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Berliner Spaziergang

Lobbyist der Schwachen

Vor dem Haupteingang des Botanischen Gartens steht ein gelber Briefkasten. Ein Herr mit weißem Bart und dunklem Mantel schiebt einen wattierten Umschlag in den Briefschlitz. Der Umschlag ist beklebt mit bunten Briefmarken und so dick, dass er kaum durchpasst. Schließlich gelingt es. "Ein Gruß an meine Enkel", sagt Johannes Stockmeier und reicht uns freundlich die Hand.
M. Lengemann



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Der Händedruck verwandelt ihn vom liebevollen Großvater in den Präsidenten des Diakonischen Werks: Johannes Stockmeier, 63 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, sechs Enkel, steht einer Organisation mit rund 450 000 Mitarbeitern vor. Das sind mehr, als etwa der VW-Konzern hat mit seinen rund 400 000 Angestellten. Dazu kommen bei der Diakonie rund 700 000 Ehrenamtliche. Stockmeier ist einer der einflussreichsten Sozialmanager Deutschlands.

 

Er hätte den Umschlag wahrscheinlich auch einfach in den Postausgang seines Büros legen können, denke ich. Aber er hat es nicht getan. Jetzt lächelt er fröhlich und fragt: "Wollen wir?", als läge nicht eine anstrengende Sitzungswoche hinter ihm, praktisch ohne Pausen. Johannes Stockmeier sagt: Viel Zeit bleibe ihm nicht neben seinen Aufgaben. Der Botanische Garten sei deshalb für ihn "eine schöne Insel direkt nebenan". Der Garten liegt nicht weit von seiner Wohnung und seiner Arbeitsstelle an der Altensteinstraße. Er ist oft hier. Davon, dass er gern läuft, zeugen die bequemen Wanderschuhe, die er zum Anzug trägt.

 

Drei Jahre, aber keine Schonzeit

 

Vor einem Jahr hat Stockmeier das Präsidentenamt der Diakonie übernommen, nachdem sein Vorgänger zurückgetreten war, aus gesundheitlichen Gründen und nach Korruptionsvorwürfen gegen einen Referenten. Stockmeier galt als Interimspräsident, er wird nur drei Jahre im Amt bleiben. Eine Schonzeit ist es nicht. Zunächst musste ein Umgang mit den Korruptionsvorwürfen gefunden werden - mehr Controlling. Im Herbst entschuldigte sich Stockmeier gemeinsam mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche öffentlich für die brutalen Erziehungsmethoden in evangelischen Kinderheimen in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren. Vielen Opfern ging die Entschuldigung nicht weit genug. Danach folgte ein Streit mit den Gewerkschaften über das Streikrecht für Diakonie-Mitarbeiter.

 

Im Park ist es ruhig. Nur wenige Menschen sind in der verschneiten Hügellandschaft unterwegs. Tauben gurren, Vögel zwitschern in den Bäumen, als sei schon Frühling. Stockmeier hebt das Gesicht zum Himmel. "Da kommt die Sonne durch!" Hinter ihm thronen die Gewächshäuser, sie sehen sie aus wie Kirchenschiffe aus Glas und Stahl. Stockmeier trägt auf dem weißen Haar eine Strickmütze wie ein Seemann. Ein Bild, das passt.

 

Zwar stammt er aus dem Frankenwald, einer Mittelgebirgslandschaft im damaligen "Zonenrandgebiet" an der Grenze zur DDR. Wenn er jetzt über seine Aufgabe spricht, klingt er dennoch ein bisschen wie ein Kapitän, der die Richtung vorgibt. Die Fusion der Diakonie mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), die in diesem Jahr abgeschlossen wird. Im Oktober wird die Bundeszentrale aus den Standorten Stuttgart und Bonn nach Berlin-Mitte umziehen. Das neue Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung wird rund 640 Mitarbeiter in Berlin haben, viele müssen deshalb jetzt umziehen. Hinter den Kulissen kämpft Stockmeier bei Bundesministerien und Parlamentariern um die Richtung der Sozialpolitik. Er ist ein Warner. Einsparungen in der Familien- und Jugendhilfe, sagt er, könnten schnell wieder zu überforderten Erziehern führen wie einst in den Heimen. Der Pflegebedarf werde sich wegen der alternden Bevölkerung in den kommenden 30 Jahren zwar fast verdoppeln, "aber die Pflegereform packt dieses Problem praktisch nicht an".

 

Er kann sich schnell außer Atem reden, aber vielleicht liegt es auch einfach an seinem Tempo. Am Laufen, sagt er, möge er die Ruhe und das Ankommen an einem Ziel. "Das Unbelastetsein von allen Dingen. Man konzentriert sich auf seinen Weg, hat dafür Zeit, eine gewisse Anstrengung, wenn es bergauf geht, aber das ist in Ordnung." Wahrscheinlich ist es auch in Ordnung zu behaupten, dass diese Devise generell für ihn gilt.

 

Selbst ohne den weißen Bart, den direkten Blick, den ausgreifenden Schritt - man würde in Stockmeier trotzdem sofort den Pfarrer erkennen. Wegen der Stimme. Sie ist tief, ein Bass, der Kirchen füllen und Menschen beruhigen kann. Seine Sätze sind wohlüberlegt, viele wohl auch schon häufig gesprochen. 1979 übernahm Stockmeier seine erste Gemeinde in Wertheim-Bestenheid und blieb dort bis 1998, als er Oberkirchenrat in Karlsruhe und Vorstandsvorsitzender der Diakonie in Baden wurde. "Die Zeit als Pfarrer prägt auch meine heutige Arbeit, ich vermisse sie natürlich", sagt er.

 

Er vermisse den direkten Kontakt mit den Menschen, "das Vertrauen, das einem entgegengebracht wird, wenn man zum Beispiel im Trauerfall eine Familie begleitet. Das prägt einen." Er erinnert sich an Schüler, die sich ihm mit persönlichen Problemen am Rande des Religions- oder Konfirmandenunterrichts anvertrauten. "Das hat mir sehr viel bedeutet."

 

"Armut versteckt sich"

 

Heute spricht Stockmeier von sich als "Funktionär", der nicht mehr oft mit "den Menschen" in Kontakt kommt oder auf die Kanzel steigt. Eine Gelegenheit war seine Amtseinführung im Februar 2011. Seine Antrittspredigt vor 400 Gästen handelte davon, "dass Gott in den Schwachen mächtig ist". Es ist sozusagen sein Motto - der diakonische Gedanke vom Dienst an den Schwachen und Kranken, ins Heute gewendet. "Wir alle betrachten ja oft das Starke als das Durchsetzungsfähige, mit dem Ziele erreicht werden können", sagt er. Oft werde dabei übersehen, "dass gerade jene, die nicht so weit vorne sind in der Bewältigung ihres Lebens, viel dazu beitragen, dass das Leben gelingt."

 

Man könnte jetzt einwenden: Das sagt sich leicht aus der Position eines so hohem Amtes. Doch was Armut bedeutet, Schwachsein, sagt Stockmeier, das habe er bereits als Kind erfahren. Nicht am eigenen Leib, auch wenn er mit vier Geschwistern aufwuchs, er war das mittlere Kind. Sondern als Sohn eines Landarztes in einer bitterarmen Gegend. "Armut versteckt sich", sagt er, "das war damals genauso wie heute." Dass er sie kennenlernte, "lag daran, dass Vater mich oft mit zu seinen Patienten nahm".

 

Er erlebte, wie arme Bauern ihre Arztrechnungen nicht bezahlen konnten, "weil sie nicht versichert waren, und dass Vater sie natürlich trotzdem behandelte". Oft bekam der Arzt Naturalien statt Geld. "Es gab viele schwierige Situationen", erinnert sich Stockmeier, "verarmte Familie, in denen die Eltern tranken oder der Vater gestorben war und die Mutter nicht mehr weiterwusste". Stockmeier erinnert sich an die engen Wohnungen, "das sparsame Mobiliar, die Kleidung - und die gedrückte Stimmung der Erwachsenen". Unter den Kindern im Dorf, sagt er, habe die Armut eine weniger große Rolle gespielt. "Das ist die Stärke eines Dorfes."

 

Wir sind eine kleine Anhöhe hochgestiegen, aus den Gebüschen duftet es nach Tieren. Dann stehen wir unter hohen Bäumen. "Das sind die schönen Hickory-Bäume", unterbricht Stockmeier sich selbst, dann deutet er auf den Boden, wo Nüsse liegen. "Die Hickory-Nüsse sind sehr hart, aber man kann hier wunderbar mit Enkelkindern zum Sammeln herkommen." Er lacht. Was fängt man mit den harten Nüssen an? "Man kann sie in Gläser füllen, das sieht schön aus", antwortet er vollkommen ernsthaft, "man kann sie knacken oder anmalen. Je nachdem." Er scheint ein gewissenhafter Mensch zu sein, auch in der Erfüllung von Großvater-Pflichten.

 

Der Wunsch, Pfarrer zu werden, sagt er, sei ihm in der Jugendzeit gekommen. Der Glaube war etwas Selbstverständliches in seiner Familie und unter den Bauern im Frankenwald. Auch seine beiden Großväter waren Pfarrer. "Aber das prägte mich weniger, denn der eine starb früh und der andere war schon in Rente, als ich größer wurde." Nach der Konfirmandenzeit begann er, im Kindergottesdienst zu helfen. Vor dem Abitur riet ihm ein Berufsberater noch zum Jurastudium. "Aber da hatte ich mich schon für Theologie entschieden."

 

Jurist würde auch passen zu jemandem wie ihm, der viel abwägen muss, entscheiden und vermitteln. Wir sprechen von der Diakonie in Zeiten von Spardruck und effektivem Management. Er räumt ein: Man könne natürlich sagen, in einem evangelischen Krankenhaus werde letztlich dasselbe gemacht wie in jedem anderen Krankenhaus auch. "Aber warum entscheiden sich dann trotzdem viele für ein Krankenhaus der Diakonie? Warum geben Eltern ihre Kinder in evangelische Schulen und Kitas?" Das habe zu tun mit dem Umfeld. "Mit der Kapelle im Krankenhaus, mit der Seelsorge, mit dem Gedanken, der dahintersteht."

 

Diakonie als "Marke"

 

Über uns am Himmel zerreißt jetzt ein Rettungshubschrauber die Stille des Gartens. Stockmeier hebt die Stimme: Seine Aufgabe als Lobbyist der Diakonie sei auch, den christlichen Gedanken mehr nach außen zu tragen. Zwar habe er mit dem Begriff "Mission" Schwierigkeiten: "Er erweckt bei den Deutschen schnell den Verdacht der Indoktrination, auch wenn er im Englischen von vielen Unternehmen verwendet wird." Ihm aber sei es wichtig, zu erkennen zu geben, "warum mir der Glaube etwas bedeutet, für unsere Gesellschaft, für unsere Welt". Ein Weg sei sicher die Plakatkampagne für die "Marke" Diakonie. Gezeigt wird die Arbeit mit Kindern, mit kranken, alten oder behinderten Menschen, die oft keinen Bezug zur Kirche haben. Auch das ist Teil des diakonischen Gedankens. Stockmeier sagt, Ziel sei auch, den Glauben selbstverständlicher zu machen: "Ich wünsche mir, dass die Mitglieder unserer Kirche mit ihrem Glauben unbefangener und freier umgehen."

 

Seinen liebsten Einsatz im öffentlichen Bekenntnis für die Diakonie, erzählt Stockmeier lachend, leiste er übrigens selbst auf der Straße - als Spendensammler. "Für einen Funktionär wie mich gibt es nichts Besseres, als mit einer Dose mit dem Kronenkreuz darauf Leute um eine Spende zu bitten." Man kann sich das gut vorstellen: Wie er mit Leuten diskutiert, die sich beklagen, dass die Erbtante ihr Geld der Diakonie und nicht dem Neffen vermacht habe. Oder die sagen: Sie hätten selbst nichts. Er selbst zählt diese Beispiele auf. Demnächst ist auch eine Sammlung in Berlin geplant.

 

Wir sind inzwischen auf dem Rückweg, die Kälte beißt, auch wenn Stockmeier sagt, er friere nicht. Er mag offenbar Extreme. Er erzählt von seinen Urlauben, die er mit seiner Frau wahlweise im Engadin oder in Finnland verbringt. Dorthin reisen sie seit Jahren, mit den Kindern, teilweise auch schon mit den Enkeln. "Dann wohnen wir in einem Haus am See ohne Strom, das nächste Dorf ist 30 Kilometer entfernt." Es klingt sehr zufrieden. Abschalten zu können, sagt er, sei eine seiner guten Eigenschaften.

 

Und, das hört man auch heraus, er hat eine zweite Kraftquelle in seinem Leben - seine Frau. "Sie ist Textilkunsthandwerkerin, sie macht Quilts." Und bevor jemand etwas über Steppdecken und Hobby sagen kann, fügt er hinzu: "Sie restauriert auch alte amerikanische Quilts, es ist eine Kunst, eine Tradition, die zurückreicht bis zu den armen Amish in Pennsylvania." Er spricht voller Respekt davon. "Meine Frau sitzt an größeren Quilts 600 bis 700 Stunden." Sie sei ein Vorbild in Geduld, "die wir ja heute alle nicht mehr haben".

 

Wahrscheinlich ist es selten, dass Männer sich für ein Thema wie Baumwollstoffe so begeistern wie er. Es sagt viel über den Ton, der in dieser Ehe herrschen muss. "Die Quilts meiner Frau", sagt Stockmeier, "werden in hundert Jahren heiß begehrt sein, davon bin ich überzeugt. Für meine Arbeit wird sich dagegen kaum noch jemand interessieren."

 

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