Kriminalität in Berlin
Kriminalität in Berlins Bezirken und Stadtteilen
Kriminalitätsbelastung in öffentlichen Räumen
1,5 Kilometer "Te-Damm", wie die Anwohner ihre Straße nennen, fährt er mindestens täglich, Richtung Mitte.
Und zwischen acht und neun Uhr ist Stau, darauf kann man sich verlassen. "Dann kann ich mich einfach zwischen den stehenden Autos hindurch schlängeln." Nur von den geparkten Wagen am Straßenrand versucht der Fahrradkurier sich fernzuhalten - er hatte schon seine Erlebnisse mit aufklappenden Fahrertüren. Der Autobesitzer sucht schon wütend nach Lackschäden, da ist der Fahrradkurier noch in der Luft und segelt auf eine harte Landung zu. "Spontanstopp" heißt das lakonisch bei den Kurieren.
Möglichst durch und weg, die Strecke zwischen dem Flughafengebäude und dem Ullsteinhaus, das gerade schon auf dem Mariendorfer Damm steht, aber den Tempelhofer noch mit den Zehenspitzen berührt, das ist das, was den meisten zum Tempelhofer Damm einfällt, die hier vorbeikommen. Oder die fluchend im Stau stehen und den Blick kaum von der Stoßstange des Wagens vor ihnen wenden. Für die Anwohner ist der Te-Damm ein stetes Rauschen, das sie gar nicht mehr wahrnehmen. 52 500 Autos am Tag im Abschnitt der Straße nördlich der Autobahn A 100. Und Olli auf seinem Rad ist der Schwächste auf den vier Fahrbahnen, und nicht beliebt: "Busfahrer hassen uns, und die Polizisten sind oft unsere Feinde."
Tausende Kilometer am Te-Damm
Detlef Handel, 54, Polizeikommissar, sieht eher nett aus. Seit acht Jahren ist er einer der TeDamm-Kobs, der Kontaktbereichsbeamten, die in der Gegend für Ruhe und Freundlichkeit unter den Nachbarn sorgen sollen. "Die Köbse", sagen die Kollegen aus dem Abschnitt 44 - die Wache liegt einige Meter vom Tempelhofer Damm entfernt in der ruhigeren Götzstraße - zärtlich zu den Kollegen auf der Straße.
Die Te-Damm-Geschichte, die Handel zuerst einfällt, ist ihm eigentlich peinlich: Als Kob muss man auch schon einmal Kinder ansprechen, die gerade gemütlich auf der Parkbank rauchen. Das tat er auch, bei zwei 14-Jährigen. Sagt dann der Junge zum Mädchen: "Davon wird auch die Oberweite kleiner!" Sagt das Mädchen: "Ich hab doch genug", und reißt das T-Shirt hoch. Der erwachsene Polizeikommissar war der einzige, der rot wurde. Manchmal begegnet er den beiden noch, dann müssen sie lachen, er inzwischen auch.
Seine Kob-Kollegen vom Tempelhofer Damm trifft er manchmal, Höhe Woolworth oder Albrechtstraße. Wolfram Räder, 60, Polizeioberkommissar, sehr ruhig und distinguiert mit weißen Haaren, der hier seit drei Jahren seine Runden dreht. Und Peter Meyer, 55, Polizeimeister, ist seit fünf Jahren täglich sieben Kilometer zu Fuß am Tempelhofer Damm unterwegs, schätzt er. Das macht über die Jahre einige tausend Kilometer Te-Damm.
Ihre erste Aufgabe heute, bevor sie zum Dienst auf der Straße aufbrechen, ist eine junge Frau, die auf der Wache Götzstraße im Foyer wartet. Handel hat noch schnell eine Zigarette geraucht, das tut man nicht in Uniform vor dem Bürger. Ist auch dienstlich verboten. Das Glas Wasser an warmen Tagen, das die Wirte im Revier an warmen Tagen gerne anbieten, das dürfen sie ebenso wenig annehmen. Die rauchenden Polizisten im Hinterhof der Wache dagegen dürfen sich mal ein bisschen zurücklehnen und sagen, wie ihnen ist. Sie haben gerade geflachst über "den Verfall der Dienstkultur". Früher, da habe man sich ja häufig zur "Nachlagebesprechung" getroffen, jetzt nicht mehr, "jetzt gibt es ja Kuchen" - diese Art Lagebesprechung, die sie meinen, heißt übrigens: Nach Dienstschluss mit den Kollegen auf ein Bier in den Kneipen der Nachbarschaft.
Die junge Frau, die den ersten Fall meldet, ist etwas aufgeregt, sie will einen Kontobetrug anzeigen - jemand hat ihr 5000 Euro überwiesen, sie kann sich das nicht erklären. Schon am ersten Ampelübergang folgt die nächste Geduldsprüfung für die Kontaktbereichsbeamten - ruhig bleiben. Einer radelt vorbei, ein Bürger, wie sie sagen würden, er ist so um die 60, mit kurzen Hosen und einem Bauch, dem man das "Kindl" darin schon ansieht. "Hö, gleich drei BVG-Piepels!", grölt er rüber. Die drei schauen sich an. "BVG geht ja noch", sagt Meyer: "Als wir die blauen Uniformen bekommen haben, da haben uns Radfahrer, die wir gestoppt haben, ganz ernsthaft gefragt: Welche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme seid ihr denn?"
Trotzdem, sagt Meyer, sei der Tempelhofer Damm noch bürgerlich, altes "West-Berlin": "In meiner Ecke in der Höhe Kaiserin-Augusta-Straße gibt es viele kleine Läden, Alt-Berliner-Flair". Und die weißhaarigen Damen, die mit ihren Rollatoren auf dem Weg zur Drogerie vorbeikommen, die klammern sich an ihr gewohntes Umfeld, zäh wie die Alt-Berlinerinnen eben sind. Meyer hat sogar ein Hirschgehege in seinem Bereich; so nennen sie es am Tempelhofer Damm. Die Tempelhofer, die heute um die 30 sind, haben als kleine Kinder die Tiere im Franckepark alle gefüttert.
Auch heute warten Kinder vor dem Drahtzaun, sie haben ihren Müttern die 1-Kilo-Beutel mit ganz gesunden Möhren abgeschwatzt, um das Gemüse zu verfüttern. Ursula, 61, und Hans-Peter Hübener, 70, sitzen unter einer Linde im Sonnenschein und spielen Rommé. Die beiden sind seit sechs Jahren verheiratet und im Sommer oft zusammen hier. Mit Campingtisch und Stühlen und Rommé, oder mit Decke und Büchern. Sie haben keinen eigenen Garten, aber den Park. "Dit is ne jute Ecke", sagt Hans-Peter. Und das Rauschen des Verkehrs hört man auch nur ganz leise, beruhigend wie ein steter Strom.
Auf der anderen Seite, gegenüber dem Rathaus, sammelt Julie Charlotte, genau ein Jahr und acht Monate alt, im Alten Park gerade die Gänseblümchen ein. Sie mag am Tempelhofer Damm die Zweige und Blumen im Park, alles, was man sammeln und verschenken kann, und die "Gagas" - so heißen Vögel in Julie Charlottes Sprache.
Hinterm Damm warten die Hirsche
Seit einem Jahr wohnt sie am Tempelhofer Damm. Ihr Vater Kay Dreißiger ist 27 Jahre alt, Heilerziehungspfleger, und hat eine gute Wohnung für seine junge Familie gefunden, 650 Euro warm für 70 Quadratmeter: "Hier trifft man unglaublich viele junge Familien." Prenzlauer Berg ist zu teuer, Friedrichshain auch, und Partys braucht man nicht, wenn man ein kleines Kind hat, um schlaflos zu sein. Er geht mit seiner Frau vielleicht noch einmal im Monat aus, dafür reicht die Bahn. Und über die ehrwürdigen Einkaufsstraßen in Charlottenburg sagt er: "Das sind Pelzmäntelchen-Straßen. Wir am Tempelhofer Damm sind mehr Jack Wolfskin, aber aus dem Outlet oder Secondhand. Damit es preiswerter ist." Er zog vor einem Jahr aus Neukölln an den Te-Damm, seitdem geht er mindestens einmal pro Woche mit seiner kleinen Tochter zum Hirschgehege. Manchmal kommen die Tiere sogar am Zaun vorbei und checken das Nahrungsangebot. Meist sind sie aber zu satt und müde. Es kommen eben viele junge Familien mit Möhren vorbei.
"Hirsche, meine Fresse", sagt der Typ mit Punkfrisur und viel Metall im Gesicht im Vorbeigehen, sehr entnervt: "Im Gehege ist doch gar kein echtes Rotwild, nur Damwild!" Er zeigt seiner kleinen Tochter, vielleicht vier Jahre alt, im Franckepark gerade, wie man die verschiedenen Baumarten erkennen kann.
Die Polizisten schlendern weiter. Heute ist ein guter Tag, es scheint die Sonne, die Leute sind gut gelaunt, und einige ältere Damen bleiben beim Fototermin stehen, schauen sich die Herren in Uniform ausgiebig an und zeigen dann: Daumen hoch. "Is dit 'n Single?", fragt eine, elegant gekleidet, der Stil ist eher Kurfürsten- als Tempelhofer Damm, interessiert und zeigt auf den Polizeioberkommissar POK Räder: "Ick wär ja dafür noch zu haben!"
Viele, viele Meter des Tempelhofer Dammes weiter, schon wieder an der Ecke Götzstraße, in der kleinen Grünfläche mit den großen Kirschbäumen, treffen die Kobs ihre Kolleginnen vom Ordnungsamt. Die haben sich in eine Ecke verzogen, um heimlich zu rauchen (in Uniform nicht vor dem Bürger, wie gesagt). Die drei fachsimpeln mit den beiden Frauen, über das Wetter, über die Menschen, über Bürger, die einen anzeigen, wenn man sie wegen Falschparkens verwarnt. "Mensch, wenn die Kollegen uns so sehen", frotzeln die drei: "Die denken doch, wir gehen nur spazieren." - "Und die Kinder sagen: Wenn ich groß bin, will ich auch Kob werden."
Ein weißes Fahrrad als Mahnmal
Den Polizisten kommt ein Radfahrer Mitte 40 auf dem Bürgersteig entgegen, er steigt schnell ab und schiebt mit unschuldigem Blick vorbei. Dann grinst er, haben die Bullen ihn doch nicht erwischt. Die Köbse grinsen auch. Haben sie ihn doch nicht erwischen müssen.
Wolfram Räder, der Kommissar, erklärt das so: "Da sind immer zwei Seelen in unserer Brust. Ja, Radfahren auf dem Bürgersteig darf man nicht. Aber andererseits - wir würden auf dem Tempelhofer Damm, auf der Fahrbahn, ja selber auch nicht Radfahren. Viel zu gefährlich." Er zeigt auf die gegenüber liegende Straßenseite, und sagt sehr traurig: "Genau da vor der Drogerie, da haben sie uns doch das Mädchen tot gefahren."
Vor der Drogerie, Hausnummer 146, steht ein kleines, weiß lackiertes Fahrrad seit mehr als drei Jahren. Dort wurde am 11. März 2008 ein Kind von 14 Jahren überfahren - gleich dort, wo der Radweg endet. Der ADFC hat das weiße Fahrrad als Denkmal für das Mädchen dorthin gestellt. Es ist wahrscheinlich das einzige Fahrrad Berlins, das bereits so lange draußen steht und noch nicht geklaut wurde. Da passen die Anwohner auch auf.
Die Kobs ziehen weiter. Keine Probleme heute, die Geschäftsleute grüßen nur freundlich, und klar - wenn mal eine Verkäuferin eine Kiste mit besonderen Angeboten raustragen muss, hilft man mal eben.
"Mensch, dass du hier bist", sagen sie und schütteln Levent Kargin, 43, die Hand. Er hat seit 15 Jahren die Kette "City Chicken" und zieht am Tempelhofer Damm gerade in ein neues, größeres Restaurant um. Die Kobs (und die Cops und die Wache und die gesamte Nachbarschaft im Abschnitt 44) gehen zu Levent Hühnchen essen, wenn sie Hunger haben. Andere alteingesessene Gaststätten dagegen, die sind einfach verschwunden, seit es den Flughafen nicht mehr gibt, seit 2008. Ruft man jetzt die Nummer der Traditionskaschemme "Am Rollfeld" an, früher eine Te-Damm-Legende, meldet sich ein fröhlicher Inder: "Herzlich willkommen im Mahatma, indische Spezialitäten". Das kleine Café, in dem sich die Piloten oft trafen, hat zu, sogar der Supermarkt schloss.
Doch statt der Geschäftsreisenden und der Piloten kommen nun andere, neue Leute an den Tempelhofer Damm. Meist ziemlich jung, sportlich - und vergnügungssüchtig. Ein ganz normaler Werktagnachmittag auf dem Tempelhofer Feld. Die Sonne scheint, zwischen den früheren Rollahnen brüten die Feldlerchen, sagt ein Hinweisschild am Eingang. Auf dem Rasen picknicken ein paar Leute in schwarzem Antifa-Schick. Beim Aufbruch legen sie ihre Decken sehr ordentlich zusammen, genau auf Kante.
Die ersten Rollerskater, die vorbei gleiten, haben schon die Shirts abgelegt und fahren sommerlich frei. Nebenbei läuft auch noch ein Radrennen. Und der Mann mit dem riesigen Lenkdrachen, weiter entfernt, hebt in einer plötzlichen Böe fast ab. Es passt zur Geschichte des Feldes: Es gibt Bilder schon aus dem Jahre 1905, wo Berliner Flugdrachen steigen lassen, schon Ende des 19. Jahrhunderts war das 350 Hektar große Feld Naherholungsgebiet - Familienausflüge mit Picknick, Hundewettrennen, und auch der B.F.C Germania 1888, der älteste deutsche Fußballverein, trainierte anfangs auf dem Grün.
Luisa, Finja und Antonia, die lieber Tonja genannt wird (alle 14) albern auf einer rot-weißen früheren Rollbahnbegrenzung herum. Sie finden den Nachmittag in der Sonne und im Gewühl der Sportler und Zuschauer perfekt - und es kostet nichts: "Im Sommer kommen wir häufiger", haben sie schon entschieden. Und was genau wollen sie tun? "Na, nichts. Einfach zusammen sein, reden, gucken." Gerade sind sie beim wichtigsten Thema überhaupt - bei Jungs, und dass es mit Antonia und ihrem Schwarm ja "etwas hätte werden können, wenn er es ernst gemeint hätte." Der Flugbetrieb, der vor nicht einmal drei Jahren eingestellt wurde, ist hier schon weit weg, Vergangenheit. Die drei müssen los, Luisa soll um 19 Uhr zuhause sein. Das findet sie zu früh, aber die beiden anderen gehen aus Solidarität mit: "Wir können ja morgen wiederkommen", sagen sie.
Für die drei Köbse ist die Schicht noch nicht zu Ende. Sie patrouillieren weiterhin an den Parks und Geschäftshäusern vorbei und erschrecken Radler, die auf dem Bürgersteig fahren. Die Bürger grüßen heute freundlich, keiner meckert, wenn sie ihn mahnen, vom Fahrrad zu steigen. "Tja, meistens ist es schon ein schöner Beruf", sagt Räder.
Morgen lesen Sie: Königin-Luise-Straße
"In meiner Ecke gibt es viele kleine Läden mit Alt-Berliner-Flair"
Peter Meyer, Polizeibeamter
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