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Stadtführung

Die Geheimnisse der stillen Örtchen

Mit einer dicken Mappe unterm Arm, vollgestopft mit unzähligen Bildern und Informationen, wartet Anna Haase einmal im Monat vor dem alten Toilettenhäuschen am Gendarmenmarkt auf Publikum. Das grün lackierte Häuschen, im Berliner Jargon auch "Café Achteck" genannt, ist Ausgangspunkt für eine der außergewöhnlichsten Touren durch Berlin.



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Stadtführerin Haase tourt mit interessierten Teilnehmern von Toilette zu Toilette und erzählt dabei Geschichten rund um die Berliner Hygiene- und Toilettenkultur.

 

Die Idee zu diesem ganz speziellen Rundgang kam der 59-Jährigen anlässlich des "Welttages des Gästeführers" am 21. Februar vor sechs Jahren. Das Thema des Aktionstages hieß 2005 "Oasen der Ruhe". Anna Haase hatte keine Lust, ihre Kunden klassisch durch Kirchen oder stille Parks zu führen. Also kamen ihr die besonders stillen Örtchen in den Sinn, die zwar jeder von uns täglich aufsucht, die aber dennoch tabuisiert werden. "Es unterhält sich doch niemand darüber, ob er heute schon besonders gut konnte. Darum habe ich mir überlegt: Reden wir über eine Oase, über die man nie spricht. Ich habe versucht, an einem Tabu zu kratzen, das seit dem Mittelalter nicht aufgebrochen wurde", sagt Haase.

Öffentliche WCs erst seit 1865

Freunde, Kollegen und Verwandte rieten ihr von der Idee ab, doch Anna Haase hielt an ihr fest, begann, in Bibliotheken Informationen zur Geschichte und Entwicklung der Toiletten- und Hygienekultur zu sammeln. Mittlerweile ist sie mit ihrem Angebot, das sie "Tour de Toilette" nennt, bis weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Die Tour wird nicht nur von Tages- oder Wochenendtouristen gebucht, sondern vor allem von Leuten, die Berlin schon kennen und das Skurrile suchen. Gelegentlich nehmen an der Führung auch Mitarbeiter von Firmen teil, die mit Abwasser zu tun haben, oder Berufsschullehrer, die Installateure ausbilden. Zwischen zwei und zweieinhalb Stunden dauert die "Tour de Toilette", und gleich der Treffpunkt vereint viele Facetten der Toilettenkultur in sich. Das um 1880 erbaute "Café Achteck" verdankt seinen Namen einem bildlichen Vergleich. In ihm könne "man seinen Kaffee loswerden". Damals war das achteckige Häuschen mit sieben Stehpissoirs ausgestattet. Öffentliche Toiletten gab es anfänglich nur für Männer. 1895 entstand auch die erste WC-Anlage für Damen, in der Nähe des Roten Rathauses. Mittlerweile gibt es sogar am schicken Gendarmenmarkt Damenkabinen. Eine Veränderung, die Anna Haase "Konversionskuriosität" nennt.

 

Derartige Kuriositäten gibt es viele in der Stadtführung. So wurde die laut Haase zweitbestbesuchte öffentliche WC-Anlage Berlins am Wittenbergplatz für eine Pizzeria, die sich jetzt dort befindet, geschlossen. Auch die öffentliche Toilette am Kurfürstendamm/Ecke Joachimstaler Straße hat sich stark verändert: Die Anlage, die einst von vielen Drogensüchtigen aufgesucht wurde, erstrahlt heute in blauem Licht, das es den Heroinabhängigen schwerer macht, ihre Venen zu finden. "Das WC ist jetzt sehr sicher, schön und vor allem clean", erzählt Anna Haase. "Die Tourteilnehmer sind am Ende immer sehr überrascht, wie viel sie über die Toilettenkultur erfahren haben. Meine Erzählungen reichen ja bis 300 vor Christus."

 

In der Tat: Frau Haase geizt nicht mit Informationen, die sie begeistert weitergibt. So erfährt man auf ihrer Tour unter anderem, dass die Stadt Berlin zwischen 1237 und dem Ende des 19. Jahrhunderts erhebliche Probleme mit der Abwasserentsorgung hatte und dass die erste öffentliche Toilette in einer Großstadt 1856 anlässlich der ersten Weltausstellung in London erbaut wurde. Auch dass Ernst Litfaß in jede seiner Säulen eine Toilette einbauen wollte, weiß wohl kaum jemand, der die "Tour de Toilette" nicht mitgemacht hat.

 

Anna Haase beschäftigt sich auch mit der Gegenwart der Hygienekultur. Und die ist für die Selbstständige alles andere als erfreulich. "Bis heute haben noch immer 2,6 Milliarden Menschen in ihrem Leben keine Spültoilette gesehen. Wir hingegen benutzen sechs Mal täglich das WC und verbrauchen dabei pro Spülung zwischen acht und elf Liter Trinkwasser!" erzählt Haase kopfschüttelnd. Aber nicht nur diese Verschwendung ärgert sie, sondern auch die Tatsache, dass es in Berlin auch "immer weniger große öffentliche WC-Anlagen" gebe.

Zu wenige Toiletten für Touristen

Frau Haase bietet auch Sightseeingtouren durch Berlin an. "Wenn ich mit großen Reisegruppen unterwegs bin, ist es vor allem am Wochenende schwierig, eine Anlage zu finden, wo alle die Toilette benutzen können und wir dazu nicht ewig brauchen", ärgert sich Haase. Berlin werde zwar jährlich von 20 Millionen Touristen besucht. Aber hinsichtlich der kleinen Nöte, die so mancher auf langen Touren durch Berlin unterwegs verspüre, trage die Stadt diesen nur ungenügend Rechnung. Es fehle schlicht an öffentlichen WCs. Die "Tour de Toilette" endet in der Erlebniskneipe "Das Klo" in der Leibnizstraße in Charlottenburg. Dort befindet sich eine der modernsten Toiletten. Sie kommt aus Japan und ist so teuer wie ein Kleinwagen. Dafür erwarten den Besucher ein beheizter Sitz und ein System, das den Körper nach dem Toilettengang duscht und reinigt. In der Kneipe trinkt Anna Haase meist noch einen kleinen Absacker mit ihren Gästen - damit sie diese Hightech-Toilette auch benutzen.

 

Auf www.annahaase.de bietet die Berlinerin weitere Touren an. Der Weltgästeführertag findet jährlich am 21. Februar statt. Für die kostenlosen Rundgänge muss man sich nicht anmelden. Infos im Netz unter www.gratis-in-berlin.de

 

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