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Sie spielt nicht mal eben mitten in einer Hotelhalle ein paar Takte auf der Geige, weil das auf Bildern schöner aussieht als wenn sie das Instrument einfach so in der Hand hält. Und sie bleibt auch nicht ganz gelassen, wenn sich die Hotelgäste umdrehen und tuscheln, wer wohl das kleine Mädchen ist, das gerade vor der bunten Wand fotografiert wird.
Aber als der Fotograf fertig ist und Chiara-Marie sich wieder zu ihren Eltern in die bunte Sitzgruppe setzt, ist sie dann plötzlich doch sehr normal und sehr neunjährig. Die Sessel im Musikhotel nhow, in das Chiara-Maries Managerin Sylvia Hahnisch zum Interview geladen hat, sind poppig bunt und vor allem sehr, sehr wackelig, da kann eine Neunjährige natürlich nicht einfach still darauf sitzen. So beantwortet sie die Fragen eben im Liegen, wenn der Sitz gerade nach hinten kippt – und das ist ziemlich beruhigend. Schließlich ist Chiara-Marie sonst ganz Profi.
Als Zweijährige hat sie ihren Eltern zum ersten Mal mitgeteilt, dass sie Geige spielen möchte, mit dreieinhalb Jahren hatte sie Unterricht. Mit vier spielte sie ihr erstes Violinkonzert im Friedrichstadtpalast und machte bei „Jugend musiziert“ einen ersten Platz. Seitdem reist die Berlinerin mit ihrer Geige durch Deutschland, spielte in Paderborn und Eisleben, stand bei der MDR-Weihnachtsshow in Chemnitz, beim Landesmusikfest in Bremen, bei einem Solokonzert in der Schweiz auf der Bühne. Sogar in der Berliner Philharmonie hat sie gespielt. Am Mittwochabend ist sie im ZDF bei „Deutschlands fantastischer Märchenshow“ mit Jörg Pilawa.
„Sie tritt gern auf“, versichert ihre Mutter Jana Dullin, selbst Geigenlehrerin, und erzählt von der Vorbereitung auf das Casting für die Märchenshow: Von Montag bis Freitag hätte Chiara-Marie 15 Filmmusiken und Märchenlieder gelernt – kein Wunder, dass sie ausgewählt wurde, um den Kandidaten die Musik vorzuspielen, die Hinweise auf das zu erratende Märchen geben soll. Schnell gelernt hat sie schon immer, nicht nur an der Geige. In der Schule hat Chiara-Marie die zweite Klasse übersprungen und gehört trotzdem zu den besten Schülerinnen. Neulich habe sie mal die Hausaufgaben vergessen, erzählt die Fünftklässlerin, „dann bin ich drangekommen und hab trotzdem eine Eins bekommen.“ So einfach ist das.
Und so einfach klingt es auch, wenn Chiara-Marie von ihren Auftritten erzählt. „Nö“, sagt sie auf die Frage, ob sie vorher aufgeregt sei, „ich geh da einfach raus.“ Das Spielen gehe fast von selbst, erzählt sie: „Einmal habe ich mit dem Kopf gar nichts gemacht, nur mit den Fingern – und das hat alles gestimmt.“ Nur bei Wettbewerben hat sie mit Problemen zu kämpfen, die allerdings nichts mit ihrem Können zu tun haben: Ihre Tochter musiziere mit jedem gern, sagt Jana Dullin – und viele wollten mit ihr gemeinsam auftreten. Chiara-Marie sagt nicht „Nein“, sogar, als sie 40 Grad Fieber hatte, sei sie auf die Bühne gegangen, erzählt die Neunjährige: „Bei Wettbewerben habe ich jedes Mal Fieber.“ „Die Wettbewerbe sind immer im Februar“, sagt ihre Mutter und fügt erklärend hinzu: „Erkältungszeit“. Die Eltern hätten den Auftritt absagen wollen, „aber da bekam Chiara Weinkrämpfe“.
Ist Chiara-Marie ein Wunderkind? „Mag sein“, sagt die Mutter. „Aber auch Wunderkinder müssen entdeckt und gefördert werden.“ Das übernahm zuerst eine Pädagogin der Musikschule, die Chiara-Maries Eltern aufgebaut haben. Durch die „Jugend musiziert“-Wettbewerbe wurde ein Professor der Berliner Universität der Künste auf das Mädchen aufmerksam. „Er hat sie regelmäßig vorspielen lassen“, erzählt Jana Dullin, „und vor eineinhalb Jahren in die Geigenklasse aufgenommen.“ Seitdem hat sie einmal wöchentlich beim ihm Unterricht.
Hinzu kommen die Übungszeiten zu Hause. Ein bis zwei Stunden spielt sie täglich, mindestens. „Manchmal hab ich keinen Bock“, sagt Chiara-Marie sehr ehrlich, „aber das kommt beim Spielen, dann will ich nicht mehr aufhören.“ Ihre Mutter stellt ihr schon mal einen Wecker hin, der nach eineinhalb Stunden klingelt, „damit sie entscheiden kann, ob sie weiter übt – oder aufhört, um noch Zeit zum Spielen zu haben.“ Mit den Barbies zum Beispiel, aber auch Inlineskaten und Schlittenfahren liebt die Neunjährige. Eigentlich spielt sie außerdem Fußball, aber da muss sie pausieren, weil sich die Trainingszeiten mit dem Geigenunterricht überschneiden.
Und dann braucht sie natürlich noch Zeit für ihre Freundinnen. Dass Chiara-Marie schon mal im Fernsehen ist, macht sie in der Klasse nicht zum Außenseiter, im Gegenteil: „Wenn ich erzähle, dass ich nächste Woche im Fernsehen bin, sagen meine Freundinnen immer: ‚Das will ich mir aufschreiben, damit ich das nicht verpasse.'“ Die meisten haben sie trotzdem nie gesehen, „weil es immer so spät kommt“, bedauert Chiara-Marie. Sie selbst ist um viertel nach acht noch wach: „Sie braucht sehr wenig Schlaf“, sagt Vater Frank-Henry Gaebelein, der die „Leistungsfähigkeit“ seiner Tochter „beeindruckend“ findet, vor allem, weil sie nicht sechs, sieben Stunden am Tag üben müsse, um ihre Stücke spielen zu können. Große Achtung habe er vor seinem Kind, versichert er. Dass das alles manchmal zu viel sein könne für eine Neunjährige, glaubt er nicht: „Wenn man selbst Musik studiert hat, weiß man, dass das Spaß macht.“
Chiara pflichtet ihm bei: „Ich habe einen großen Wunsch“, sagt sie energisch, „den werde ich immer verfolgen. Und der ist: Geigerin zu werden.“ Deshalb sind sich die Eltern sicher: „Bei der Musik wird sie bleiben, in irgendeiner Form.“ Auch wenn sie dem Wunderkindalter irgendwann entwachsen ist und die Konkurrenz größer wird. Ihre Auftritte vor großem Publikum haben ihr eine Sicherheit gegeben, die andere Kinder in ihrem Alter noch lange nicht haben. „Sie sucht sich Leute im Publikum, mit denen sie flirtet“, erzählt Jana Dullin. Und deshalb ist es gut vorstellbar, dass es auch künftig Getuschel gibt, wenn Chiara-Marie fotografiert wird. Nur dass die Zuschauer dann nicht mehr rätseln, wer da fotografiert wird – sondern dass es heißt: „Das ist doch diese Geigerin.“ Den Willen dazu hat Chiara-Marie jedenfalls.
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