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Dann zieht die Kassiererin weiter Duschgel, Kaffeesahne und Deostift über den Scanner. Es piept und piept. Doris Dörrie stellt sich jetzt hinten an die Kassenschlange und kramt in ihrer Tasche, sie will Frau Günther etwas geben, auf dem das Wort "Glück" aufgedruckt ist. Dann wird sie sich erinnern, was sie beide verbindet.
Das ist gerade ein wichtiges Wort für Doris Dörrie. Glück. Genau dieses Wort steht in Pink am Potsdamer Platz auf vielen Filmplakaten. Werbung für eine Geschichte über Menschen vom Rande der Gesellschaft: Traumatisierte Hure verliebt sich in Berliner Punk, er sich in sie. "Glück" ist der Titel von Dörries 30. Film, den sie 2011 hier in Wilmersdorf gedreht hat. Die Weltpremiere wird auf dieser Berlinale sein. Die seit ihrem Film "Männer" von 1985 bekannte Regisseurin, die auch Bücher schreibt und Opern inszeniert, ist deshalb für zwei Wochen mal wieder hier. Die Stadt sei inzwischen ohnehin neben Hannover, wo sie geboren wurde, und München, wo sie wohnt, ihre dritte Heimat in Deutschland. Ihre Filme "Nackt", "Hanami" und "Die Friseuse" spielen in Berlin, und ihr Freund, der Filmproduzent Martin Moszkowicz, hat seit Jahren eine Wohnung in Mitte, er kommt einmal pro Woche hierher.
Sie mag die Stadt, hat sie einmal gesagt, weil man hier noch auf der Straße viele spannende Lebensgeschichten höre. In München sei das schwieriger geworden. "München ist Neuschwanstein."
Als Treffpunkt für den Spaziergang hatte Doris Dörrie ein Café an der Zille-/Ecke Wilmersdorfer Straße, vorgeschlagen, gleich nebenan vom Laden, wo Frau Günther an der Kasse arbeitet. Das Café war ein Zentrum der Dreharbeiten zu "Glück", sagt Dörrie, als sie mit Koffer aus dem Taxi vom Flughafen Tegel steigt. Und dass es keinen Spaziergang geben wird, sie könne nicht laufen, habe sich vor einer Woche den Meniskus am linken Knie gerissen, sei damals nicht zum Arzt gegangen, gestern dann schon. Jetzt will der ihr Knie operieren. Doris Dörrie aber kann unmöglich ins Krankenhaus und findet dafür ein drastisches Bild. "Der Filmverleiher steht hinter mir mit der Pistole", sagt sie. Nein, die Berlinale gehe jetzt vor. "Die Filmwelt ist hart, ich muss jetzt springen." Aber das gehöre dazu.
Nichts anderes ist von einer Frau zu erwarten, die vor zwei Jahren mit einem Bänderriss durch Marzahn humpelte, um das Leben einer dicken Friseurin zu erzählen. "Die Friseuse" hatte im Jahr 2010 Premiere im Friedrichstadtpalast, während der Berlinale. Ossis und Wessis sahen Kathi König beim Scheitern zu. Es war ein gesamtdeutsches Scheitern, das Kathi König immer mit Berliner Schnauze kommentiert: "Wat is dit schon, jlücklich?", fragt sie am Anfang des Films. Ganz am Ende, als die Entbehrungen dieser mittellosen, schwer kranken Frau erzählt sind, fragt sie: "Sind'se zufrieden? Also ick bin's jedenfalls."
Im Café, vor ihrem Rooibos-Tee, reibt sich Doris Dörrie das linke Knie und sagt, sie habe ein Auge für solche Personen. Ihr gehe es um den Alltag der Menschen, der muss glaubwürdig dargestellt werden. "Sonst kann ich mich doch als Zuschauer mit denen da nicht identifizieren." Dazu passt, dass sie schon über ihre Geburt sagt, dass sie "keine Sensation" gewesen sei. "Bei drei Schwestern, wissen Sie ..." Sie winkt ab. Und obwohl ihr Vater Arzt war und die kleine Doris nach Afrika mitnahm und sie nach dem Abitur nach Kalifornien gehen ließ, hat sie das Prekariat selbst kennengelernt. Mit Anfang 20 lebte sie in einer Wohnung mit stinkender Ölheizung, arbeitete in einer Suppenküche und jobbte nebenbei in einem der ersten deutschen McDonald's. Dort musste sie singen: "I'm happy to work here."
In "Glück" aber geht es nicht um "Happiness". Es geht um das lang andauernde Glück. Der Punk und die Prostituierte lernen einander kennen in genau diesem Café, in dem Doris Dörrie gerade sitzt. "Diese Gegend ist sehr spannend", sagt Doris Dörrie und zeigt auf ein großes Geschäft: Dort ist das "Rogacki", einer der großen Gourmetläden in Wilmersdorf, nicht so schick wie die sechste Etage des KaDeWe, aber bürgerlicher. "Hier treffen sich Menschen, denen gutes Essen in guter Gesellschaft wichtig ist." Dörrie war auch oft dort. Ihr Film-Punk hat vor dem Eingang zudem echte Passanten angebettelt, dort hatte er in der Regel Erfolg. Aber schon auf der anderen Straßenseite, vor dem Dönerladen, habe ihm fast keiner etwas gegeben. "Hier laufen auch entsetzlich verarmte Rentner über die Straße, mit erstaunlichen Verletzungen."
In solch einer Umgebung klinge es wie eine Binse, sagt sie, wenn man das Glück in den kleinen Dingen sucht. "Wir wissen, dass die großen Dinge nicht glücklich machen, und trotzdem sehnen wir uns nach ihnen." In ihrem frühen Berlin-Film "Nackt" über die Jung-Reichen in Prenzlauer Berg gibt es einen Dialog zwischen Alexandra Maria Lara und Nina Hoss. Alexandra sagt: "Ich habe heute die erste Schneeflocke auf meinem Ärmel gesehen, da war ich glücklich." Nina Hoss antwortet: "Ich habe eine Erbsenschote geöffnet, und da lagen fünf Erbsen nebeneinander, wie eine Familie." In fast jedem ihrer Filme gibt es solche Szenen. Die Großaufnahme für ganz kleine Dinge. Kritiker warfen ihr deshalb Kitsch vor und werden das auch bei "Glück" tun. Doch die andere Hälfte der Kritiker wird wohl das Wort "anrührend" benutzen.
Bevor es dunkel wird, will Doris Dörrie trotz Meniskusriss einen Mini-Spaziergang machen, obwohl niemand mit einer Pistole hinter hier steht. Sie schlägt einen Spielplatz vor, gleich um die Ecke, der in ihrem Film eine Quelle von Glück für das Paar ist. Die beiden spielen mit dem Hund, der Punk schubst seine neue Freundin auf der Schaukel so hoch, bis sie den Wuppdich-Punkt erreicht. Das ist der kleine Moment, in dem man ganz nach oben geschaukelt ist und die Welt stillsteht. Das wuppt einen eben. Als wir dort hinlaufen, reden wir über eine Geschichte, die sie vor fast 20 Jahren aufgeschrieben hat, über eine Frau, die mit einem großen Löffel fünf Gläser Honig am Tag leer isst, um glücklich zu werden. Auch die Prostituierte im Film liebt Honig. Doris Dörrie sagt: "Klar, Honig macht glücklich."
Auf dem Spielplatz angekommen, wirkt es, als fühle sie sich zu Hause. Sie zeigt auf die Wuppdichschaukel und das große Holzhaus, in dem sich die Film-Hure einmal vor der Welt versteckt. Es ist immer noch keine schöne Ecke von Berlin. Gegenüber wirft gerade ein alter Mann Glasflaschen in die dafür aufgestellten Container: Weiß-, Grün- und Braunglas. Auf ein Klettergerüst hat jemand "Fuck" gesprüht. Doris Dörrie erzählt von ihrem Unterricht an der Münchner Filmhochschule. Einmal pro Jahr nimmt sie die Studenten auf eine Exkursion mit in das wahre Leben: Transsylvanien, Istanbul, Kuba oder das Hofbräuhaus. Einmal liefen sie zwei Wochen lang auf den Pilgerweg in Nordspanien. Ihr Knie war noch in Ordnung, dafür bildeten sich Blasen an den Füßen. Es sei wichtig für einen Filmemacher zu merken, "Ich kann nicht mehr", aber trotzdem weiterzugehen, Schritt für Schritt. Doris Dörrie setzt sich auf die Schaukel, die jetzt bei minus sieben Grad zu kalt ist. Sie schaukelt nur leicht. Kein Wuppdich heute.
Frage: "Wie sieht die Welt durch Ihre getönte Brille aus?" Antwort: "Ganz normal, aber alles wirkt ein bisschen kühler."
Als wir zurücklaufen zum Café, kommen wir an dem Laden vorbei, wo Frau Günther arbeitet. Doris Dörrie erkennt sie durch die Schaufenster und hat spontan die Idee, ihr ein "Glücks"-Taschentuch und ein "Glücks"-Armband zu geben. Als sie in der Schlange steht, fragt Frau Günther: "Möchten Sie Zigaretten?" Aber Doris Dörrie raucht seit Jahren nicht mehr und probiert es weiter: "Wissen Sie nicht mehr, wie sie gespielt haben? In meinem Film? Der Punk hat bei Ihnen Mülltüten gekauft, und Sie haben an der Kasse gesessen! Wir haben gedreht!" Frau Günther erinnert sich und lächelt sehr breit. "Ach so! Stimmt! Mülltüten!" Sie nimmt die Geschenke, bedankt sich - und, wer weiß, vielleicht geht sie wirklich am 23. Februar mit einer Freundin ins Kino, zeigt während des Films auf sich als Schauspielerin und sagt: Das bin ich. Es wäre schön, wenn sie dann glücklich wäre. Zum Abschied ruft sie Doris Dörrie hinterher: "Kommen Sie wieder!"
Auf dem Weg zurück ins Café kann Doris Dörrie nicht glauben, dass Frau Günther vergessen konnte, dass sie in einem Kinofilm mitspielt. "Aber den Leuten hier ist das wurscht, ob jemand einen Film dreht oder einen umgebracht hat." Doris Dörrie habe damals gewollt, dass Frau Günther auf den Film-Punk, der bei ihr Mülltüten kauft, einen komischen Blick wirft. Schließlich ist der blutverschmiert. Aber Frau Günther habe nur geantwortet: "Och, ist normal hier." Als wir auf der Kreuzung stehen, sagt die Münchner Regisseurin: "Manchmal haben wir hier nachts auf der Straße Schreie gehört. Sehr laut. Das war schon unheimlich."
Zurück im Café, bestellt sie noch einen Cappuccino. Wir waren nur 20 Minuten weg, doch alles hat sich etwas entspannt. Sie kommt ins Plaudern, spricht über ihre Zeit in Hollywood ("Ich saß im Hotel und hab mich bei all dem Reichtum entsetzlich gelangweilt"), über ihren größten Fehler ("Ich habe bei meinem ersten Film eine bereits belichtete Filmrolle zerstört, weil ich kurz in die Büchse geschaut habe, alles war kaputt") und über ihren ersten Kuss ("Das war mit zwölf, und ich habe für den Angebeteten Marx, Engels und Lenin gelesen"). Sie spricht noch immer über Glück, aber weniger über den Film, sondern mehr über das, was die Suche nach Glück mit einem macht.
Dann, ganz am Ende des Gesprächs, schaut Doris Dörrie ernst durch ihre grüne, kühle Brille, und wir reden über den schwersten Moment in ihrem Leben, als bei ihrem Mann Helge Weindler 1993 Leberkrebs diagnostiziert wurde. Sie sagt, dass sie damals fast nicht lebensfähig war, sich um ihre Familie kümmern musste, aber nur noch gezittert habe, am ganzen Körper. Sie fand zum Buddhismus in der Zeit. Wichtig war: einatmen, ausatmen.
Ihr Mann starb, im März 1996, mitten in den Dreharbeiten zu "Bin ich schön?". Erst durch diesen Schicksalsschlag sei sie zur Optimistin geworden. Solange man noch am Leben sei, habe man Grund dazu, dann könne man auch im schrecklichsten Moment, dem Tod des Geliebten, etwas Positives sehen: "Ich habe eine große Liebe erlebt, die nicht zu einem Ende kam, weil die Liebe abgenommen hat. Ich habe keine Zerrüttung einer Beziehung erlebt, keine Abstumpfung der Gefühle." Außerdem habe sie sich anderen Menschen sehr nahe gefühlt und gemerkt, dass es nicht das Glück ist, was sich teilen lässt, sondern eher das Unglück.
Frage: "Wird es leichter?" Antwort: "Nein, der Schmerz hört nie auf."
Während sie das sagt, wartet schon ihr nächster Termin an einem anderen Tisch in dem gleichen Café. Sie will nicht viel laufen müssen zwischen ihren Interviews. Ein paar Minuten später wird sie weiter vom Film "Glück" und von ihrem Glück erzählen, von Punks und Huren in Berlin, vielleicht auch über Mozarts Opern, die sie wie Honig für Glücklichmacher hält. Sie wird weitere Taschentücher und Armbänder verteilen. Die Bänder sind grellpink. Eines trägt vielleicht Frau Günther, die Wilmersdorferin, die jeden Tag an einem piependen Gerät sitzt. Auf dem Armband stehen nur vier Wörter, die wieder auf der Kante zwischen "Kitsch" und "Anrührend" balancieren: "Das Glück ist jetzt." Der Kellnerin könnte sie auch eines anbieten, dieses Café war immerhin für 30 Tage Doris Dörries' Lebensmittelpunkt. Aber die junge Frau weiß nichts von "Glück", sie arbeitet erst seit Kurzem hier.
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