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100 Dinge in Berlin

Ein magischer Ort voller Leben

Der Jüdische Friedhof in Weißensee ist eines der faszinierendsten Denkmäler in Berlin, nun soll die Anlage Weltkulturerbe werden
Jüdischer Friedhof

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"Liebe macht das Lied unsterblich" steht in goldenen Lettern auf dem Grabstein von Louis und Helene Lewandowski. Der Stein steht im ersten Grabfeld in der Ehrenreihe unweit des Eingangs zum Friedhofsgelände. Vögel zwitschern, laut und melodiös. Fast scheint es, als wollten sie die Bedeutung der Worte für den jüdischen Komponisten und Oberkantor Louis Lewandowski (1821-1894) mit ihrem Gesang betonen. Natürlich ist dieser außergewöhnliche Friedhof Ort der Erinnerung und Ort des Gedenkens. Dennoch: Totenstille herrscht hier nicht.

 

Bet ha-Chajim - Ort des Lebens - werden jüdische Friedhöfe auch genannt. Wer Europas größten jüdischen Friedhof in Weißensee besucht, wird, wenn er aufmerksam über das 42 Hektar große Areal geht, zwischen den mehr als 115.000 Gräbern die Sinnhaftigkeit von Bet ha-Chajim entdecken.

 

Allein die Vielfalt der Vegetation: fast so dicht, wie auf den acht riesigen Feldern Grabsteine, Mausoleen und Wandbegräbnisse stehen, ragen unzählige Bäume in den Himmel, der durch das dichte Grün der Baumkronen schimmert: Linden, Eschen, Ahornbäume, Eichen, Pappeln und Eiben. Unter dem Efeuteppich auf der Erde rascheln Tiere. Selbst Füchse und Habichte gibt es hier. Dass die steinernen Grabmale der vergangenen 132 Jahre, eingebettet in dieses wild wuchernde Biotop, erhalten blieben, gleicht einem Wunder. Anders als die meisten jüdischen Friedhöfe blieb diese 1880 in Weißensee eröffnete Ruhestätte von der Zerstörungswut der Nationalsozialisten verschont. "Es wird erzählt, dass die Nazis damals dachten, hier existiere ein Golem, ein Geist, und dass sie diesen Ort deshalb mieden", berichtet Hendrik Kosche von der Jüdischen Gemeinde. Mit Beginn der Vertreibung und Vernichtung der Juden blieben die Gräber unbeachtet, sie wurden auch nicht gepflegt oder instand gesetzt.

 

Preisgekrönte Dokumentation

Dass der Jüdische Friedhof Weißensee wieder stärker ins Bewusstsein gerückt ist, verdankt dieser besondere Ort auch dem preisgekrönten Dokumentarfilm der Berlinerin Britta Wauer. Mit berührenden Sequenzen von den Geschichten hinter den Grabstätten, dem Leben auf dem Friedhof und den Schicksalen der Juden, die hier ihre letzte Ruhe fanden, arbeitet "Im Himmel, unter der Erde", so der Titel, gegen das Vergessen. Seit der Premiere der RBB-Koproduktion, die 2011 in den Kinos zu sehen war, "kommen immer mehr Menschen zu uns, insbesondere aus dem Ausland", sagt Hendrik Kosche. Kosche koordiniert seit 1. März den Antrag, den Jüdischen Friedhof Weißensee zum Weltkulturerbe zu erklären. Der angestrebte Unesco-Titel würde Sanierung und Schutz weiterer Gräber ermöglichen und sicherlich das Interesse an der einzigartigen Anlage weiter fördern.

 

Auf dem Friedhof wohnen auch Menschen. Für Susanne Pobbig und Sebastian Schulz ist es selbstverständlich, die jüdische Kultur und die Würde dieses Ortes zu achten. Und das nicht nur, weil es in ihrem Mietvertrag steht. Vor fast zehn Jahren zogen die Grafik- und der Gamedesigner hierher, vor vier Jahren wurde ihr Sohn Jonathan geboren, vor sechs Monaten sein Bruder Jakob. Die Altbauwohnung über dem Büro der Friedhofsverwaltung ist für die Familie ein Glücksfall. Dass die Kinder nicht direkt vor der Haustür spielen und toben können, sei auch nicht anders als bei vielen Mietshäusern in der Stadt. Nur: "Hier ist es grün, die Luft ist gut und wir haben unsere Ruhe", sagt Susanne Pobbig. Sie genieße das, auch die Aussicht. Aus der Wohnung im ersten Stock hat man einen wunderbaren Blick auf das Grün.

 

Auch auf die kleinen Lebensbäume, die unter anderem am Urnenfeld wachsen. Dort sind an diesem Tag 1,50-Euro-Jobber tätig. Seit 1. Juni arbeiten 20 Hartz-IV-Empfänger hier draußen in Weißensee und verdienen sich etwas dazu. "Früher waren hier mal 300 Menschen beschäftigt, jetzt arbeiten 15 Angestellte der Jüdischen Gemeinde hier - die 20 Jobber nicht mitgezählt", sagt Hendrik Kosche.

 

Einer von ihnen ist Torsten Schulz. "Ich wollte raus und was Sinnvolles machen", sagt er. Der 44-Jährige ist gelernter Vermesser. Jetzt entfernt er auf dem Friedhof Totholz. Scholz macht die Arbeit sichtlich Spaß, und sie war auch Anlass für ihn, sich mit der jüdischen Kultur zu befassen.

 

Julius Kurz ist ebenfalls oft auf dem Friedhof. Der 14-Jährige besucht die nahe gelegene Heinz-Brandt-Oberschule an der Langhansstraße. Julius trägt wie alle männlichen Besucher eine Kippa. Die Kopfbedeckungen liegen am Eingang bereit. Julius hat einen Plan in der Hand. Er ist heute unterwegs zum Grab von KaDeWe-Begründer Adolf Jahndorf (1870-1932). "Wir machen ein Projekt und bieten Führungen über den Friedhof an", sagt Julius. "Dabei stellen wir einige der hier beerdigten prominenten Juden vor. Ich erzähle beispielsweise etwas über das Leben von Jahndorf", sagt Julius. Auch an Lina Morgenstern (1830-1909), die Begründerin der Berliner Volksküche, oder viele andere Persönlichkeiten, die hier begraben sind, wird erinnert. Das Projekt "Jüdischer Friedhof" läuft bereits seit 2007 an der Sekundarschule.

 

"Mit Erfolg", wie Lehrerin Annette Harney berichtet. Die Schüler erhalten nicht nur Einblicke in die jüdische Kultur und Religion. "Sie lernen auch, dass Juden nicht nur Opfer, sondern eine ganz wichtige Bereicherung Berlins waren", sagt Harney. Und sie seien mit Leidenschaft dabei. So wie Julius. Er will einen Film über den Jüdischen Friedhof drehen. Die Erinnerung bleibt lebendig. Auch die an den Komponisten Lewandowski.

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