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Er scheint verzückt entrückt und ist doch gleich wieder da. "Ist das nicht wunderbar. Die Feuerwerksmusik wird bei uns bei jedem Geburtstag in der Familie gespielt. Musik ist etwas Herrliches. In diesem Jahr waren meine Frau und ich zum ersten Mal in Bayreuth, Premiere von Parsifal. Ein tolles Erlebnis ..." Wir sind zum Ende unseres Spaziergangs im Dahlemer Traditionslokal "Luise", einer wunderbar behaglichen Mischung aus großbürgerlichem Alt-Berliner Restaurant und französischem Bistro eingekehrt, als Händels barocke Klänge aus einem CD-Player schallen und unsere Unterhaltung so abrupt unterbrechen. Die kreist seit fast eineinhalb Stunden um die Wirtschaft in Berlin und Brandenburg. Um deren Stärken und Schwächen, Perspektiven und Chancen und damit auch um Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region.
Christian Amsinck ist Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin- Brandenburg (UVB). Das ist der regionale Dachverband der Arbeitgeber aus 60 Mitgliedsverbänden der Industrie-, Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsbranche. Mit der Aufgabe, von der Wirtschaftspolitik über die Bildungs- und Hochschulpolitik bis zur Arbeits-, Sozialund Tarifpolitik die Interessen der Unternehmer zu formulieren und in die öffentliche Diskussion einzubringen. Außerdem werden die Mitgliedsunternehmen beraten. Lobbyarbeit also. Anders als die Industrie- und Handelskammer, in der Pflichtmitgliedschaft herrscht, gründet der UVB auf reiner Freiwilligkeit.
Und was macht ein Hauptgeschäftsführer? "Der führt die Geschäfte des Verbandes und arbeitet dabei eng mit dem Präsidium zusammen, an dessen Spitze als Präsident der Berliner Siemens-Chef Burkhard Ischler steht. Ich bin in unserem Haus der Wirtschaft an der Bismarckstraße und den drei Außenbüros in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) für die fachliche Koordination ebenso verantwortlich wie für die Organisation."
"Uns gefällt der Berliner Humor"
Christian Amsinck selbst ist also kein Unternehmer, stammt aber aus einer alteingesessenen Hamburger Kaufmannsfamilie. Mitte des 16. Jahrhunderts sind die Amsincks aus den Niederlanden an die Elbe gekommen. Hanseatischer Uradel sozusagen. "Ja, ich kann mit Stolz sagen: Wir zählen zu den ganz alteingesessenen großbürgerlichen Familien, die über viele Jahrhunderte die Geschicke der Freien und Hansestadt mitbestimmt haben. Bis 1871, als mit der Reichsgründung Hamburg Teil des Deutsches Reiches wurde. Wir haben Senatoren und Bürgermeister gestellt, mein Urgroßvater war fast 30 Jahre lang Erster Bürgermeister." Und eine Amsinckstraße, keine kleine, gibt es in Hamburg noch immer. In Ehrung des Großvaters, der im heutigen Stadtteil Hammerbrook einst die Sümpfe an den Ufern der Süderelbe trockengelegt hat.
Wie ein Hanseat aus dem Bilderbuch erscheint auch Christian Amsinck. Groß und schlank von Statur, blondes Haar, blauer Anzug, heller Wettermantel, sicherheitshalber auch den Stockschirm dabei. Die Worte setzt er wohl, die Sprache ohne Hast, überlegt und entschieden. Freundlichkeit, Offenheit strahlt er aus, auch Selbstbewusstsein. Er spielt Tennis, heute nicht mehr so intensiv wie früher, dafür schwimmt er mehr und wandert mit der Familie.
Wie kommt so einer mit so tiefen hanseatischen Wurzeln im eher wurstigen Berlin zurecht? Und was hört er über Berlin, wenn er Familie oder Freunde in der Hansestadt besucht? "Mein Vater hat vor dem Krieg einige Jahre in Zehlendorf gewohnt und dort auch sein Abitur gemacht. Man könnte also fast sagen, ich bin in vertraute Gefilde zurückgekehrt. Meine Frau, die ebenfalls aus Norddeutschland stammt, und ich mögen Berlin. Uns gefällt auch der Berliner Humor. Die Ruppigkeiten, die ja auch vorkommen, muss man einfach mal überhören. Wir glauben an diese Stadt." Und das Hamburger Echo auf Berlin? "Man schaut nicht nur mit Interesse, inzwischen auch mit zunehmendem Respekt auf das, was sich hier in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat. Natürlich gibt es große Unterschiede. Hamburg hat nicht die Brüche erlebt wie Berlin. Das Bürgertum, das in Berlin ein bisschen unter die Räder geraten ist, spielt in Hamburg noch immer eine große Rolle ..."
Wie groß ist mittlerweile die Konkurrenz zwischen den beiden Millionen-Städten geworden? "Natürlich gibt es Wettbewerb. Dass ein großer Musikkonzern wie Universal nach Berlin umgezogen ist, Zeitungsverlage ihren Schwerpunkt von der Elbe an die Spree verlegt haben oder die Deutsche Bahn trotz eines verlockenden Angebots aus Hamburg mit ihrer Zentrale in Berlin geblieben ist - das alles ist nicht so gut angekommen in der Hansestadt. Aber der entscheidenden Punkt ist: Berlin muss seit 1990 versuchen, zunehmend auf eigenen Füßen zu stehen."
Damit sind wir, während wir durch Grünanlagen und auf Pfaden und Straßen am westlichen Rand des Campus der Freien Universität in Dahlem spazieren, bei dem für die Zukunft der Stadt fast alles entscheidenden Thema. Der Stärkung der Wirtschaftskraft. Wer stärker werden will, muss zunächst seine Schwächen analysieren. Wo liegen die aus der Sicht des UVB? "In Berlin, auch in Brandenburg gibt es insgesamt zu wenig Unternehmen. Deshalb muss vor allem der industrielle Mittelstand ausgebaut und gestärkt werden. Die wenigen großindustriellen Unternehmen in der Region wie Daimler- Benz oder Siemens bedürfen gleichzeitig intensiver Pflege, damit sie hier neue Produkte entwickeln und fertigen. Die Berliner Industrie liefert innovative Lösungen für Mobilität, Gesundheit und Energieeffizienz. Das sichert Zukunft. Seit 1990 sind allein in ganz Berlin etwa 200 000 industrielle Arbeitsplätze weggebrochen. Das zeigt die Dringlichkeit, endlich wieder mehr Augenmerk auch des Senats auf den industriellen Aufwuchs zu lenken. Der öffentliche Dienst kann den Arbeitsmarkt nicht mehr wie zu Zeiten der Teilung stabilisieren. Der muss schlanker und effizienter werden. Wachsende Beschäftigung wird nur aus dem Bereich der Privatwirtschaft kommen."
Wie steht es in diesem Zusammenhang mit der oft beklagten, nicht gerade ausgeprägten Wirtschaftsfreundlichkeit Berlins? "Es ist eine Daueraufgabe des Senats und dessen Verwaltung, sich in diesem Sinne als Dienstleister zu verstehen. Da gibt es in Berlin großen Nachholbedarf. Der Senat ist dabei, einiges aufzuholen." Es folgt ein Lob für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Der lasse in den letzten Monaten einen erfreulichen Entwicklungsprozess erkennen, weil er nicht mehr allein auf Dienstleistungen setzt, sondern die Bedeutung der Industrie für den Standort Berlin eingesehen hat. "Wir haben mit ihm gemeinsam gerade eine bundesweite Industrie-Werbekampgange für Berlin gestartet. Das war ein weiter Weg, ehe diese gemeinsame Aktion von Politik und Wirtschaft möglich wurde. In diesem Jahr findet zudem die vierte Industriekonferenz statt. Nach Siemens- Chef Peter Lösche ist diesmal Daimler-Chef Dieter Zetsche der Hauptredner. Ein Zeichen, dass diese Konferenzen und das Thema Industrie in Berlin mittlerweile ernst genommen werden; auch außerhalb unserer Stadt." Das entspricht so ganz der Arbeitsphilosophie des Christian Amsinck: Man kann ein Problem beklagen, besser aber ist es, etwas dagegen zu unternehmen.
Stärken nicht optimal genutzt
Nun aber auch endlich zu den Stärken, über die Berlin zum Ausbau seines Wirtschaftspotenzials verfügt. Auch davon gibt es laut Amsinck reichlich, allerdings würden noch nicht alle optimal genutzt. Er nennt die vielfältige Hochschullandschaft, die einem - noch durchaus verbesserungswürdigen - Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft förderlich ist, die sehr gute Infrastruktur einschließlich des neuen Hauptbahnhofs und des bald fertigen Großflughafens. Hart kritisiert er dagegen den aus politisch-ideologischen Gründen vom Senat bislang gestoppten Weiterbau der A 100.
Ein weiteres Kapital seien die zahlreich verfügbaren Fachkräfte, die für die Entwicklung eines Standorts angesichts der demografischen Entwicklung immer wichtiger werde. Und natürlich der Sitz von Parlament und Regierung, weil Unternehmer wie Dienstleister aller Art die Nähe zu den politischen Entscheidern suchten. Das Flair der Stadt, ihre Offenheit ziehe zudem junge Menschen wie ein Magnet an.
Was der Politik nicht gelingen will, hat der UVB wie andere Verbände auch schon vor vielen Jahren vollzogen: die Fusion zwischen Berlin und Brandenburg. Wie funktioniert die? "Mit den Betrieben wunderbar, in den Gremien auch wunderbar. Weil wir gleiche Interessen haben. Außerdem arbeiten Großunternehmen wie Daimler-Benz oder Bombardier und ebenso eine große Zahl Mittelständler an Standorten in Berlin und Brandenburg. Da spielt die Ländergrenze überhaupt keine Rolle mehr."
Aber die Politiker, vor allem die in Brandenburg, bremsen bei der Fusion weiter? Christian Amsinck glaubt einen Anflug von Meinungswandel erhört zu haben. Beim 20. Unternehmertag anlässlich des 60. UVB-Geburtstags im September habe auch Mathias Platzeck geredet und dabei eine Tonlage gewählt, die etwas fusionsfreundlicher als bislang gewohnt geklungen habe. Hoffentlich hat sich der unbeirrte Befürworter einer Länderehe nicht verhört. Der bleibt von den Vorteilen einer Fusion wie ihrer möglichen Realisierung überzeugt. " Wenn es uns gelingt, den Menschen den Gewinn eines gemeinsamen Landes erfahrbar zu machen, zum Beispiel auf dem Arbeits- und dem Ausbildungsstellenmarkt, dann werden wir die Menschen auch vom Nutzen einer Fusion überzeugen können."
Blanke Theorie? Als wir den U-Bahnhof Dahlem Dorf passieren, kommen uns Jugendliche auf dem Heimweg aus der Schule entgegen. Wahrlich kein Problemkiez hier draußen. Aber Gedanken um einen passenden Ausbildungsplatz macht sich vermutlich auch der eine oder die andere von ihnen. Da passt wunderbar zusammen, was der Hauptgeschäftsführer, der mit seinen 52 Jahren erstaunlich jung aussieht, gerade als "Fusionsdroge" anpreist. "Wenn in Berlin junge Menschen keine Lehrstellen finden, in Brandenburg andererseits Auszubildende fehlen, dann ist doch ein ganz praktischer Austausch machbar. Zum Vorteil aller. Wir müssen die Region endlich als eine gemeinsame begreifen. Wie wir es in Einzelfällen, etwa beim BBI oder RBB, längst erfolgreich tun."
Treue in schwierigen Zeiten
Zum Abschied, als wir in der "Luise" nach gelöschter Feuerwerksmusik unseren Vanille- Früchtejoghurt genießen, erzählt Christian Amsinck noch ein quasi Schlüsselerlebnis. Als junger UVB-Geschäftsführer sollte er anlässlich der 75-Jahr-Feier eines Unternehmens im Westteil der Stadt ein kurzes Grußwort sprechen. Vorher nahm ihn die Seniorchefin noch schnell zur Seite. "Junger Mann, Sie sind neu in der Stadt und sollten wissen, welch schwierige Zeit wir hier hinter uns haben %u2026" Dann erzählte sie, dass sie jahrzehntelang ein Ausweichquartier für ihren Betrieb in München vorgehalten habe. Erst 1972, als Bonn und Ost-Berlin den Grundlagenvertrag unterzeichnet haben und West-Berlin durch ihn sicher wurde, habe sie das Grundstück in Bayern verkauft.
"Durch diese Geschichte ist mir erst so richtig deutlich geworden, unter welchen Ungewissheiten und Risiken die Menschen hier gelebt haben. Und sie sagt sehr viel aus über die Treue der Berliner zu dieser Stadt ..." Und nach einer kurzen Pause fügt Christian Amsinck noch eine Erkenntnis hinzu: "Diese Geschichte zeigt zugleich, wie weit wir es heute schon gebracht haben ..."
Wir müssen die Region endlich als eine gemeinsame begreifen Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der UVB Berlin-Brandenburg
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