch er, dass der Beruf des Beraters an sich weit schwieriger zu erklären ist - und in der Öffentlichkeit auch nicht den guten Ruf eines Arztes hat. Viele fragen sich, wofür sie eigentlich bezahlt werden, die Angestellten von McKinsey, Boston Consulting oder eben Roland Berger Strategy Consultants. Das sind die drei größten Beraterfirmen in Deutschland. Ihre Angestellten stehen im frisch gebügelten Hemd mit Krawatte früh um sechs Uhr am Flughafen, sitzen am Nachmittag in der Chefetage mit einem Firmenmanager in Japan, Kuwait oder den USA zusammen - und einige Wochen später werden in dieser Firma einige "Anpassungen vorgenommen". Das können Entlassungen sein, aber eben auch Neueinstellungen, wie die Berater betonen. Roland Berger kann und will diesem Bild nicht viel entgegensetzen, denn je mehr er über seinen Job verraten würde, umso indiskreter würde er sein.
Wir laufen über den großen Platz vor dem Paul-Löbe-Haus und reden über die ungewöhnliche Architektur: Das längliche Gebäude erstreckt sich quer über die Spree bis hin zur Wilhelmstraße und ähnelt von oben gesehen einer Büroklammer, die den Osten und den Westen Berlins zusammenhält. Roland Berger: "Ich mag jede Idee, die dabei hilft, den Osten und den Westen zu verbinden." Ein historischer Platz, fügt er an, sei das hier aber noch lange nicht. Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall sei gerade das Regierungsviertel noch immer am Wachsen. Das sei ein ganz normaler Zustand, der für alle Gebäudekomplexe gilt, die irgendwo geplant und hingestellt werden. "Sie müssen mit Leben und Geschichten gefüllt werden."
Genau das macht er jetzt. Er erzählt wieder eine Geschichte. Dieses Mal über einen Besuch als junger Mann in Ost-Berlin im Jahr 1959, nur zwei Jahre, bevor die Mauer gebaut wurde. Er war damals 22 Jahre alt und wollte ein Wochenende in Ost-Berlin verbringen. Das war damals schon schwierig, mit Anstehen und Passkontrolle verbunden. Kurz bevor er auf der anderen Seite angekommen war, lernte er eine junge Italienerin kennen. Sie war im gleichen Alter, nur stand sie politisch auf einer für ihn anderen Seite. Sie war Kommunistin. Die beiden verstanden sich trotzdem prächtig, weshalb er ihr später aus Ostberlin eine Kommunismus-kritische Postkarte schrieb. Wie er Jahre später erfahren hat, hat diese Karte ihr Ziel nie erreicht. Seine Liebe zu Italien wurde für Roland Berger jedenfalls auch berufsentscheidend: Drei Jahre später begann Roland Berger, für eine amerikanisch-italienische Strategieberatung in Mailand zu arbeiten. Fünf Jahre lang konnte er dort seine Erfahrungen sammeln, bevor er 1967 seine eigene Firma gründete. Er schaffte es, dass diese Firma heute in 27 Ländern aktiv ist und rund 2000 Mitarbeiter hat. In den letzten Jahren hatte es die Firma etwas schwieriger. Da war der Wechsel von Roland Berger Nachfolger Burkhard Schwenker zum heutigen Unternehmenschef Martin Wittig, da war die langwierige Ablösung von der Deutschen Bank als Miteigentümer–.Und schließlich wurde in dieser Woche bekannt, dass die Fusion zwischen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und Roland Berger Strategy Consultants nun doch nicht stattfinden wird. Und wieder war es sein Gesicht, das in allen Zeitungen gedruckt wurde, obwohl er sich doch zurückziehen wollte.
Aber davon ist er eben doch noch weit entfernt. Noch immer absolviert er mehrere Meetings am Tag, sagt er, ist mindestens einmal pro Woche auch in Berlin, einer Stadt, zu der er erst nach der Wiedervereinigung wirklich Zugang gefunden hat. Die Stadt habe seiner Meinung nach gerade in den vergangenen Jahren an Aufbruchsstimmung zugelegt. "Früher hieß es immer, hier gibt es zu viel von den drei A's: Ausländer, Alternative und Alte." Aber jetzt sei die Hauptstadt voll von Politikern, Ministerialbeamten, Verbandsfunktionären und Medienschaffenden. Zusammen mit den vielen neu gegründeten Start-ups in verschiedenen Bereichen habe die Stadt auch für die Wirtschaft an Attraktivität gewonnen. Im Gegensatz zu anderen Unternehmensberatern glaubt Roland Berger aber nicht, dass in naher Zukunft wieder ein Dax-Unternehmen in die Stadt ziehen wird. "Das hat Berlin gar nicht nötig", sagt er. Vielmehr, glaubt er, werden hier Unternehmen entstehen, die so stark sind, dass sie aus eigener Kraft den Weg in den wichtigsten deutschen Börsenindex schaffen.
50 Millionen Euro für die Stiftung
Inzwischen hat es doch wieder zu regnen angefangen. Schnell laufen wir durch das Brandenburger Tor, vorbei an den Straßenkünstlern, die bei jedem Wetter versuchen, die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich zu ziehen, bis wir das "Adlon" erreichen. Wir setzen uns in den ersten Stock, haben am Geländer vorbei einen guten Blick auf das Geschehen im Erdgeschoss. Erst jetzt fällt mir auf, dass Roland Berger eine rote Krawatte mit Tausenden kleinen lachenden Pinguinen darauf trägt. "Die habe ich mir selbst ausgesucht", sagt er. "Wahrscheinlich im Flugzeug oder am Flughafen." Als die Kellnerin kommt, bestellt er einen Kuchen ("Quark-Birne") und einen Schwarztee ("lieber Tee als Kaffee").
Wir reden über seine Stiftung, die auch seinen Namen trägt. Dafür hat er aus seinem Privatvermögen 50 Millionen Euro beigesteuert. Daraus finanziert er ein Bildungsstipendium für bisher 325 begabte Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Und außerdem stiftet er einmal jährlich einen "Preis für Menschenwürde", der bereits dreimal verliehen wurde: an Somaly Mam, eine kambodschanische Frauenrechtlerin, an die Organisation Reporter ohne Grenzen und die iranische Menschrechtskämpferin Shirin Ebadi. In diesem Jahr ging der Preis an Helmut Kohl. Das Preisgeld entspricht dem des Nobelpreises: eine Million Euro. Alfred Nobel ist 1896 gestorben und mehr als 100 Jahre später kennt noch immer jeder seinen Namen.
Aber es geht Berger nicht um Unsterblichkeit, sagt er. Und plötzlich sehe ich doch den älteren Mann vor mir. Nicht das Baby, den Jungen oder den Jugendlichen. Sondern den Mann, der gern etwas von dem weitergeben möchte, das er in seinem Leben zusammengetragen hat. Erfahrungen, Kontakte, Geschichten, aber eben auch Geld. Er spricht von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und dass Dinge ihren Wert haben, den man kennen muss. Er meint jetzt nicht Bonbons, sondern Menschenrechte und er sagt den Spruch, den er schon oft gesagt hat: You learn, you earn, and you return. Sein Leitspruch. Zum Bayerischen Verdienstorden an seinem Revers sagt Roland Berger, dass es sicher Menschen gibt, die ihn deshalb lieber tot sehen würden. Er meint das ironisch. "Dieser Orden ist limitiert auf 2000 Stück", sagt er. "Sobald ich sterbe, darf ihn ein anderer tragen." Er mache sich da aber nichts vor, in fünfzehn Jahren sei er wahrscheinlich ohnehin nicht mehr da. Bis dahin muss er aber noch einiges erledigen.
Ich mag jede Idee, die dabei hilft, den Osten und den Westen zu verbinden. Roland Berger, Unternehmensberater und Stifter
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