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Ich bin ein Berliner

Sina Latza - die Lesepatin

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Sina Latza. Sie begeistert als Lesepatin Berliner Grundschüler für die Welt der Bücher.
Massimo Rodari



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Es ist so einfach zu verschwinden. In andere Zeiten zu reisen. In andere Welten. In Gegenden, die unendlich weit weg sind und doch so nah. Die schön sind und schaurig. Die traurig sind und glücklich machen. Man muss sie nur aufschlagen, die Seiten, und die Augen wandern lassen über die Buchstaben, die Geschichten erzählen. Sina Latza hat das schon erfahren, als sie an der Bushaltestelle stand, las und den Bus verpasste. Sie hat das schon ganz früh erfahren, als sie ein kleines Mädchen war, als ihre Mutter mit ihr in die Bibliothek ging, Bücher auslieh und vorlas. Sina Latza spürte bald die Sehnsucht, selbst lesen zu können. Und als sie es lernte, noch bevor sie in die Schule kam, konnte sie irgendwann nicht mehr lassen von Geschichten und Gedichten, von Romanen und Betrachtungen.

 

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Sina Latza, 20, ist seit dem Abitur Auszubildende in der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek der Freien Universität Berlin. Sie wird Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. Später will sie wahrscheinlich Bibliothekswissenschaften studieren und Philosophie. Jetzt geht sie noch zur Berufsschule im Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Verwaltung in Lichterfelde. Trocken findet sie den Unterricht nicht. Auch nicht ihre Arbeit in der Bibliothek. Sie mag das. Katalogisieren, Zeitschriften bestellen, Auskünfte geben. Das hat schließlich mit Büchern zu tun. Ihr ehrenamtliches Engagement berührt aber noch mehr. Sina Latza ist Lesepatin. Ihre Klassenlehrerin Wiltraut Zick hat das Projekt ins Leben gerufen. Sina Latza war gleich dabei. "Kinder und Bücher", sagt sie. "Das konnte nur gut werden." Es wurde gut. Gemeinsam mit ihren Mitschülern geht sie regelmäßig in die Mercator-Grundschule in Lichterfelde, um mit Erst- und Drittklässlern zu lesen. Viele Kinder haben einen Migrationshintergrund, viele sprechen zu Hause noch eine andere Sprache. Das macht es den kleinen Jungen und Mädchen nicht immer leicht, deutsch lesen zu lernen. Aber Sina Latza und die anderen Lesepaten sehen darin nicht wirklich ein Problem. "Wenn jemand noch eine andere Sprache spricht, hat er eigentlich ein gutes Sprachgefühl."

 

Keine Lust zum Lesen, das kennt sie nicht bei den Kindern, die sie betreut. "Jedes Kind ist neugierig", sagt sie. Jedes Kind freut sich auf die Treffen mit den Lesepaten, auf die Momente, in denen sich ein Erwachsener ganz allein mit ihm beschäftigt. Auf die Zeiten, in denen sie üben, probieren, Fehler machen können, ohne dass gemeckert wird. "Wir sind wie große Schwestern, wie Freunde für die Kinder", sagt Sina Latza. Und dass sie den Kindern Zeit lassen, einfach zu erzählen, was ihnen zu den Geschichten einfällt, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Schließlich geht es nicht nur ums Lesenlernen. Es geht auch darum aus Büchern zu lernen, ohne das Gefühl zu haben, eine Lektion erteilt zu bekommen. "Wenn wir eine Geschichte lesen von einem Jungen, der sich verlaufen hat und zur Polizei geht oder von einem Mädchen, das nicht mit Fremden mitgeht, dann kann sich das Lesekind identifizieren." Vor allem aber geht es darum, Kinder für Bücher zu begeistern. Es ist zu schön, wenn die Kleinen die Schultreppen in die Bibliothek herunter rennen, wo sich die Lesepaten mit ihnen treffen. Es ist rührend, wenn sie erst mal anfangen zu erzählen von ihren Erlebnissen. Es sind wunderbare Erfolge, wenn ein Erstklässler, der am Anfang nicht still sitzen konnte, plötzlich ruhig wird, verstummt vor lauter Staunen über eine Geschichte und irgendwann plötzlich selbst lesen will. "Das schönste Erlebnis war", sagt Sina Latza, "als mich ein Junge mit der Nachricht empfing, er habe mir ein Buch ausgesucht, das mir sicher gefallen würde. So, als wollte er mir was Gutes tun."

 

Als Sina Latza klein war, da hat sie erst ein Buch gelesen und dann den Film gesehen. Heute, sagt sie, ist es anders herum. "Als ich mit meinem Lesekind das "Dschungelbuch" las, da sagte es, Baghira hätte doch eine ganz andere Farbe als auf dem Bild im Buch." Hätte man die Kinder früher vor die Wahl gestellt, ob sie lieber einen Film sehen wollen oder das Buch lesen, dann hätten sie sich wohl für den Film entschieden. "Heute", glaubt Sina Latza, "würden sie lieber mit uns lesen."

 

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

 

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

 

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