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Berliner Spaziergang

Kommissarin auf Kiezkontrolle

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Caroline Peters, Schauspielerin
Caroline Peters

Caroline Peters

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Caroline Peters

In Berlin muss man aufpassen. Besonders an der Torstraße, in deren Nähe Caroline Peters seit sieben Jahren wohnt. Kaum ist die Schauspielerin nämlich mal für einige Tage weg, hat auch schon wieder ein neuer Laden aufgemacht. Wenn die Freunde dann fragen, ob man sich um sieben im "3minutes" trifft, mag man ja nicht sagen: "Äh, wo?" Und aussehen wie ein "Dummbeutel". Oder wie ein Tourist. Was im Prinzip dasselbe wäre. Also wird der Spaziergang genutzt, um zu schauen, was es Neues in der Nachbarschaft gibt. "Kiezkontrolle", erklärt Caroline Peters und beginnt entschlossenen Schrittes mit der Prenzlauer Allee.

 

Einen guten Schauspieler erkennt man daran, dass man ihn nicht erkennt. Unter der Regie von René Pollesch hat Caroline Peters die Bühne im Berliner Prater in Grund und Boden geredet, in Israel ist sie als die weltverbessernde Pia aus dem Film "Walk on Water" von Eytan Fox bekannt, und in der ARD ist gerade die zweite Staffel ihres Eifelkrimis "Mord mit Aussicht" gestartet. Darin spielt sie Sophie Haas, eine überdreht-eigenwillige Kommissarin aus der Großstadt, die Episode für Episode an der Widerstandskraft der Landbevölkerung verzweifelt. Und an sich selbst. Drei komplett verschiedene Rollen, keine hat etwas mit der anderen zu tun. Und schon gar nicht mit der Frau, die an diesem Nachmittag um fünf ihren Kontrollrundgang beginnt.

 

Das fängt schon damit an, dass Caroline Peters eine neue Haarfarbe hat. Gerade hat sie nämlich ihren jüngsten Film abgedreht. Der Psychothriller "Im Netz" von Isabel Kleefeld. "Wir haben den Film auf High Definition gedreht. Das verändert die Farben." Um im Film braunhaarig zu sein, musste sie also ihre blonden Haare rot färben. Logisch.

 

Ausgefallenes ist schön

 

Wir gehen auf den Friedhof St. Marien und St. Nikolai. Die Stadt hatte das Gebiet als Bauland ausschreiben wollen, die Anwohner aber haben sich einen Spielpark erkämpft. Caroline Peters lacht, "im Prenzlauer Berg macht man aus allem eine Kinderwiege", sagt sie. Wir beobachten irritiert, wie ein dreitagebärtiger Mann einen Grabstein als Wickeltisch benutzt. Ein Mädchen bittet artig um ein Autogramm. "Wie heißt du denn?" - "Josephine". Mit den Autogrammkarten, das erzählt Caroline Peters später, hätte sie einen großen Fehler begangen. "Ich habe meine fünfjährige Nichte das Motiv wählen lassen." Den Geschmack von Fünfjährigen trifft die Grimasse auf dem Foto in der Tat. Nur leider ist das ganze drei Jahre her. "Selbst meine Nichte findet die Karte heute scheußlich", erklärt Peters. Aber da könne man jetzt eben nichts mehr machen. In "Mord mit Aussicht" spielt Caroline Peters die Sophie Haas mit einer Komik, die gerne ins Groteske rutscht. Ihr eigentlicher Humor aber ist fröhlicher und tiefer.

 

Gerade kommt Caroline Peters aus ihrem Frankreich-Urlaub zurück. Da hat sie sich auch die Bluse geschossen, die sie heute trägt. Schwarz mit einem Muster aus Tigerköpfen. Mit dem gold-schwarz glänzenden Reißverschluss kann man den Ausschnitt komplett zuziehen. Das wäre aber schade, dann könnte man nämlich das rosa-grüne Fabergé-Ei an ihrer Halskette nicht mehr sehen. "Ein Erbstück." Caroline Peters mag ausgefallene Sachen, viele davon kann man auch in "Mord mit Aussicht" bewundern. Aber das sind doch eher Berliner Designer, oder? "Stimmt überhaupt nicht", sagt Peters. Dann überlegt sie: "Na, ja, mein Hochzeitskleid, das ist aus Berlin." Moment Mal, Sophie Haas heiratet? Peters lacht und fuchtelt vielsagend in der Luft herum.

 

Ums Eck ist der Winsstraßen-Kiez. "Da habe ich auch mal gewohnt", erklärt Peters. "Da trifft man im Supermarkt ständig nur Kollegen, die ihre neuesten Erfolge austauschen. Ich habe mich irgendwann gar nicht mehr ungeschminkt hingetraut."

 

In der Belforter Straße, wo einst einer der nettesten Klubs der Gegend war, ist jetzt ein Büro. "Hat das 'Luxus' zu? Da war ich extrem gerne", sagt Peters. "Hier ändert sich wirklich ständig alles." An der Litfaßsäule hängt Werbung für das Programm des Admiralspalastes. "Karl Dall ist 'Der Opa'", liest Peters. "Andere Sachen wiederum ändern sich nie."

 

An der Berliner Schaubühne hatte Caroline Peters ihr erstes Engagement, in der Spielstätte Ballhaus Rixdorf am Kottbusser Damm. "Das waren diese verrückten Ausflüge in den Neunzigerjahren: Schaubühne goes wild!", sagt sie. Die zweite Arbeit war dann im Haus am Lehniner Platz. Von dieser Anfangszeit ist ihr die Liebe zur Gegend zwischen Kurfürstendamm und Kantstraße geblieben. "Berlin gehörte bei uns immer schon zur Familie, auch wenn ich in Köln aufgewachsen bin", sagt Peters. "Die Kindheit meines Bruders spielte hier, in der Wohnung seiner jüdischen Großmutter am Theodor-Heuss-Platz. Meine Mutter hat uns immer gesagt: Wir sind Berliner, aber wir wohnen in Köln."

 

Wir gehen an einem Haus vorbei, das die Wende ausgesessen hat. "Herrlich", sagt Caroline Peters. "Als mein kleiner Bruder das erste Mal zu Besuch in Berlin war, da hat ihn der Anblick so eines Hauses total geschockt." Dieses Gefühl des Besonderen dieser Stadt hat sie sich bewahrt. "Ich finde es immer noch unglaublich, hierhin gezogen zu sein, genau in der Zeit, in der mitten in Europa eine ganze Stadt neu aufgebaut wird. Hier kann sich niemand etwas erschaffen und es für die nächsten 30 Jahre festhalten, alles ändert sich permanent und zwingt einen so, sich auch dauernd zu ändern."

 

Aber auch was dem widersteht, fasziniert sie. "Es wird so oft gesagt, man hätte nur die DDR verloren, aber des stimmt doch gar nicht. Der alte Westen, die Welt, in der ich aufgewachsen bin, diese Welt aus Glasbausteinen, Kaugummi-Automaten und Gartenzwergen, die ist doch auch untergegangen." Wir biegen in die Torstraße ein. Vorbei an "Jünemann Pantoffel Eck" von 1908. "Kaufen, reinschlüpfen, wohlfühlen", liest Peters. "Komisch, ist mir noch nie aufgefallen."

 

An den "Torstraßenboulevard" ist sie gezogen, weil es hier Galerien gab und schräge Bars. Heute aber geht sie lieber mit Freunden essen. "Und auf einmal machen hier alle möglichen Restaurants auf, solche, für die Leute von überall her anreisen", erklärt Peters zufrieden. "Berlin macht immer alle Entwicklungen mit, die ich gerade brauche."

 

Die Spätsommersonne heizt die Straße auf, wir wechseln die Seite. Gibt es denn in ihrem Haus auch schon eine Ferienwohnung mit nervendem Reisevolk, das nachts betrunken die Treppe hochstolpert? "Das ist Wahnsinn", sagt Peters. "Ich habe letztens mal nachgerechnet, in meiner Gegend haben innerhalb von kürzester Zeit elf neue Hotels oder Motels aufgemacht. In fünf Jahren lebt hier überhaupt niemand mehr, dann wird das ganze Viertel komplett tageweise vermietet. Man fragt sich allerdings, wie das funktionieren wird, und vor allem: wozu?"

 

Mittendrin, zwischen Möbel Horzon und anderen Monumenten der Großstadt, haben sich noch Läden wie diese Currywurst-Bude gehalten, vor der wir jetzt bewundernd haltmachen. "Der Hipster kommt immer näher", sagt Peters, "aber er hat es trotzdem nicht geschafft, die ganze Torstraße zu erobern. Das muss an der Widerstandskraft der ehemaligen DDR-Bürger liegen." Direkt daneben liegt eine Zoohandlung, drinnen stehen zwei Neo-Hippies, die gerade Meerschweinchenfutter erstehen. "Hier gibt es Läden, in denen nur noch Spanisch oder nur Französisch gesprochen wird. Und dann gibt es den Tierbedarf. Da trifft dann der Künstler-Jetset auf die alten Ost-Berliner, und man kauft gemeinsam für die Schätzchen ein."

 

Für die Provinz-Kriminette "Mord mit Aussicht" gab es zahlreiche Nominierungen und den Cinema-Publikumspreis. Die Feuilletons diskutierten über die Serie, eine Seltenheit bei Krimis, die nicht der "Tatort" sind. Warum? "Das Leben auf dem Land scheint ein Thema zu sein, das die Leute sehr beschäftigt", sagt Peters. "Ich frage mich immer: Stadt kann doch auch Heimat sein. Warum aber scheint es undenkbar, dass ein Heimatfilm irgendwo anders spielt als in der Provinz?"

 

Der Flirt mit Liefers

 

In dem Moment kommt uns Axel Prahl entgegen. Der Kollege vom "Tatort" Münster. Grüßt freundlich. Hatte sie mit dem nicht mal was? Ich erinnere mich an eine Szene, wo sie in einem Krankenhausbett liegt, und er sie küsst. "Ne, ich habe mal mit Jan Josef Liefers geflirtet, im Münsteraner "Tatort". Da saß ich im Rollstuhl. Aber die Szene ist dann gestrichen worden."

 

Rechts taucht ein Schreibwarenladen auf. "Hier kaufe ich meine Seitenheber." Bitte was? "Zeige ich Ihnen." Wir gehen rein. Die Türklingel schellt. Peters geht zielstrebig zu einem Ständer und fängt an, ihn rumzuwirbeln. "Das sind so Dinger aus Pappe, mit denen man Stellen im Drehbuch markiert." Sie findet sie nicht. "Ich frag mal nach." Hinter der Theke stehen drei Frauen, davor zwei Kunden. Wir warten. Nach ein paar Minuten sagt Caroline Peters: "Hier hat der Hipster auch nicht gewonnen." Und wir ziehen weiter. Vorbei am Haus, in dem Wim Wenders wohnt. Mit Pool auf dem Dach. Es scheint so, als sei Peters von einem Schauspielerkiez in den nächsten gezogen.

 

Vor dem "Bandol" sind alle Tische reserviert. "Die haben hier 'Pink Floyd', das ist ein Rosé vom Château Miraval", sagt Peters. Das Weingut, in dem Angelina Jolie und Brad Pit heiraten wollten? "Genau das." Wir fragen, ob wir eine Reservierung ignorieren dürfen. Dürfen wir. Die neue Staffel von "Mord mit Aussicht" beginnt damit, dass Sophie Haas nun doch in Hengasch bleibt. Freiwillig. Was ist da passiert? "Sie hat sich mittlerweile in ihre eigene Außenseiterrolle verliebt. Das Stichwort ist 'Splendid Isolation'." Vielleicht ist die Figur darum so beliebt. Wer identifiziert sich nicht gerne mit dem einzig coolen Typen, der von Idioten umzingelt ist?

 

Und wie geht es weiter in Hengasch? Die Wache wird immer wichtiger, die Fälle treten immer mehr in den Hintergrund. Peters ist glücklich über diese Entwicklung. Alle schielten immer neidisch auf den Erfolg der Serien in England und Amerika, aber die wenigsten trauten sich, deren Konzept zu importieren. "Ein epischer Roman, erzählt in einer Serie", sagt Peters. An so etwas nähere sich der "Mord mit Aussicht" jetzt in kleinen Schritten an.

 

Der Kellner kehrt zurück, der Château Miraval sei leider aus. Er schenkt einen anderen Rosé zum Probieren ein. "Ist der von Vanessa Paradis?", fragt Peters. "Die soll ja jetzt wieder in Frankreich wohnen." In der nächsten Woche beginnen für die Frau Burgschauspielerin, so ihr offizieller Titel in Wien, die Proben. Sie spielt die Jelena in Tschechows "Onkel Wanja", Regie führt Matthias Hartmann. Wieder eine Frau, die aus der Stadt aufs Land zieht, diesmal eine mysteriöse.

 

Im Kino ist sie seltener zu sehen. Ihre größte Rolle war 2004 in "Walk on Water", dort lernt sie als Nazi-Enkelin einen Mossad-Agenten kennen, der auf ihren Großvater angesetzt ist. Überall wird sie auf diese Rolle angesprochen: in Kanada, in Israel, zuletzt noch im Urlaub in Frankreich. Nur in Deutschland ist der Film gefloppt. "Das Kino hierzulande ist unterbelichtet", erklärt sie. Kinoerfolge - das seien fast immer Komödien. Dabei werde viel Spannendes gedreht, nur eben für nicht fürs Lichtspieltheater. "Bei uns läuft mittwochs bei der ARD, was in Frankreich ein Kinofilm wäre." Eine Feuerwehrsirene kommt von links, ein tönendes Polizeiauto von rechts. "Die Torstraße ist übrigens auch eine Autobahn", sagt Caroline Peters, als man sich wieder verstehen kann.

 

Müssen wir das Kino mehr pflegen? "Nein, wir müssen einfach mehr hingehen. Ähnlich wie beim Theater: Es heißt immer, die Wiener lieben ihre Schauspieler und lieben ihre Burg. Das stimmt überhaupt nicht, vieles nervt sie da total oder langweilt sie oder macht sie rasend. Aber sie schauen sich trotzdem die Stücke an, das ist eben ein Teil der Alltagskultur." Die Deutschen aber seien bequem. "Es muss alles nach Hause geliefert werden - am besten noch umsonst."

 

Das erklärt aber immer noch nicht, warum wir Krimis so lieben. Caroline Peters lacht, trinkt einen Schluck Rosé und lehnt sich verschwörerisch vor: "Die Nachkriegszeit." Irgendwie seien wir eben fixiert auf die Schuldfrage. "Das zieht sich durch alle Lebensbereiche durch: Ständig muss geklärt werden, wer schuld hat. Auch hinter den Kulissen: Wer hat das Kostüm falsch zusammengenäht, wer hat den Probentermin verbaselt? Ist das nicht eigentlich total egal? Viel wichtiger ist doch die Frage, wie man das Problem lösen kann. Stattdessen wird ermittelt, dass die Näherin krank war und der Mann auf einem Termin, und das Kind aber zum Hockey musste..." Mit dieser Theorie kann man auch erklären, warum "Mord mit Aussicht" so beliebt ist, obwohl es eigentlich weder große Spannung noch kompliziert verwickelte Fälle gibt. Denn auch ohne brutale Täter, ohne kriminalistische Genies gibt es in dieser Serie etwas, das das Fürchten lehrt. Caroline Peters hebt ihr Glas zum Anstoßen und erklärt: "Das einzige, wovor wir alle Angst haben, ist die Provinz."

 

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