Bookmark and Share
A A A

Berliner Spaziergang mit Barbara Krieger

"Ich lebe nicht für die Galerie"

Wenn es etwas gibt, was Kunst auf der Bühne von Kitsch unterscheidet, dann ist es Wahrhaftigkeit. Denn Kunst ist alles, aber niemals Behauptung. Wer auf der Bühne steht und seine Hände immer wieder vom Herzen in die Luft wirft, um zu zeigen, dass er verliebt ist, hat das nicht verstanden. Opernsängerinnen verstehen das oft nicht.
Barbara Krieger

Barbara Krieger

Von



Weitere Bilder
Barbara Krieger

Vielleicht ist es das, was so viele abschreckt. Wenn man die Sopranistin Barbara Krieger als Aida auf der Bühne stehen sieht, wie sie dem Tenor José Cura, der ihren Geliebten Radamès singt, mit einem einzigen Blick eine ganze Wanne voller Misstrauen und mit einem anderen hoffnungsvolle Liebe entgegenbringt, dann weiß man: Sie hat das verstanden. Ein Kritiker nannte sie mal den singenden Gründgens. Ein kurzer, scheuer Blick, ein zögerlicher Schritt nach hinten, mehr braucht es nicht, um zu verstehen: Aida fürchtet sich davor, verletzt zu werden. Das sieht nicht gespielt aus, es sieht aus, als wäre die Angst Aidas, nicht richtig geliebt zu werden, in diesem Moment Barbara Kriegers Angst, nicht geliebt zu werden. Man könnte die Sopranistin für einen leicht zerbrechlichen Menschen halten, wenn man sie auf der Bühne beobachtet. Wenn man sie trifft, kann man das nicht mehr.

 

Barbara Krieger (44) nähert sich von hinten, taucht plötzlich auf, lässt sich auf die Parkbank plumpsen, wirft die Beine in die Höhe, strahlt, kiekst und sagt: "Sie wollen mit mir spazieren gehen, was?" Ich bin so baff, dass ich nur ein hingelachtes "Ja" hervorbringe und erst mal wegschauen muss von diesen braunen Augen, die in dem "Aida"-Video noch so misstrauisch aussahen, und jetzt, im wirklichen Leben, kaum blinzeln und nach innen immer heller werden. Die Zeit des Aneinandergewöhnens ist vorbei, bevor sie angefangen hat. Mit Barbara Krieger, so viel wird schnell klar, gibt es kein Langsam und Gemächlich. Sie ist eher der Hauruck-Typ. Quirlig, energiegeladen, lebhaft. Das Wort "quirlig" liest sie nicht gern lesen, das klingt ihr wahrscheinlich zu süß, wie ein Eichhörnchen.

 

Jeden Morgen 40 Bahnen

 

Vor einer Woche hatten wir telefoniert, um uns am Schloss Charlottenburg zu verabreden. Barbara Krieger hatte gesagt: "Sie werden mich leicht finden, ich bin die Kleinste am Eingang." Sie lachte laut. Jetzt lacht sie wieder, weil sie merkt, dass sie uns überrumpelt hat. Das gefällt ihr. Wir stehen auf, sie ist tatsächlich klein, 1,60 Meter groß, zierlich, schmal, ganz anders als man sich eine Opernsängerin vorstellt. Weiblich, das schon, aber kein Vollweib, sie hat nichts Matronenhaftes. Barbara Krieger ist eher klassisch - zurückgekämmtes, pechschwarzes Haar, brauner Teint, stilvoll gekleidet. Die roten Schuhe passen zur Handtasche, die Ohrringe sind farblich auf das Halstuch abgestimmt.

 

Wir laufen los, an der Westseite des Schlosses entlang. Sie mag es hier, weil hier nicht so viel Trubel ist wie in der historischen Mitte der Stadt. "Es liegt so schön im Windschatten." Gerade heute wäre es allerdings wohl auch auf der Avus nicht viel lauter gewesen, ständig fahren Traktoren an uns vorbei, Kastenwagen, sogar ein Tanklaster, weiß der Himmel, was der hier zu suchen hat. Barbara Krieger war heute Morgen schon schwimmen, einen Kilometer, 40 Bahnen. Das macht sie jeden Morgen, auch wenn ihr jedes Mal wieder eine Million Gründe einfielen, es doch nicht zu tun. Sie geht meist sehr früh ins Wasser, so um sieben, "ich gehöre zu den Nichtschläfern, ich lese immer so viel".

 

"Was lesen Sie?", frage ich.

 

"Bücher", antwortet sie.

 

Sie wartet kurz ab, ob sich der Scherz in meinem Gesicht bemerkbar macht. Macht er offenbar. Wieder fängt sie laut an zu lachen. Dann holt sie ihr iPad aus der Handtasche. Richtige Bücher lese sie kaum noch, "ich dachte immer, dass mir das haptische Erlebnis und der Geruch von Büchern wichtig sind, aber das ist totaler Blödsinn." Das iPad sei so praktisch, da könne man stundenlang unter der Bettdecke lesen und störe niemanden. Ich komme mir vor wie in einem Verkaufsgespräch. Vor Kurzem hat sie "Krieg und Frieden" von Tolstoi gelesen, "die Formulierungen sind Wahnsinn, das haut Sie um, Herr Müller!" Sie will mir jetzt eine tolle Textstelle vorlesen, sie hat sie extra mit einem Lesezeichen markiert, aber irgendwie will die Technik nicht. Vorführeffekt. Das sei ja mal wieder typisch, genau wie heute früh, da war ein Handwerker bei ihr, um nach dem Herd zu sehen. Der funktioniere einfach nie! Außer eben heute früh, da gingen alle Platten reibungslos. Sie wählt ein anderes Buch, Daniel Barenboims "Klang ist Leben", wie passend. Sie findet gelb markierte Stellen, immerhin, aber eigentlich wollte sie ja aus Tolstoi vorlesen ... "Ich bin irgendwie komisch", sagt sie wie andere vielleicht "Schönes Wetter heute" sagen würden und packt das iPad wieder ein.

 

Wir sind jetzt am Teehaus Belvedere, ein paar Touristen schleichen um das Haus herum, Barbara Krieger erzählt von ihrer Kindheit. Sie ist mit klassischer Musik aufgewachsen, ihr Vater spielt mehrere Instrumente, die Mutter hat immer laut Opern gehört, "ich konnte dem ja gar nicht entfliehen". Sie hätte ja rebellieren können, sage ich, E-Gitarre spielen zum Beispiel, Rockmusik hören. Sie bleibt stehen, breitet ihre Beine aus, stellt den Kopf in den Wind und macht mit tiefer Stimme: Bam-bam-baaaa-bam-bam-badaaaa, Deep Purple, "Smoke On The Water".

 

"Nein", sagt sie, "die kleine Barbara hatte schon immer den Klassik-Knall." Ihre Rebellion war eine andere. "Meine Eltern haben unglaublich viel ferngesehen, das fand ich total blödsinnig und habe mich dem verweigert." Vielleicht hat sie recht, ein wenig komisch ist sie schon. Nicht fernsehen? Wie viele Eltern wären froh, wenn ihre Kinder so rebellierten. Während andere die Schule schwänzten, um mit ihren Freunden Unsinn zu machen, schwänzte Barbara Krieger meistens für die Kunst. Einmal, da war sie 19 Jahre alt und stand kurz vor den Abiturklausuren, fuhr sie mit dem Zug nach Berlin, fast 500 Kilometer, um bei Horowitz' legendärem Berliner Konzert in der Philharmonie dabei sein zu können. Am Ende der 13. Klasse hatte sie so viele Fehlstunden, dass sie ihr Abitur einklagen musste. Sie machte es trotzdem mit Einserschnitt. Auch ihr Gesangsstudium am renommierten Mozarteum in Salzburg absolvierte sie später mit Auszeichnung.

 

Barbara Krieger hat schon immer nur das gemacht, was sie wirklich interessiert. "Ich mache nichts für andere, ich lebe nicht für die Galerie", sagt sie. Das sei auch ein Grund dafür, dass sie nur ein einziges Jahr, 1997 an der Staatsoper in Wien, fest in einem Ensemble engagiert war. Sie habe das immer als Beklemmung empfunden, singen zu müssen, was man ihr auftrug. "Heute Rossini, morgen Donizetti, übermorgen Verdi und wenn man Glück hat, kommt irgendwann etwas, das man mag." Ihre Leidenschaft seien schon immer Kammerkonzerte gewesen, intime Atmosphäre, Texte mit Tiefgang. Drei, vier Musiker, die zu einem verschmelzen, "eine Essenz von Klang", wie sie das nennt. "Wenn man bei einem Konzert nicht merkt, dass es Publikum gibt, sondern einfach nur noch miteinander musiziert, dann ist das die Krönung für mich."

 

Fotograf Martin Lengemann möchte jetzt die Fotos machen, er bittet Barbara Krieger, sich auf einen Sockel zu setzen. Er geht zwei Stufen hinab, beugt sich etwas herunter, sie sagt: "Hitler hat sich ja auch immer von unten fotografieren lassen, machen Sie das mit kleinen Menschen so?" Es ist im besten Sinne lustig mit ihr, man hat das Gefühl, man könnte einfach ein paar Stunden so weiterlaufen, mal ein bisschen herumscherzen, hin und wieder ein ernstes Wort wechseln. Barbara Krieger macht einem gute Laune, und es wirkt nicht so, als müsste sie diese gute Laune dafür erst anknipsen. Sie lache einfach gern, sagt sie, und ja, manchmal lache sie schlechte Momente auch einfach weg. Das sei eine Lehre aus dem Leben.

 

Was sie damit meint, ist auch ein Unfall, der zumindest ihr berufliches Leben in ein Davor und Danach einteilte. Im September 2002 wurde sie von einem Fahrrad angefahren, was erst mal nicht so gefährlich klingt. Sie hatte ein großes Loch im Kopf, musste operiert werden. Die Operation verlief nicht gut, es folgten viele weitere, mehr will sie darüber nicht erzählen. "Ich habe dieses Buch zugemacht, das war so doof, das hat mich fünf Jahre gekostet." Fünf Jahre, so lange dauerte es, das höchste Gebäude der Welt, das Burj Khalifa, zu bauen. Fünf Jahre nicht im Geschäft, für eine Sängerin ist das eine Ewigkeit. "Jetzt ist ja alles gut, da kann man doch fröhlich weiterleben", sagt Barbara Krieger. Man ist hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, dass sie es wirklich so meint und der Vermutung, dass es eine Selbstschutzbehauptung ist. Wir gehen weiter, wir sind jetzt hinterm Schloss, Kinder haben mit Stöcken das Alphabet in den Kies geschrieben.

 

"Alles auf das Maximum reduzieren"

 

Für ein paar Minuten lacht mal keiner von uns. Sie holt das Thema noch mal kurz zurück. Ja, das sei furchtbar gewesen, aber deswegen habe sie ja nicht nur daheim gesessen und Gott verflucht. "Ich habe dann eben anderen Unsinn gemacht." Kitesurfen, Hubschrauberfliegen, Highend-Snowboarden zum Beispiel. Jetzt-erst-recht-Hobbys. Aber Barbara Krieger sagt, dass sie extreme Hobbys schon immer gemocht habe. Zum Beweis holt sie ihren "Luftfahrerschein für Privathubschrauber" heraus, den hat sie 2000 gemacht, zwei Jahre vor dem Unfall. Sie ist durch ihren Mann darauf gekommen, er fliegt auch. Ihr gehe es dabei aber nicht ums Adrenalin, um das Gefühl, lebendig zu sein, sondern darum, Dinge zu tun, die hohe Konzentration erfordern. "Das ist ja bei der Musik genauso, man muss alles auf ein Maximum reduzieren." Das ist kein Versprecher, sondern ihr Leitspruch. Sie sagt diesen Satz drei, vier Mal.

 

Wenn man sich den Kalender auf ihrer Homepage anschaut, hat der Unfall zumindest keine langfristig negativen Folgen für ihre Karriere. Sie ist viel unterwegs, St. Petersburg, Dresden, Schnakenburg, Berlin, hat zwei viel beachtete CDs aufgenommen. Vor zwei Jahren hat sie bei der Goldenen Henne zu Ehren des tschechischen Staatsmanns und Freiheitskämpfers Václav Havel gesungen, "Rusalkas Lied an den Mond", von Dvorák. Auf Tschechisch. "Versuchen Sie mal Worte wie 'vpríbytky lidídas' (etwa: in der Menschheit Getriebe, Anm. d. Red.) zu singen...", wieder lacht sie laut. Das sei eine große Ehre gewesen. Nach der Veranstaltung kam Havel auf sie zu, nahm ihre Hand und weinte. "Das war sehr anrührend."

 

Auf dem Weg zum Mausoleum von Königin Luise erzählt Barbara Krieger von ihrer Familie, ihrem neunjährigen Sohn Konrad und ihrem Mann, den sie im Flugzeug kennenlernt hat. Auf dem Weg von Frankfurt nach Berlin. Das ist nicht viel Zeit zum Verlieben, für die beiden hat sie gereicht. Nach einer Woche machte er ihr einen Antrag, sie lehnte mit den Worten ab: "Wir haben uns doch noch nicht einmal geküsst!" Außerdem könne sie keinen Mann heiraten, mit dem sie nicht einmal ein Jahr zusammengelebt habe. Drei Tage später stand ein Möbellaster vor ihrer Haustür, sie lebte damals in Karlsruhe. "Herr Krieger sagt, Sie ziehen heute nach Berlin", sagte der Möbelpacker zu ihr. Sie zog um. Was man wissen muss: Barbara Kriegers Mann ist Kurt Krieger, Inhaber von Möbel Höffner. Wenn sich einer mit Möbeltransporten auskennt, dann er. Sie sind inzwischen seit zwölf Jahren verheiratet. Wenn abends alle daheim sind, setzt er sich ans Klavier und sie und ihr Sohn singen. Familienmusik.

 

Wir sind jetzt auf dem Weg hinaus aus dem Schlosspark. Am Parkplatz angekommen, soll ich raten, welches Auto ihr gehört. Das ist nicht so schwer, weit vorne steht ein schwarzer Mini, klavierlackschwarze Karosse, schwarzes Verdeck. Es ist eine Sonderedition, mit besonders vielen Pferdestärken. Wie sie da so stehen, die kleine Frau in Schwarz und das kleine schwarze Auto, passen sie gut zusammen. In beiden steckt viel Kraft, von außen sieht man sie bloß nicht.

Berlin-Tops

Die schönsten Kiezkinos, die beliebtesten Currywurst-Buden

Erleben Sie das Beste von Berlin...

Restaurantempfehlungen

Von der Currywurst bis zur Gastronomie der Spitzenklasse

Für alle, die besser Essen wollen...

Geschäfte, Märkte, Shoppingviertel

Modelabels, Buchhandlungen, Einkaufsstraßen

Alles, was zum Stöbern einlädt...