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Neuer Direktor

Naturkundemuseum will Mitmach-Forschung

Ab Februar übernimmt Johannes Vogel die Leitung des Berliner Naturkundemuseums. Im Interview mit Berlin1 spricht der Pflanzenkundler über Biodiversität, gläserne Labore und was Berlin von London lernen kann.
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Wenn sich Kinder um die Juraskope im großen Dinosaal des Naturkundemuseums drängen, glänzen Johannes Vogels Augen. So soll ein Naturkundemuseum sein, findet er: ein Ort, an dem jeder Wissen über die biologische Vielfalt erleben und verstehen kann. Wie der neue Generaldirektor des Naturkundemuseums das in Zukunft schaffen will, erklärt er im Gespräch.

 

Berlin 1: Das Berliner Naturkundemuseum zählt zu einem der Top-Ten-Museen für Naturgeschichte. Jedes Jahr strömen Millionen Menschen hinein. Am 1. Februar übernehmen Sie die Generaldirektion. Haben Sie Lampenfieber?

 

Johannes Vogel: Nein. Ich habe mich in den vergangenen 20 Jahren systematisch auf die Vermittlung von Wissenschaftsthemen an ein breites Publikum gewöhnt. In London war ich in den vergangenen Jahren ja Chefkurator der Botanischen Sammlung. Da lernt man schnell, dass man ein paar Jahre harte Arbeit hat – und eine Abteilung oder ein Museum dann läuft. Für das Berliner Naturkundemuseum werden wir drei Jahre brauchen.

 

Berlin 1: Das ist ein enger Zeitplan – immerhin gibt es im Museum eine Sammlung mit 30 Millionen Stücken, es muss geforscht werden, gleichzeitig sollen die Ergebnisse noch der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

 

Johannes Vogel: Ja, aber die Herausforderungen hier im Haus gleichen denen in London. Wir haben auch hier in Berlin eine riesige Sammlung und Wissenschaftler, die sich mit diesen Sammlungen sehr stark identifizieren. Aber wenn man vor 15 Millionen Insekten steht, und die Welt Zugang zu allen Daten über diese Insekten haben will – dann ist das eine ernorme Herausforderung. Das stimmt. Aber ich glaube, das bekommen wir hin. Ich kenne das Haus noch nicht so gut, aber wenn wir in der Sammlung moderne Technik einsetzen, wird schon viel gewonnen sein.

 

Berlin 1: Sie träumen von einer Art „gläserne Fabrik zur Artenbestimmung“. Damit wollen Sie erreichen, dass bei der Bestimmung der biologischen Vielfalt vieles automatisierter abläuft. Roboter und Maschinen sollen beispielsweise automatisch aus gesammelten Tieren die herausfiltern, die bereits bekannt sind. Dann müssten sich die Taxonomen nicht mehr mit Bekanntem aufhalten, sondern könnten sich auf neue Spezies konzentrieren. Wie wollen Sie so etwas schaffen?

 

Johannes Vogel: Wenn wir eine Biodiversitäts-Entdeckungsmaschine entwickeln wollen, dann kann ich das natürlich nicht alleine entwickeln und aufbauen. Sondern ich leite die Diskussion mit hausinternen und externen Experten, um sich dem schrittweise zu nähern. Es geht darum, die Kräfte freizusetzen, um ein solches Ziel zu erreichen.

 

Berlin 1: Warum muss die biologische Vielfalt überhaupt erfasst werden?

 

Johannes Vogel: Das ist deshalb so wichtig, weil wir uns derzeit in der sechsten Aussterbephase auf der Erde befinden. Der schnellste Verlust von Biodiversität, den die Erde bislang erlebt hat. Dieses Mal ist weder ein Meteorit noch eine Veränderung der Erdachse der Verursacher – sondern wir. Und auf der anderen Seite ist es so, dass wir ganz unmittelbar von der Biodiversität abhängen. Biodiversität ist unsere Nahrung, unser Atmen, unsere Kleidung und unsere Medizin. Und wir haben die Verantwortung, dass wir wissen müssen, wie diese Ökosysteme überhaupt funktionieren und wie der Mensch da hineinpasst.

 

Berlin 1: Das Sterben der Arten ist rasant – wie wollen Sie mit der Bestimmung Schritt halten?

 

Johannes Vogel: Ich glaube, es gibt sehr viele Techniken und Methoden, die in anderen Branchen bereits benutzt werden. Die würde ich gerne am Museum zusammenführen. Nehmen Sie beispielsweise die Botanik. Viele Sammlungsstücke in Museen sind aus alten Herbarien – da klebt irgendwo ein Zettel, auf das ein Botaniker vor 100 Jahren eine Artbezeichnung handschriftlich draufgeschrieben hat. In den USA gibt es bei der Post ein hervorragendes Handschriftenleseprogramm. Es müsste sich also kein Mitarbeiter mehr hinsetzen und mühsam die Schrift entziffern – das geht heute automatisch.

 

Berlin 1: Aber mit den knappen Mitteln eines Berliner Naturkundemuseums werden Sie das nicht schaffen.

 

Johannes Vogel: Stimmt, mit unseren eigenen Mitteln schaffen wir das nicht. Wir müssen dann die Industrie, Sponsoren und andere Partner miteinbeziehen.

 

Berlin 1: Was prädestiniert denn Berlin dazu, Standort für so ein derart großes, international einzigartiges Projekt zu werden?

 

Johannes Vogel: Berlin will die Kultur- und Wissenschaftshauptstadt Europas sein. In dieser Stadt herrscht eine sehr agile, intellektuelle und künstlerisch aktive Atmosphäre. Berlin will sich zu etwas entwickeln – und dann ist es genau der richtige Standort, an dem man versuchen sollte, Sachen anders zu machen. An Berlin gefällt mir, dass jeder, den man trifft, sagt: „Was können wir gemeinsam machen?“ – eine perfekte Einstellung, um Dinge umzusetzen.

 

Berlin 1: Sie selbst veranschlagen bis zu 20 Milliarden Euro, um eine solche Biodiversitäts-Endeckungsfabrik aufzubauen.

 

Johannes Vogel: Für die Fabrik an sich nicht – da brauchen wir unter 100 Millionen Euro. Aber wir müssen in den biodiversitätsreichen Ländern die Kapazität schaffen, dass die Vielfalt dort entdeckt wird. Man muss dort Leute ausbilden und Stationen aufbauen. Das Ganze kann ich mir über ein Stiftungsmodell vorstellen. So könnten wir für Deutschland einen Kader an Wissenschaftlern auf der ganzen Welt schaffen, die sich der Biodiversität verschrieben haben.

 

Berlin 1: Aber das Museum selbst ist – obwohl es für viele Millionen Euro bereits saniert und renoviert wurde, doch noch ziemlich veraltet. Es gibt marode Säle, Fenster sind undicht…

 

Johannes Vogel: Ja. Wir können dem Senat, der Leibniz-Gemeinschaft und dem Bund sehr dankbar sein für das Geld, das sie bereits zur Sanierung zugesagt haben. Die nächste Bauphase hat ja bereits angefangen. Wir brauchen noch zwei oder drei weitere Bauphasen, um das ganze Haus zu renovieren. In Europa gibt es eine Renaissance der Naturkundemuseen. Im ausgehenden 19.Jahrhundert brauchte jede Nation zwei Dinge: Kanonen und Naturkundemuseen. Und die Naturkundemuseen haben zum Glück überlebt. Nun ist es unsere Pflicht, diese alten Gebäude und Sammlungen auf den neusten Stand zu bringen, damit sie auch für weitere Jahrhunderte verfügbar sind.

 

Berlin 1: Wie wollen Sie der Öffentlichkeit die Forschung näherbringen?

 

Johannes Vogel: Man muss die Forschung transparent machen und zum Mitmachen einladen. Dazu müssen die Mitarbeiter geschult und unterstützt werden, sodass sie die Faszination für ihre Bereiche auch einer Klasse Schulkindern vermitteln können. Hierbei helfen auch die attraktiven Vortragsreihen und anderen Veranstaltungen des Museums.

 

Berlin 1: In London gibt es gläserne Labors, in denen Forscher ihre Arbeit zeigen.

 

Johannes Vogel: Ja, das wird vom Publikum gut angenommen. Die Wissenschaftler sitzen dann zwar ein wenig wie in einem Käfig, können den Besuchern aber über ein Mikrofon erklären, was sie machen. Vielen Forschern macht das Spaß – wir müssen sehen, ob das auch etwas für Berlin sein könnte.

 

Berlin 1: Viele Naturkundemuseen setzen auch auf Citizen Science – also darauf, dass jeder ein wenig mitforschen kann, wenn er will.

 

Johannes Vogel: Ja. Nehmen Sie beispielsweise hier in Berlin die Stadtnatur. Ein Kind im Alter von drei oder vier Jahren kennt heutzutage zehn verschiedene Automarken, aber es kann die Bäume nicht unterscheiden – aber mithilfe von modernen Kommunikationstechniken kann das jeder lernen. Und dann kann jeder die Baumarten seiner Nachbarschaft bestimmen. Die Daten, die dadurch gewonnen werden, könnte man wissenschaftlich nutzen. Aber wir müssen erst einmal ein Gefühl dafür bekommen, was die Berliner interessiert und womit man sie begeistern kann. Wir müssen mit den Bürgern ins Gespräch kommen und erfahren, was sie wollen.

 

Berlin 1: Wollen Sie London nach Berlin bringen?

 

Johannes Vogel: Nein, wir müssen die Stärken, die wir hier am Haus haben, nutzen – und diese dann als Marke ausbauen.

 

Berlin 1: Was ist das wichtigste Thema, das Sie künftig mit dem Berliner Naturkundemuseum präsentieren wollen?

 

Johannes Vogel: Die Welt hat sich in Nagoya darauf geeinigt, bis 2020 etwas für die Biodiversität zu tun. Und das erste Ziel ist, dass die Bevölkerung mehr wissen soll, was Biodiversität überhaupt bedeutet. Da sind nationale Naturkundemuseen herausgefordert, für die öffentliche Bildung zu sorgen – durch Ausstellungen, Sonderausstellungen und öffentliche Programme.

 

Über den neuen Direktor:

 

London - Professor Johannes Vogel (48) wurde in Bielefeld geboren und hat in Bielefeld und Cambridge studiert. In London war er seit 2004 Chefkurator für die botanische Sammlung am Naturhistorischen Museum. Vogel ist mit Sarah Darwin, einer Ururenkelin von Charles Darwin, verheiratet und hat zwei Söhne. Schon jetzt gehört das Naturkundemuseum zu den Top Ten der Naturhistorischen Museen weltweit. Um es unter die Top Five zu schaffen, hat der Biologe eine Menge Pläne.

 

Innovation - Für seinen Sohn Leo Erasmus (8) ist das Museum schon jetzt die Nummer eins – dort kann er sehen, wie Dinosaurier aussahen, fraßen und sich bewegten. Für seinen Vater birgt der große Dino-Saal ein Beispiel für eine erfolgreiche Ausstellung: Die Präsentation des Urvogels Archaeopteryx. Einige Forscher sagten, man könne dieses einzigartige Exemplar nicht ausstellen, es sei zu kostbar. Dann ließ sich Uwe Moldrzyk, der damalige Ausstellungsmacher, eine Liste geben, warum es nicht gehe – und hat mithilfe der „Geht nicht“-Liste eine besondere Präsentationsform mit Speziallicht, Temperatur- und Feuchtekammer und Panzerglas entwickelt.

 

Aktuelles - Zwei Sonderausstellungen locken derzeit in die Invalidenstraße: „Biopolis – Wildes Berlin“ zeigt, wie sich Wildtiere den Stadtraum erobern (bis 26.2.). „Federflug“ schildert die spannende Entdeckungsgeschichte des Urvogels Archaeopteryx (bis 29.2.). Die 30. Lange Nacht der Museen am Samstag thematisiert das Werk von Carl von Linné, der die Schöpfung katalogisierte und damit begann, allem Getier und Gewächs einen Namen zu geben. Zu den Osterferien startet die neue Sonderausstellung „Elefantenreich“ zur Tierwelt Deutschlands vor 200.000 Jahren.

 

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